Oskar Schlemmer – Bauhaus, Ballett und bunte Feste

Der Tanzmeister

Bei ihm kam die Moderne in Bewegung. Bauhaus-Künstler Oskar Schlemmer ließ geometrische Figuren Pirouetten drehen und vereinte Kunst und Theater.
Der Tanzmeister

Foto aus dem Regieheft des "Triadischen Balletts" von einer Aufführung von 1927

Wie will man mit dickem Kugelbauch einen Pas de deux tanzen? Wie auf der Spitze schweben, wenn dicke Polster die Beine schwer machen oder Drahtreifen um den Leib schaukeln? Oskar Schlemmer verlangte viel von den Tänzerinnen und Tänzern seines Triadischen Balletts. Er schob ihre Hände in riesige Kugeln und versteckte die Gesichter hinter Masken. Seine Kostüme bestanden aus Holz, Draht, Leder, Aluminiumfolie und Celluloid. "Es tut weh, es ist schwer, zwickt und kneift", sagt Bettina Wagner-Bergelt. Sie ist die stellvertretende Ballettdirektorin des Bayerischen Staatsballetts, das Schlemmers Triadisches Ballett rekonstruiert hat. Keine leichte Aufgabe für die Kompanie, die in den starren, raumplastischen Kostümen einer "Bodengeometrie" folgen muss. Schlemmer sprach von einem "Tanz der Dreiheit". Was soll das mit Ballett zu tun haben, fragten sich die jungen Tänzer in München.

Nach fast 100 Jahren wirkt das Triadische Ballett fast noch radikaler als bei der Uraufführung 1922 in Stuttgart. Dieser "kubistische Scherz", wie die Presse schrieb, machte Schlemmer international bekannt und war das Ergebnis jahrelanger Vorarbeiten. Erstmals konnte er seine Vision realisieren: die Synthese von bildender und darstellender Kunst. Oskar Schlemmer ist als bildender Künstler in die Kunstgeschichte eingegangen, er selbst aber fühlte sich zeitlebens hin- und hergerissen zwischen Kunst und Theater. Gestaltete er Bühnenbilder und Kostüme, verfluchte er, Kompromisse machen zu müssen und nur "Schuhputzer der eitlen Schauspieler und Regisseure" zu sein. Malte er aber ungestört im Atelier, vermisste er den dreidimensionalen Bühnenraum. Im Triadischen Ballett aber gelang es Schlemmer, die Malerei in den Raum zu transferieren.

Die Staatsgalerie Stuttgart stellte 2014 in der Ausstellung "Visionen einer neuen Welt" den doppelt begabten Oskar Schlemmer aus. Es war eine kleine Sensation, denn fast 40 Jahre lang war das Lebenswerk dieses wichtigen Bauhaus-Künstlers und Repräsentanten der Avantgarde nicht mehr in dieser Größenordnung zu sehen. Schuld waren Schlemmers Erben, die mit ihrer rigiden Rechteverwaltung das Werk ins Abseits drängten. Sie fochten Schenkungen an und versuchten, Leihgaben einzubehalten. Anfragen von Museen wurden nicht beantwortet, Abdrucks rechte verweigert, so dass Schlemmers Werk heute in wichtigen Publikationen fehlt.

Das Museum, das große Bestände des Stuttgarter Künstlers besitzt und sein Archiv betreut, hat lange auf 2014 hingefiebert. In diesem Jahr liefen die Reproduktions- und Nutzungsrechte für Schlemmer aus, so dass zur Ausstellung auch ein umfassender Katalog erscheinen konnte. Viele der Leihgaben waren seit Jahrzehnten nicht mehr in Europa zu sehen – etwa die großformatigen "Fünf Akte" (1929) aus einer amerikanischen Privatsammlung, die den Beginn von Schlemmers "Menschenarchitekturen" markieren. "Oderwettlauf" (1930) aus dem Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford/Connecticut, das Schlemmers Interesse an Sport und körperlicher Ertüchtigung zeigt. Zum feierlichen Anlass hat sogar das New Yorker MoMA der Staatsgalerie die legendäre "Bauhaustreppe" (1932) geliehen. "Vielleicht mein bestes Bild", sagte Schlemmer über das Gemälde, das Studenten zeigt, die das Treppenhaus des Dessauer Bauhauses nach oben streben.

Der Tanzmeister

Der Blick ins Treppenhaus in Dessau, Schlemmers berühmtestes Gemälde hängt heute im MoMA: "Bauhaustreppe", 1932, 162*114 cm

Als Schlemmer 1906 an der Stuttgarter Akademie zu studieren begann, versuchte er sich noch in Landschaftsdarstellungen und Interieurs und erprobte Spielarten des Kubismus. Sein Lebensthema aber wird die Figur. Der Mensch ist für Schlemmer das Maß aller Dinge – nicht der Mensch aus Fleisch und Blut, sondern der auf geometrische Formen reduzierte Körper. Schlemmer sieht in ihm eine höhere Ordnung, die er mit der Darstellung schematisierter Figuren sichtbar machen will. Das biologische Wesen eingefügt in den Raum, in dem mathematisch-geometrische Gesetze gelten.

