Paula Modersohn-Becker: Werk und Biografie

Die große Einfachheit

Sie reduzierte ihre Malerei aufs Wesentliche und überwand so den Naturalismus. Der Tod von Paula Modersohn-Becker jährt sich zum 100. Mal, üppige Ausstellungen ehren die Künstlerin.
Die große Einfachheit

Paula Modersohn-Becker: "Selbstbildnis nach halblinks, die Hand am Kinn", 1906, 29 x 20 cm

Zwei junge Studenten der Düsseldorfer Kunstakademie, Otto Modersohn (1865 bis 1943) und Fritz Mackensen (1866 bis 1953), hatten genug von staubigen Schulräumen und dem ewigen "Köpfezeichnen", wie Modersohn es nannte. Bei ihm musste "das tiefe poetische Gefühl für die Natur alles überragen, um dessen willen ich male". Beide spürten, dass sie sich im akademischen Lehrbetrieb nicht verwirklichen konnten.

Düsseldorf sei "äußerlich, nobel, kokett", vertraute Modersohn seinem Tagebuch an, das "entsetzliche Gewühl" dort war nichts für den Naturburschen aus Westfalen. Wie seine französischen Vorbilder der Schule von Barbizon - etwa Charles-François Daubigny, Camille Corot und Théodore Rousseau - zog es ihn, wann immer er konnte, in die heimatliche Landschaft. Er suchte ein "stilles, ruhiges, tiefes inniges Leben".

Fritz Mackensen, der seinen Sommerurlaub in Worpswede verbrachte, einem kleinen, unberührten Dorf am Rande des Teufelsmoors nördlich von Bremen, lud den Kommilitonen zu sich ein. 1889 ließen die beiden sich in Worpswede nieder, weitere Großstadtmüde folgten, so die Maler Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck und Clara Westhoff sowie deren späterer Mann, der Dichter Rainer Maria Rilke. Eine Künstlerkolonie, die noch heute existiert, war entstanden.

1898 gesellte sich die 22-jährige Malerin Paula Becker dazu. Die gebürtige Dresdnerin, die für kurze Zeit in Bremen, London und Berlin Kunst studiert hatte, fühlte ähnlich wie die abtrünnigen Akademiestudenten. Hier fand sie Verständnis unter Gleichgesinnten - und die große Liebe: Am 12. September 1900 verlobte sich Paula Becker heimlich mit Modersohn, den sie im Jahr darauf heiratete. Sie malte damals Porträts und vom Impressionismus geprägte Studien der Worpsweder Moor- und Birkenlandschaft.

Die große Einfachheit

Paula Modersohn-Becker: "Zwei Mädchen an einem Birkenstamm stehend", 1902

Aber schon in diesen Bildern sind Ansätze zu einem reduzierten Aufbau zu erkennen, zum Abschied von der Raumillusion, der ihre späteren Werke prägt. Anders als ihre männlichen Kollegen, die sich hauptsächlich der Landschaftsmalerei verschrieben hatten, wollte Paula Modersohn-Becker den Menschen zum Thema ihrer Kunst machen. Sie suchte nach Wegen, das Wesentliche der Personen herauszuarbeiten, frei von überflüssigem Beiwerk.

Während die Männer sich an Natureindrücken und deren schwelgerischer Darstellung berauschten, an stimmungsvollen Sonnenuntergängen, dem klaren Licht und den fliehenden Wolken über dem Teufelsmoor, strebte sie eher nach dem Gegenteil: "Die große Einfachheit der Form ist etwas Wunderbares", vertraute sie dem Tagebuch an, das sie zeit ihres Lebens geführt hat. Paula Modersohn-Becker erkannte, dass sie diese "große Einfachheit" in Worpswede nicht finden würde, und beschloss, die entscheidenden Impulse in der Kunstmetropole Paris zu suchen.

Paula Modersohn-Becker
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Paris war so ganz anders als die norddeutsche Künstlerkolonie im Teufelsmoor

1900 reiste sie zum ersten Mal an die Seine; bis 1907 folgten drei weitere Aufenthalte. Anfangs hatte sie "einen Horror vor der großen Stadt", war dann aber, so der Kunsthistoriker Rainer Stamm, "berauscht von den Möglichkeiten und Sinneseindrücken", von der Atmosphäre, die so ganz anders war "als in der norddeutschen Künstlerkolonie im Teufelsmoor", und geriet in "Champagnerlaune". Das Außergewöhnliche, das Unakademische, fand sie zunächst beim Außenseiter Vincent van Gogh. In einer Ausstellung von Paul Gauguin lernte sie dann, dass die "Einfachheit der Form" durch große, ruhige Farbflächen erzielt werden konnte und durch Vermeiden der perspektivischen Darstellung. Ein weiteres Schlüsselerlebnis wurde eine Ausstellung im Auktionshaus Drouot, die sie gemeinsam mit dem befreundeten Ehepaar Clara und Rainer Maria Rilke besuchte und in der sie ersten Kontakt zu außereuropäischer Kunst bekam - die dort gezeigte Sammlung Hayashi umfasste Kunstgewerbe und Malerei aus China und Japan.

