Max Beckmann in New York

Ein halber Amerikaner

Mit seiner nervösen Energie, seiner Schlaflosigkeit, den Ängsten und Fantasien, die in ihn trieben, hatte Max Beckmann in Manhattan den richtigen Platz für sich gefunden. »Wie Berlin vor dem Krieg, hundertfach multipliziert« beschrieb er die Stadt, in der er seine letzten Jahre verbrachte. Eine Ausstellung im Metropolitan Museum lässt den Künstler nun wieder in sein altes Exil zurückkehren.

Am Morgen des 27. Dezembers 1950 war Max Beckmann auf dem Weg zum Metropolitan Museum of Art. Den zweiten Weihnachtstag hatte der deutsche Künstler damit verbracht, in seinem Atelier zu malen. "Schneefall, den ganzen Tag gearbeitet", schrieb er in seinen Kalender. Beckmann war mit einem seiner Selbstporträts, das den Maler mit ernsthaftem, müdem Blick darstellt, die obligatorische Zigarette in der Hand, im Metropolitan Museum in der Gruppenshow "American Painting Today" vertreten. Die Eröffnung hatte er nicht besucht. Also wollte er sich die Ausstellung an diesem Morgen ansehen.

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Er sollte es nicht in das Metropolitan schaffen und das Bild, das Beckmann mit blassem Gesicht zum kobaltblauen Jackett zeigt, sollte sein letztes Selbstporträt sein. Er hatte es erst im Februar 1950, wenige Tage nach seinem Geburtstag in seiner neuen Heimat New York fertiggestellt. An der 69ten Straße, nahe des Central Parks, blieb Beckmann plötzlich stehen. Der 66-jährige erlitt auf der Straße einen Herzinfarkt und starb.

66 Jahre später ließ sich die deutsche Kuratorin Sabine Rewald von der Geschichte über Beckmanns Tod zu einer Ausstellung im Metropolitan inspirieren. Gezeigt werden 14 Bilder, die Beckmann in seinen New Yorker Jahren von 1949 und 1950 malte, sowie 25 Werke aus der Zeit von 1920 bis 1948, die aus New Yorker Sammlungen stammen. Die kleine, feine Ausstellung ist eine Hommage an den deutschen Künstler, der nach Jahren im Exil in Amsterdam in New York ein Zuhause gefunden hatte – und mit der Show wieder zurück nach Manhattan kehrt.

Zu konservativ für Pollock und de Kooning

Die Gruppenausstellung von 1950, an der Beckmann teilgenommen hatte, sollte lediglich dafür in Erinnerung bleiben, dass sie extrem konservativ war. Wellen schlug sie nur, weil eine Gruppe von abstrakten Expressionisten, darunter Willem de Kooning, Jackson Pollock, Ad Reinhardt, Barnett Newman, Clyfford Still, Adolph Gottlieb oder Robert Motherwell, die später zu Weltruhm aufsteigen und Amerika in den Mittelpunkt der Kunstwelt rücken sollten, öffentlich dagegen protestierte. Beckmann wird der Protest nicht interessiert haben. Zu künstlerischem Ruhm hatte er es an diesem Punkt in seinem Leben bereits mehrfach gebracht: In den 20er Jahren war der Expressionist auf der Höhe seines Erfolges. Seine Bilder, die oftmals in der Welt des Unwirklichen beheimatet sind, wurden europaweit ausgestellt. An der Städelschule in Frankfurt übernahm Beckmann 1925 eine Meisterklasse. Er verkehrte in den wichtigen kulturellen Kreisen der Stadt. 1928 hatte Beckmann eine große Retrospektive in Mannheim und wurde mit dem Reichsehrenpreis Deutscher Kunst ausgezeichnet. Doch mit der Machtergreifung der Nazis fand seine Karriere schlagartig ein Ende. Beckmanns Kunst wurde von den Nazis als entartet verfemt. Der Maler zog nach Berlin, bevor er 1937 nach Amsterdam floh.

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Sein Werk wird eng mit dem Berlin der zehner und zwanziger Jahre verknüpft, doch zeitlebens tat sich Max Beckmann schwer mit dieser Verbindung und giftete in seinen Tagebüchern gegen die Hauptstadt.

Beckmann sah die Stadt als Zwischenstation an. Doch der geplante Umzug nach Paris oder der Plan, nach New York auszuwandern, scheiterte daran, dass der Krieg ausbrach. Zehn Jahre sollte Beckmann in Amsterdam bleiben. Die Sprache seiner mehrdeutigen, voller Symbole steckenden Arbeiten wurde in dieser Zeit immer rätselhafter. Das Leben im Exil machte Beckmann schwermütig, er setzte viel Schwarz in seinen Bildern ein. Das gute Leben, das der Künstler so schätzte, führte er dennoch auch zu Kriegszeiten weiter. Er verkehrte in seiner Lieblingsbar. Ein Bild von 1943 in der Ausstellung zeigt Beckmanns Frau Quappi und die Schwiegertochter des Künstlers beim Genuss von Austern in einem sündhaft teuren Restaurant, während wegen des Krieges die Lebensmittel rationalisiert wurden. Beckmann bekam in den Niederlanden nicht viel Beachtung und wurde auch nach Kriegsende als feindlicher Ausländer bezeichnet. Im Sommer 1947 erhielt er die ersehnte Einreiseerlaubnis in die USA, wo er erst als Kunstprofessor an der Washington University Art School in St. Louis arbeitete und ab 1949 einen Lehrauftrag an der Art School des Brooklyn Museums in New York bekam. Seine Berliner Kunsthändler J.B. Neumann und Curt Valentin hatten Beckmann bereits in Amerika bekannt gemacht.

Der »Dschungel« New York

Dem Künstler gefiel die Stadt, die er in einem Brief als "Dschungel" bezeichnete und als "Berlin vor dem Krieg, hundertfach multipliziert" beschrieb. Mit seiner nervösen Energie, die er mit Zigaretten zu ersticken versuchte, seiner Schlaflosigkeit, den Ängsten und Fantasien, die in ihn trieben, hatte er in Manhattan den richtigen Platz für sich gefunden. Er empfand den Umzug nach New York als das Ende seines Exils. Beckmann lief zu allen Tag- und Nachtzeiten zu Fuß durch Manhattan. Eigenartigerweise malte er jedoch in seiner New Yorker Zeit nicht ein einziges Bild von der Stadt. Allerdings verewigte zwei von seinen Lieblingsplätzen in Bildern: Das St. Regis und das Plaza Hotel, wo er gern für einen Drink einkehrte. Das letzte Selbstporträt des Deutschen war wie die anderen 306 Werke in der Gruppenshow über die amerikanische Malerei unter mehr als 6000 Arbeiten von einer Jury ausgewählt worden. Dabei hatte Beckmann noch nicht einmal die US-Staatsbürgerschaft erlangt, die er 1948 eingereicht hatte. Der Prozess dauerte damals fünf Jahre. Beckmann war, wie er über sich selbst sagte, "ein halber Amerikaner".

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