Städel entdeckt Kirchner-Gemälde

Seltener Glücksfall

Die Welt ist um ein Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner reicher. Das Städel-Museum in Frankfurt hat hinter einer Leinwand eine zweite gefunden, von deren Existenz bisher niemand wusste.
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Die Farben der Szene im Café sind so leuchtend und frisch, wie Kirchner selbst sie gesehen haben muss. Ernst Ludwig Kirchner: "Szene im Café", um 1926, Öl auf Leinwand, 47 x 55 cm

"Die Schlittenfahrt im Schnee könnte man mal wieder hängen", dachte sich Felix Krämer, Sammlungsleiter Kunst der Moderne am Frankfurter Städel-Museum, und ließ das Bild, das Ernst Ludwig Kirchner zwischen 1927 und 1929 in Davos malte, aus dem Depot kommen. Weil es ein bisschen schmutzig war, gab er es dem Restaurator, der es zur Säuberung vom Keilrahmen nahm. Dann passierte, was eigentlich nie passiert und was bei einem weltbedeutenden und beliebten Großmeister wie Kirchner, dessen Werk als total erschlossen gilt, noch viel unwahrscheinlicher ist: Es tauchte hinter der Schlittenfahrt eine zweite Leinwand auf.

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Unter diesem Bild wurde die Café-Szene entdeckt. Ernst Ludwig Kirchner: "Schlittenfahrt im Schnee", 1927–1929, Öl auf Leinwand, 47 x 55 cm

"Wir haben das Bild, das in keinem Werkverzeichnis auftaucht, "Szene im Café genannt", erzählt Krämer. Er geht davon aus, dass Kirchner selbst es gewesen sein muss, der vor etwa 90 Jahren die Café-Szene nahm, eine Leinwand auf den bereits bespannten Keilrahmen nagelte und ein neues Bild begann. "Es war noch die originale Bespannung auf dem Rahmen", so Krämer. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass das ein echter Kirchner ist."

So hatte sich die feuchte Farbe der Schlittenfahrt auf die Café-Szene durchgedrückt. Auch gibt es einen Brief von Kirchner an den Sammler Carl Hagemann, in dem der Künstler im Februar 1918 schreibt: "Es ging mir des öfteren so, daß drei bis vier Leinwände übereinander gezogen wurden, wenn ich keine Keilrahmen hatte." Der Fund ist natürlich eine Sensation. Die Farben der Szene im Café sind so leuchtend und frisch, wie Kirchner selbst sie gesehen haben muss. Das Bild, das wohl von 1926 stammt, war nie schädlicher UV-Strahlung oder sonstigen Umwelteinflüssen ausgeliefert. "Hätten wir unsere Sammlung um einen Kirchner ergänzen wollen, hätten wir so ein Bild aus seinem Spätwerk gekauft", so Krämer. Glück muss man haben!

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Zwei übereinander liegende Leinwände von Kirchner

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