Bernard Buffet in Paris

"Jedem seinen schlechten Geschmack!"

Bernard Buffet badete lieber im Hass, als sich zu erneuern. 1955 wurde er als Wunderknabe und Nachfolger Picassos gehandelt, später von der Kunstkritik abgelehnt und als Maler für die kleinen Leute gehandelt. Schafft er es, 17 Jahre nach seinem Tod, die Kritiker doch noch zu überzeugen? Heinz-Peter Schwerfel wagt einen Blick auf die Retrospektive im Pariser Museum für Moderne Kunst.
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Bernard Buffet: "Tête de clown", 1955

Immer hat es am Kunsthimmel Kometen gegeben, die strahlend ihre Bahn zogen, um dann in der Schwärze des Vergessens zu verschwinden. Manche wurden vor dem völligen Verschwinden wenigstens dadurch gerettet, dass sie ein Kapitel der Kunstgeschichte stark prägten und zumindest in den Archiven der Historiker abgelegt wurden. Andere überlebten weniger durch ihre Werke als ihren Status in den Zeitgeistkolumnen der Klatschpresse. Und wieder andere wurden unsterblich auf Abruf, weil einige wichtige Sammler viel Geld in sie investierten.

Aber in welche dieser Kategorien gehört der Franzose Bernard Buffet? Geboren 1928, war er der Wunderknabe der Pariser Nachkriegszeit, der als 20-jähriger Kunststudent das Glück hatte, als Künstler einer der wichtigsten philosophischen Bewegungen des Jahrhunderts zugerechnet zu werden, dem Existenzialismus. Während die Moderne in New York abstrakt weitergeschrieben wurde und die Grauen des Krieges ins Informel führten, feierte die Pariser Klatsch-Presse Buffets gegenständliche Gemälde als Illustrationen der Ideen eines Jean-Paul Sartre und der Szene des Viertels Saint-Germain-des-Près. Buffet sollte der neue Picasso werden.

Doch während andere figurative Außenseiter der frühen fünfziger Jahre – von de Kooning über Copley bis Dubuffet – heute Rehabilitierung von Kritik und Sammlern erfahren, bleibt Buffet als malerische Sternschnuppe weiter in der Versenkung verschwunden. Und das, obwohl einige mächtige Sammler – vor allem aus Japan – ihm schon früh spektakuläre Häuser widmeten, lange bevor der große Trend zu riesigen Privatmuseen einsetzte.

Nachrichtenmagazine wie Time, Spiegel oder Stern hievten Buffet in den frühen Sechzigern auf ihre Titel

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Der Mann mit dem goldenem Arm: Ein Spiegel-Cover von 1956 zeigt ein Selbstporträt des Malers

Mit diesem angeblichen Versehen inkompetenter Kunsthistoriker will jetzt im Pariser Museum für Moderne Kunst, schon 1953 reich mit Buffets beschenkt, eine üppige Retrospektive aufräumen. Offensiv wird gleich zum Auftakt der Umgang der damaligen Kunstkritik mit dem ehemaligen Wunderkind erzählt – wie die Klatschspalten der damaligen Regenbogenpresse um Paris Match, aber auch internationale Nachrichtenmagazine wie Time, Spiegel oder Stern Buffet in den frühen Sechzigern auf ihre Titel hievten, während die Kunstkritik ihn längst mit absteigender Tendenz unter ferner liefen führte. 

These der Pariser Ausstellung mit rund 100 prächtig gehängten Werken von 1947 bis zu Buffets Freitod 1999 sowie allerersten Jünglingsversuchen, ist, erst das Desinteresse der Kunstkritik und der europäische Sammler habe Buffet zu einer Art künstlerischen Freiheit verholfen, die dem ehemaligen Wunderkind, dank seines ermalten Wohlstands, abseits der Öffentlichkeit in seinem normannischen Schlösschen von Saint-Crespin zu kreativer Unabhängigkeit verhalf. Was so nicht unbedingt stimmt: Die Pariser Galerie Maurice Garnier in der noblen Avenue Matignon, die außer Buffet keinen anderen Künstler vertrat, zeigte von ihm jedes Jahr im Februar eine Themenausstellung von Bildern im immergleichen Stil mit Hafenansichten, Stillleben oder Nackerten, die schwerlich nichtssagender hätten sein können.

Das Spätwerk Buffets ist unerheblich, daran gibt es keinen Zweifel. Aber es umfasst rund vierzig Jahre, und das macht die Sache so schlimm. Denn es gibt viel zu viele schlechte Bilder Buffets, die den Blick auf die guten verstellen. Bilder ohne jede Weiterentwicklung, ohne thematisches oder formales Engagement, Produkte eines unglücklichen Ex-Stars, der sich in den Windungen seiner Depressionen verlor und trotzdem weitermalte.

