Künstler Helmut Kolle

Der deutsche Französling

Helmut Kolle kannte Picasso und Braque, lebte in Paris das Leben eines Dandys und malte hübsche Toreros und in Bücher versunkene Matrosen. Die deutsche Kritik verachtete ihn dafür als "erotisierenden Französling". Noch heute finden sich kaum Werke des früh verstorbenen Malers in deutschen Museen. Von privaten Sammlern wird er dafür umso mehr geschätzt.
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Helmut Kolle: "Lesender Matrose", 1926/1927, Öl auf Leinwand, 99 x 81 cm

Bei Helmut Kolle (1899-1931) fühlt man sich wie auf einem Kostümball der einsamen Herzen. Man trifft gedankenverlorene Toreros, melancholische Matrosen und grazile Dandys, immer in leicht gezierten Posen, meistens sitzend mit abgewendetem Blick und fast immer allein.

Auch die jungen Jockeys und Feuerwehrmänner wirken nicht, als würden sie gerade von der Arbeit ausruhen, eher wie lebendig gewordene Fantasien, die kaum zu Leben erweckt, schon von Schwermut übermannt wurden. Oder warten sie einfach darauf, dass sie von jemandem aufgegabelt werden?

Die deutschen Kritiker, die Helmut Kolle einen "erotisierenden Französling" schalten, hatten zumindest diese eine Sache kapiert: Der fragile Maler, großbürgerlicher Sohn des Bakteriologen Wilhelm Kolle, versuchte weder seine Homosexualität noch seine Abscheu vor den kernigen Männerbildern des alten Kaiserreiches zu verschleiern.

Über seinen Lebensgefährten Wilhelm Uhde, lernte Helmut Kolle auch Picasso, Cocteau und Braque kennen

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Helmut Kolle: "Stehender Knabe mit roter Hose und Fruchtkorb", Öl auf Leinwand, 1922, 33 x 19 cm

Sein malerisches Ideal war der Picasso der klassizistischen Phase, seine Motivwahl wirkt wie ein Blick in den Spiegel: Wie auf seinen zahlreichen Selbstporträts scheint sich Kolle auch in der Abfolge raffiniert herausgeputzter junger Männer der eigenen Stellung in der Gesellschaft zu versichern.

Im Paris der 1920er Jahre kam das gut an, kam auch Helmut Kolle gut an. Er war an der Seite seines Lebensgefährten, des Kunsthändlers Wilhelm Uhde, nach Frankreich übergesiedelt und lernte durch diesen Picasso, Cocteau, Braque und die von Uhde maßgeblich protegierten Primitiven kennen. In Frankreich stellten ihn wichtige Galerien aus, in Deutschland biss Uhde bei seinen Werbegängen für Kolle öfters auf Granit – die wenigen Werke, die er in deutsche Museen vermitteln konnte, wurden von den Nazis später als "entartet" aussortiert.

Helmut Kolle ließ sich weder dem Expressionismus noch der Neuen Sachlichkeit zuordnen

Auch nach dem Krieg, als die deutschen Museen händeringend den Anschluss an die Moderne suchten, war Kolle kein Thema mehr. Warum, ist schwer zu sagen: Vielleicht weil er sich weder dem Expressionismus noch der Neuen Sachlichkeit zuordnen ließ, vielleicht aber auch wegen seiner offenen, den Bildern unschwer abzulesenden Homosexualität; und ganz sicher, weil sein wichtigster Agent, Wilhelm Uhde, 1947 gestorben war. Es waren vor allem private Sammler, die Kolle in Deutschland etablierten und die wenigen deutschen Ausstellungen belieferten: 1952 im Hamburger Kunstverein, 1994 im Münchner Lenbachhhaus. Die erste umfassende Kolle-Retrospektive, im Museum Gunzenhauser in Chemnitz, ließ bis ins Jahr 2010 auf sich warten.

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Helmut Kolle: "Sitzender Mann mit Vogel", Öl auf Leinwand, 1927; 117 x 80 cm

Zu den Kunsthändlern, die versuchten, Helmut Kolle wieder ins Gespräch zu bringen, gehört Dorothee Vömel. Sie bekam ihren ersten Kolle 1960 von ihrem Schwiegervater, dem Galeristen Alex Vömel, geschenkt. Heute kennt man dessen Namen vor allem in Zusammenhang mit dem jüdischen Kunsthändler Alfred Flechtheim, dessen Düsseldorfer Galerie Vömel 1933 nach dessen Flucht ins Ausland weiterführte – vermutlich mit Flechtheims Einverständnis und in dessen Sinne, aber so ganz genau weiß man das nicht. Unbestritten ist hingegen, dass Alex Vömel unter den Nazis weiterhin Bilder verfemter Künstler zeigte und nach dem Krieg ein engagierter Vermittler der Moderne blieb – und offenbar schätzte er auch Helmut Kolle. Drei Einzelausstellungen zu Kolle hat Dorothee Vömel seit 1988 gezeigt, die letzte, in diesem Jahr, war praktisch ausverkauft – ein knappes Dutzend Werke, darunter auch Unverkäufliches, wird sie auf der Kölner Kunstmesse Cologne Fine Art (17. bis 20. November 2016) präsentieren.

Vömel glaubt, dass die Chemnitzer Retrospektive noch einmal einen Schub für die Etablierung Kolles als wichtigen Künstler der Moderne brachte und sie hat eine eigene Theorie für Kolles Motivauswahl: "Kolle war immer krank und schwach, vielleicht malte er deswegen starke Männer." 1922 wurde bei ihm eine chronische Herzkrankheit diagnostiziert, an der er neun Jahre später im Alter von nur 32 Jahren starb. Kolle wusste, dass er sich einen Wettlauf mit dem Tod lieferte, was vielleicht erklärt, warum ein Teil seines Werkes hastig und unfertig wirkt und ein anderer wie eine Liebeserklärung an den schönen Schein. Als sei das Äußerliche das einzige, an dem man sich in einer flüchtigen Welt festhalten kann.

Galerie Vömel

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