Grafiken von Matisse in Münster

Der Harmoniefetischist

Unter dem Dach des Picasso-Museums in Münster schlummern nicht nur Arbeiten des katalanischen Meisters, sondern auch Werke weiterer großer Künstler. Nun bereichert eine bedeutsame Matisse-Sammlung das Haus – die Grafiken sind nun das erste Mal zu sehen.
Der Harmoniefetischist

Henri Matisse: "Polynesien, Der Himmel", 1946, Teppich

Mit einer Visitenkarte, auf der fettgedruckt "Picasso-Museum" stehe, habe man es beim Versuch eine bedeutsame Grafiksammlung von den Matisse-Erben zu erwerben, nicht leicht, sagt Museumsdirektor Markus Müller. Kein Wunder, gilt der französische Meister doch als schärfster Konkurrent des Namensgebers des Münsteraner Museums: Picasso, der Brachiale, und Matisse, der "Harmoniefetischist", wie Müller sagt, verband ein stichelnder Wettbewerb. Stierkampf der eine, Balletttanz der andere, beide Meister der Moderne.

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Müller hat es dennoch geschafft und durch einen Ankauf durch die örtliche Sparkasse 121 Arbeiten aus den Beständen der Matisse-Nachkommen nach Münster gebracht - nun die größte zusammenhängende Matisse-Sammlung in Deutschland, wie er stolz hinzufügt. Ab Samstag sind große Teile dieser zuvor im Verborgenen schlummernden Kollektion erstmals in einer Ausstellung zu sehen - und werden fast erschlagen von den prächtigen Matisse-Leihgaben aus Frankreich oder schon älteren Museums-Beständen, mit denen die Macher  der Ausstellung sie in Bezug setzen.

Denn es ist beim Gang durch die Museumsräume Matisse' berühmte Farbigkeit, die ins Auge fällt. Da sind die Scherenschnitte, mit denen er das Malerbuch "Jazz" illustrierte, bunte Knalleffekte aus geschnittenem Papier aus der Zeit, in der dem von Krankheit gezeichneten Mann das Ausschneiden leichter fiel als das Malen. Da sind die ornamentalen Korallen- und Vogelformen auf einem mächtigen Wandteppich in kräftigen Blau-Tönen. Für dessen Gestaltung hatten ihn eine Tahiti-Reise und das Südseelicht inspiriert.

Da ist ein ganzer Raum für den Bühnengestalter Matisse: Für eine Aufführung des Balletts "Le Chant du Rossignol" 1920 entwarf er die Kostüme: Das Märchen der singenden Nachtigall spielt am Hofe des Kaisers von China, eine fremdländische Welt, die gut zu Matisse' Vorliebe für exotisches Dekor passt: Goldene asiatische Drachen, majestätische Rottöne, geschwungene und verspielte Linien zieren die rekonstruierten Gewänder der Balletttänzer.

Zwischen solch schreienden Meisterwerken haben es Lithographien, Holzschnitte und Zeichnungen naturgemäß schwer - doch wer hinschaut sieht die Bezüge, die Untrennbarkeit der Grafiken mit ihren klaren Linien mit dem Gesamtwerk. Bühnenfreund Matisse zeichnete etwa Balletttänzer, ein wiederkehrendes Motiv seiner gesamten Laufbahn. Sein unermüdlicher Fleiß auf der Suche nach Harmonie zeige sich auch in den Madonnen-Lithographien, allesamt Vorstudien für die Rosenkranzkapelle von Vence, deren Glasfenster und Innenausstattung der Tausendsassa erdachte. Auch hier war er wieder ganz Mensch der Bühne: "Ich mache diese Kapelle wie ein Theater", soll er gesagt haben.

Matisse auf einer Fotografie von Carl van Vechten
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Er baute orientalische Ornamente in seine Studie exotischer Haremsdamen ein, in dem er die Modelle mit üppigen Kleidern ausstaffierte oder sie vor gemusterte Vorhänge und Tapeten setzte. "Wie ein Dramaturg", sagt Museumsdirektor Müller. Eine nicht fertig gestellte Malerei zeigt zudem, dass auch bei Matisse die Zeichnung die Grundlage war: Unter und neben den farbigen Flächen sind noch nicht aus- und übermalte Skizzen zu sehen.

Einmal von einem Journalisten nach seiner wichtigsten Technik gefragt, habe Matisse eine Festlegung verweigert, erzählt Ann-Kathrin Hahn, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums. Jede Technik sei Ausdruck seiner selbst. Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Januar 2017 zu sehen.

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