Duchamps Flaschentrockner: Geschichte einer modernen Ikone

Die Erfindung des Readymade

Ist das Kunst – und wenn ja wie viele? Es ist nicht nur das erste wirkliche Readymade der Kunstgeschichte – der Flaschentrockner von Marcel Duchamp hat auch eine schillernde Vergangenheit. Daran erinnert der derzeitige Verkauf einer Replik in der Pariser Galerie von Thaddaeus Ropac. In den Hauptrollen: Man Ray, Robert Rauschenberg und Duchamps Schwester Suzanne.
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Marcel Duchamp: "Porte-bouteilles" (Flaschentrockner), 1959, Verzinktes Eisen, 59,1 x 36,8 cm

Vor genau 100 Jahren machte Marcel Duchamp die vielleicht wichtigste Kunst-Erfindung des 20. Jahrhunderts: das Readymade. Trotzdem mag in diesem Jahr niemand so recht Geburtstag feiern. Weil sein Konzept gekaufter Alltags-Objekte wie Schneeschaufel, Pissoir, Haarkamm oder Hutaufhänger als Kunst dem Markt bis heute nicht geheuer ist? Weil es die noch persönlich vom Erfinder abgesegneten und signierten Orginialobjekte kaum mehr zu kaufen gibt, stattdessen aber viele vom Schalk Duchamp autorisierte Editionen zirkulieren? Weil das Konzept also immer noch zu radikal – oder zu verwässert ist?

Duchamps Forderung war, die von ihm ausgewählten, industriell gefertigten Gegenstände dürften keinerlei ästhetischen Reiz haben, um nur ja nicht zu einem 'richtigen' Kunstwerk zu werden. Eine Strategie, die nicht aufging, denn die Readymades wurden zum revolutionären Kultobjekt, zur Legende, von der es kaum noch Originale gibt. Der Kunstmarkt mag Duchamp - der zu Lebzeiten so gut wie nichts verkaufte - bis heute nicht trauen, aber Tatsache ist, dass 2009 in Paris das Unikat von Duchamps Parfüm-Flasche "Belle Haleine" für immerhin 11,5 Millionen US-Dollar versteigert wurde - das Sechsfache des unteren Schätzpreises. Kleine Einschränkung: Das Fläschchen kam aus der Sammlung von Yves Saint-Laurent und Pierre Bergé.

Er gilt als erste Readymade, weil er ohne jede künstlerische Einwirkung ausgestellt wurde

Galerist Thaddaeus Ropac stellt nun in seiner Pariser Filiale das fünfte und letzte Original des ästhetisch wohl verführerischsten aller Readymades vor: einen "Porte-Bouteilles" (zu deutsch schlicht Flaschentrockner), auf dem die Franzosen ihre ausgetrockneten Weinflaschen aufzuspiessen pflegen, bevor sie im Glas-Container entsorgt werden. Dank einiger überlieferter Äusserungen Duchamps war diesem die erotische Zweideutigkeit dieses Aufspiessens von Flaschenöffnungen durchaus bewusst, er spielte sogar damit, so dass der "Porte-Bouteilles" keinesfalls ein unschuldiges Readymade ist, wie etwa der Haarkamm. In der Galerie Ropac wird das gute Stück ausserdem effektvoll an die Decke gehängt und mit Spots so beleuchtet, dass es zur Raumskulptur wird und dramatische Schatten an die Wand wirft. Dazu sind in Glasvitrinen Originalbriefe Duchamps zu sehen, die auf die ganz besondere Geschichte des Flaschentrockners hinweisen, der allgemein als das erste wirkliche Readymade Duchamps gilt, weil er – im Gegensatz zum kurz vorher gekauften Speichenrad eines Fahrrades – ohne jede künstlerische Einwirkung ausgestellt wurde. Außerdem besitzt er eine besonders spannende Geschichte.

