Gregor Schneider in Bonn

Aus der Höhle der Erkenntnis

Gregor Schneider baute die Kaaba in Mekka nach, er entkernte das Geburtshaus von Joseph Goebbels und verwandelte einen Traumstrand in ein Gefängnis. Der deutsche Architekt unheimlicher Räume bekommt nun eine große Werkschau in Bonn

Als Gregor Schneider 2001 auf der Biennale von Venedig weltberühmt wurde, hielten ihn nicht wenige für den Norman Bates der Kunstwelt. Denn ähnlich wie der Mörder aus Alfred Hitchcocks "Psycho" ging Schneider ganz im Haus seiner Eltern in Mönchengladbach-Rheydt auf.

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In Jahren einsamer Fron baute er das Gebäude zu einer sich ständig wandelnden Phantasmagorie aus spiegelbildlichen Räumen, schalldichten Verliesen und rotierenden Zimmern um und ließ es schließlich in tonnenschweren Auszügen nach Venedig transportieren. Man konnte gar nicht anders, als nach dem Besuch des "Toten Hauses u r" den einen oder anderen Gedanken an die psychische Verfassung des Hausherrn zu verschwenden – denn dieser schien sich langsam, aber sicher in ein monumentales Kunstwerk einmauern zu wollen.

Auch der 1969 geborene Schneider hat damals wohl nicht geahnt, wie behände er sich aus diesem vorstädtischen Pharaonengrab befreien würde, ohne seiner Kunst dabei untreu zu werden. Mittlerweile hat er seine Tüfteleien an verschlossenen Räumen und biografischen Beklemmungen so weit variiert, dass die von ihm selbst gestaltete Werkschau "Wand vor Wand" in der Bonner Bundeskunsthalle alles andere als eintönig zu werden verspricht. Schneider baute die Kaaba in Mekka als "gewöhnlichen" schwarzen Würfel nach, und er entkernte das Geburtshaus von Joseph Goebbels, um den Bauschutt als Lektion darüber auszustellen, dass sich die NS-Vergangenheit eben nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen lässt.

Für eine begehbare Schreckenskammer nahm er sich das Gefängnis von Guantanamo Bay zum Vorbild – allerdings weniger, um uns dabei ein Gefühl für Isolationshaft zu vermitteln, als um der Frage nachzugehen, inwiefern wir uns überhaupt eine Vorstellung dieser geheimen Gefängnisräume machen können. Und das Ideal der Freizeitgesellschaft hinterfragte der Deutsche an Australiens berühmtesten Strand, dem Bondi Beach, wo er 21 identische Gitterzellen in den Sand setzte. 

In Bonn gestaltet Schneider einen Parcours seiner wichtigsten Werke: angefangen bei Malereien und Aktionen aus den achtziger Jahren über einige vollständige aus "Haus u r" ausgebaute Räume bis hin zu aktuellen Projekten, Filmen, Skulpturen und inszenierten Situationen. Allenfalls im Bild wird allerdings Schneiders zuletzt gebauter Coup zu sehen sein: In Stommeln verbarg er die zur Kunsthalle umgewidmete Synagoge unter der Larve eines gewöhnlichen Einfamilienhauses und brachte das ehemalige jüdische Gotteshaus wieder zum Vorschein, indem er es verschwinden ließ.

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