"Mich packte die große Merkwürdigkeit dieser Dinge", schrieb die Malerin in ihr Tagebuch: "Mir scheint unsere Kunst noch viel zu konventionell. Sie drückt sehr mangelhaft jene Regungen aus, die unser Inneres durchziehen. Das scheint mir in der altjapanischen Kunst mehr gelöst. Der Ausdruck des Nächtlichen, des Grauenhaften, des Lieblichen, Weiblichen, des Koketten, alles dies scheint mir auf eine kindlichere, treffendere Weise gelöst zu sein, als wir es tun würden." Und sie formulierte in schlichter, eindringlicher Form den Satz, der ihr Credo wurde: "Auf das Hauptsächliche das Gewicht legen!" Die bedeutendste Anregung aber bekam sie im Louvre: 1903 entdeckte sie in einem abgelegenen Saal ägyptische Mumienporträts. Diese realistischen Bildnisse waren entstanden, weil nach ägyptischem Glauben nur dann das ewige Leben gesichert war, wenn der Tote nicht in Vergessenheit geriet.

Action! Painting!
Sie war international und modern wie keine andere deutsche Malerin um 1900. Nun holt ein Kinofilm Paula Modersohn-Becker in die Gegenwart. art besuchte die Dreharbeiten

Deshalb wurden die Porträts schon zu Lebzeiten angefertigt. "Nicht wir, die Besucher, betrachten ungeniert die fremden Gesichter, sondern wir fühlen uns unversehens von ihnen gemustert, gewogen - und gelegentlich zu leicht befunden", schreibt die Schriftstellerin Eva Demski (art 2/1999) über die Bilder aus dem 1. bis 4. Jahrhundert nach Christus, die in der Oase Fayum gefunden worden waren. Besonders die Augen - "sehr ruhig, nicht immer gerade auf den Betrachter gerichtet, sondern oft an ihm vorbei in Gegenden, die wir noch nicht sehen können" (Demski) - müssen es Paula Modersohn-Becker angetan haben. Die "Einfachheit der Natur" könne sie "an den Köpfen der Antike lernen", notierte sie 1903. "Wie sind sie groß und einfach gesehen. Stirn, Augen, Mund, Nase, Wangen, Kinn, das ist alles. Es klingt so einfach und ist doch so sehr, sehr viel."

Die Begegnung mit der Antike wirkte auch daheim im ländlichen Worpswede nach. Der oft melancholische Gesichtsausdruck, der eigentümlich entrückte, aber auch äußerst suggestive Blick kehrte nun in ihre Bilder ein, vor allem in ihre Selbstporträts. Sie reduzierte die Züge auf strenge, karge Formen, modellierte ihre Motive aus ruhigen, wiewohl pastosen Farbflächen und verlieh ihren Bildern so eine große Kraft und Monumentalität.

Die große Einfachheit

Paula Modersohn-Becker: "Selbstbildnis mit Kamelienzweig", 1906 / Rechts: Mumienporträt einer jungen Frau (120 bis 130 nach Christus)

Vor allem die Bauern des Dorfes und deren Kinder wurden zu ihren bevorzugten Modellen. Modersohn-Becker war nicht daran gelegen, das ländliche Leben im Stil der Genremalerei zu idealisieren. Sie malte das Wesentliche dieser kantigen, von harter Arbeit in der rauen Landschaft gezeichneten Menschen, gab ihnen Würde und Eigenart. Denn sie verlor nie das Individuum aus den Augen; ihre Bilder sind bei aller Kraft und innerer Größe zugleich empfindsame menschliche Charakterstudien.

Vor allem das Motiv Mutter und Kind, das am ehesten zu poetischer Verklärung verführen könnte, bekam in Paula Modersohn-Beckers Malerei eine ganz eigene Qualität. Eine Mutter im Bild von 1906, die ihren Säugling stillt, hat ausladende Hüften, riesige Brüste, kräftige Arme und Beine - und doch ist die Szene voller Innigkeit und Intimität. Mit dieser Haltung stand die Künstlerin in krassem Gegensatz zu ihrem Kollegen und früheren Lehrmeister Fritz Mackensen: "Die Art, wie Mackensen die Leute hier auffasst, ist mir nicht groß genug, zu genrehaft", notierte sie 1902: "Wer es könnte, müsste sie mit Runenschrift schreiben." Rund 750 Gemälde und 1000 Zeichnungen hat sie hinterlassen, dazu unzählige Tagebuchseiten und Briefe - Früchte eines langen, erfüllten Leben, sollte man meinen. Aber Paula Modersohn- Becker wurde nur 31 Jahre alt.

Die große Einfachheit

Ein Jahr vor der eigenen Mutterschaft malte Paula Modersohn-Becker: "Liegende Mutter mit Kind II", Sommer 1906

Am 2. November 1907 gebar sie nach schwersten Komplikationen die Tochter Mathilde. Schmerzen in den Beinen wurden fälschlich als Nervenleiden diagnostiziert, in Wirklichkeit erlitt sie eine Embolie. Ihre letzten Worte waren am 20. November: "Wie schade!" "Die Ergebnisse ihres Tastens und Suchens nach dem 'großen Einfachen' in der Kunst", so Rainer Stamm, hatte die Malerin "weitgehend vor neugierigen Blicken verborgen gehalten". Erst mit der Sichtung des Nachlasses kam die Bedeutung ihres Lebenswerks zum Vorschein.

Dieser Artikel erschien erstmals in art – Das Kunstmagazin Ausgabe 10/2007.