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Marcel Duchamp bei einer Überfahrt von New York nach Paris

Denn Duchamp aktivierte ihn auf Distanz: In einem Brief an seine Schwester Suzanne bat er diese 1916, in seinem Atelier einen zwei Jahre vorher von ihm erworbenen grauen "Porte-Bouteilles" mit einer von ihm vorgegeben Inschrift und der Formel "nach" Marcel Duchamp" zu versehen – was Suzanne aber offensichtlich versäumte. Jedenfalls wurde erst 1935/36 ein Flaschentrockner in der Surrealismus-Ausstellung der Galerie Raton in Paris ausgestellt und mehrfach von Duchamps Freund Man Ray fotografiert. Allerdings verlor dieser ihn auch. Als Duchamp 1958 den "Porte-Bouteilles" für eine Ausstellung in New York brauchte, musste Man Ray auf Geheiß Duchamps - der versprach, ihm die Kosten zu erstatten - beim Pariser Kaufhaus BHV einen neuen kaufen und ihm schicken. Er wurde im Januar 1959 dann in der New Yorker Ausstellung "Kunst und das gefundene Objekt" und deren sieben amerikanischen Stationen ausgestellt und von Duchamp auf dem untersten inneren Metallband mit der humorvollen Inschrift signiert, er erinnere sich nicht mehr an den ursprünglichen Satz von 1916.

Robert Rauschenberg: »Die fantastischste Skulptur, die ich jemals gesehen habe«

Aber das ist nur das erste Kapitel der abwechslungsreichen Geschichte eines beliebig austauschbaren Objektes, das die Galerie Ropac nun für einen geschätzten Preis von um die 10 Millionen Euro anbietet. Das zweite Kapitel betrifft den langjährigen Besitzer des Objekts, denn Duchamp verkaufte es 1960 nach Ende der Ausstellungstournee keinem Geringeren als dem amerikanischen Künstler Robert Rauschenberg - zum symbolischen Kaufpreis von immerhin drei Dollar. Duchamp kannte und schätzte Rauschenberg, damals mit Jasper John liiert, seit 1953, und ging gern in beider Atelier. Rauschenberg wiederum, der selbst an der Ausstellung "Kunst und das gefundene Objekt" teilgenommen hatte, nannte den "Porte-Bouteilles" die "fantastischste Skulptur, die ich jemals gesehen habe", und ließ sich wiederholt von Duchamp für eigene Arbeiten inspirieren. Kein Wunder also, dass er den Franzosen ansprach, als er hörte, der "Porte-Bouteilles" sei zu verkaufen.

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Marcel Duchamp: "Porte-bouteilles" (Flaschentrockner), 1959, Verzinktes Eisen, 59,1 x 36,8 cm

Verkäufer des derzeit in der Galerie Ropac ausgestellten Objektes, das offiziell den Titel "Replik des verlorenen Originals von 1914" trägt, ist denn auch die Rauschenberg Foundation, deren Leiterin Christy MacLear den Verkauf damit begründet, mit dem Erlös den Werkkatalog des 2008 gestorbenen Rauschenberg finanzieren zu wollen. An Interessenten dürfte es nicht mangeln, denn es ist das Zweitälteste von fünf Repliken des verlorenen Originals. Das älteste Exemplar schenkte Duchamp vermutlich in den zwanziger Jahren seiner Schwester Suzanne, es gehört heute einer Privatsammlung. Die anderen drei sind im Besitz von Museen in Philadelphia, Stockholm und Los Angeles. Das MoMA, die Tate Gallery oder das Centre Pompidou besitzen kein Exemplar, nicht einmal aus der zweiten Serie von insgesamt acht Exemplaren, die mit Duchamps Segen im Rahmen der Edition aller seiner elf Readymades durch den Mailänder Händler Arturo Schwarz im Jahre 1964 vertrieben wurden, und von denen zum Beispiel die Staatsgalerie Stuttgart eines ihr eigen nennen darf. Kein Wunder also, dass die Rauschenberg Foundation verfügte, nur ein öffentliches Museum dürfe das just in der Woche der Kunstmesse FIAC in der Galerie Thaddaeus Ropac ausgestellte Stück erwerben, eventuell mit Unterstützung von privatem Geld. Das mag den Preis vielleicht drücken, es bleibt ein schönes Geschenk zum 100. Geburtstag einer Erfindung, die die Kunstgeschichte umkrempelte: das Readymade.

Theo van Doesburg, Kleine Dada Soirée, 1922
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