Bernard Buffet füllte auch das letzte Kalenderblatt mit seinen abgemagerten Figuren

Georges Mathieu, ein anderer abgestürzter Star des Pariser Kunsthimmels, sagte in der achtziger Jahren, er habe schon lange keine Lust mehr zu malen, weil sich niemand mehr für seine Bilder interessiere. Buffet malte und verkaufte weiter, nach einem frühen ersten Spiegel-Titel 1956 mit der Hollywood abgelauschten Titelzeile "Der Mann mit dem goldenen Arm" bis Spiegel-Titelbild, das Kanzler Ludwig Erhardt zeigte. Und bis auch das letzte Kalenderblatt gefüllt war mit Buffets abgemagerten Figuren und Landschaften, die schwarz konturiert und grafisch einprägsam am Leben litten. Und er untermauerte diese Trotzhaltung mit seltenen, aber markigen Sprüchen, wie dem berühmten "Jedem seinen schlechten Geschmack": Buffet badete lieber im Hass der Kunstkritik anstatt sich zu erneuern.

1947 hatten die auf Askese stilisierten Protagonisten des 19-jährigen Kunststudenten noch mit dem Gemälde "L’Atelier" den Kritikerpreis gewonnen, 1955 wurde Buffet gar zum wichtigsten Maler der Nachkriegszeit gekrönt – in Frankreich, wohlgemerkt. Als Wiederentdecker eines malerischen Realismus entdeckt, wurde er mit tabubrechenden Bildern wie "Mann in der Toilette" (1947) oder den "Frauen bei ihrer Toilette" (1953) zum künstlerischen Ideal des Zeitgeistes, ehe die in schwarzem Existenzialismus gewandete Fauna von Saint-Germain ihn trotz seiner legendären Schüchternheit dank Freundschaft mit Francoise Sagan oder Jean Cocteau zu ihrem Helden erkor. Später half sein Lebenspartner und Förderer Pierre Bergé, ihn bekanntzumachen, ehe Bergé 1958 plötzlich zu einem anderen scheuen Melancholiker wechselte – Yves Saint-Laurent. Von Bergé stammt denn auch der schöne Satz: "Buffet ist der Maler, über den am meisten geredet wird, der aber selbst am wenigsten sagt." 1958 war folgerichtig ein Schlüsseljahr für Buffet – er heiratete das mondäne Starmannequin Annabel und malte seine Bildnisse von Frauen mit weitgespreizten Beinen, die sich neben überdimensionierten Vögeln flätzten.

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Bernard Buffet: "Schrecken des Krieges", 1956

Das mindestens muss man Bernard Buffet zugute halten: Er hat nie Berührungsängste mit dem eigenen schlechten Geschmack, mit schaurigem Kitsch und dramatischer Übertreibung gezeigt. 1955 malte er sich selbst als "Clown" und den Zirkus als traurige Schau fliegender "Trapezkünstler", 1956 zeigten seine "Schrecken des Kriegs" zeitnah zum Korea-Krieg einen fliegenden Todesengel vor blutrotem Himmel, und seine "Kreuzigungen" wimmeln von leidenden Männern mit dünnen Beinen und dicken Bäuchen. Eben dieser ausführlich formulierte Stil, der allzuoft die Nähe zu Besteller-Themen – Clown, Bibel, Krieg – suchte, sorgte aber auch dafür, dass man der Buffet'schen Signatur mit ihrer markant steil Schrift, die wichtiger Teil des Bildes blieb, bald wieder überdrüssig wurde. Die Bilder sprangen den Betrachter in ihrer Deutlichkeit an, es gab keinerlei Raum zu Interpretation oder Andeutung, alles war auf den ersten Blick gesagt. Buffet wurde zum Maler der kleinen Leute, die auf Anhieb verstanden: Hier geht es um Kunst.

Genau das ist die große Schwäche Buffets und die Stärke der im übrigen bestens besuchten Pariser Ausstellung. Auch hier versteht das Publikum auf den ersten Blick, worum es geht. Es erlebt noch einmal malerische Zeitgeschichte, zumindest zehn Jahre lang in einem frischen und erfrischenden Look. Von da an geht’s bergab. Eine Ausstellung, die interessant ist für einen Ausflug in das Paris der Nachkriegszeit und seine Schickeria, die Bohème sein wollte. Neue Erkenntnisse zum damaligen Kometen Buffet bringt sie nicht.

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Musée d’Art moderne de la Ville de Paris ,  Paris