Aber besser als auf der Fläche kann Schlemmer auf der Theaterbühne die Interaktion zwischen Körper und Raum, Menschen und Umwelt ausloten. Während des Ersten Weltkriegs – er hat sich freiwillig zum Sanitätsdienst gemeldet – bereitet er für eine Wohltätigkeitsveranstaltung eine Balletteinlage vor. 1920 beruft Walter Gropius ihn als Meister ans Bauhaus in Weimar, aber Schlemmer arbeitet parallel immer wieder für die Bühne – und stattet zum Beispiel im Württembergischen Landestheater Opern-Einakter zur Musik von Paul Hindemith aus.

Die Theaterkonzeption, die Schlemmer beim Triadischen Ballett am konsequentesten umsetzen kann, ist radikal anders als die seiner Zeitgenossen. Die moderne Technik bestimmt die Lebens- und Arbeitswelt, als Gegenreaktion daraus entstehen Reformbewegungen, die nach einer freien Körperlichkeit streben und gerade im Tanz ihr ideales Ausdrucksmittel finden. Die Gewänder sind wallend, die Linien fließend, die Bewegungen leicht. "Das sind doch alles Seelentänzer", krittelte Schlemmer dagegen, "wir tanzen mit dem Körper." Während sich eine Isadora Duncan barfuß und ohne Regeln auf der Bühne bewegt, formuliert Schlemmer seine Idee eines neuen Tanzes so: "Alte und neue (weiße und rote) Figur, vereinigt in blauer Quadratform, diese wiederum in blauer Dreiecksform."

Von seiner schwäbischen Mutter habe er »die Schwere« geerbt

Von seiner schwäbischen Mutter habe er "die Besinnlichkeit, die Schwere" geerbt, behauptete Schlemmer, vom Vater, einem Kaufmann aus dem Rheinland, dagegen die Leidenschaft für das Theater und das Karnevalistische. Er liebt Charlie Chaplin und den Clown Grock und tritt gern selbst mit clownesken Nummern auf. Als das Bauhaus 1925 von Weimar nach Dessau zieht, übernimmt Schlemmer die Leitung der Bühne und wird damit auch offizieller Ausstatter der legendären Bauhaus-Feste. Diese künstlerisch gestalteten Feiern waren Walter Gropius ein Anliegen und sollten der "Pflege freundschaftlichen Verkehrs zwischen Meistern und Studierenden" dienen. Schlemmer organisiert das "Schlagwörterfest" und das "Bart-Nasen-Herzensfest", von dem er berichtet: "Sogar Kandinsky hatte sich einen roten Sudermannbart umgehängt, Klee Koteletten, Hannes Meyer eine dicke Nas. Wir hatten einen Friseurladen eingerichtet, wo Clabi frisierte und parfümierte."

Der Tanzmeister

Oskar Schlemmer mit Maske und Metallobjekt, um 1931

Aber Oskar Schlemmer ist auch ein verbissener Visionär und wie viele Künstler seiner Zeit überzeugt davon, dass sich die Welt durch die Kunst verändern lässt. "Die Idee muss ethisch, die Form kann ästhetisch sein", sagt er. Er will das Organische mit der Ordnung der Mathematik verbinden und den kosmischen Zusammenhang zwischen Mensch, Natur und Geisteswelt sichtbar machen – über Körper und Bewegung im Raum und archetypische Symbole und Bilder. Diese "Synthese von Mathematik, Mechanik und Metaphysik" mache Schlemmers Werk einzigartig, meint Ina Conzen, die die Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart kuratiert hat. Zugleich manifestiert sich im Werk von Oskar Schlemmer besonders deutlich der enorme Selbstanspruch der Kunst zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Schlemmer steht stellvertretend für eine Generation von Künstlern, die die Welt ästhetisch umgestalten wollte und überzeugt war, dass die Kunst einen neuen Menschen hervorbringen könne.

Schlemmer glaubte unbeirrbar an die Wirkkraft der modernen Kunst – und geriet entsprechend häufig an Grenzen. Er strebte nach der "möglichsten Vollendung" und war nie zufriedenzustellen. Keine Musik schien ihm endgültig geeignet für seine Ballette, über Paul Hindemith schreibt er etwa an seine Frau Tut, er sei "schon der rechte Mann, ganz der rechte nicht, schad, dass ich nicht so kann wie er, wollen wollt ich das Richtigere." Auch die Tänzer seiner Ballette konnten seine Vorstellungen nicht immer erfüllen. "Schlemmer verlangte viel von den Leuten, aber er verlangte es nett, er war sehr höflich", berichtet ein Bauhaus-Schüler. Und da er ein guter Tänzer und athletisch war, trat Schlemmer bei der Uraufführung des Triadischen Balletts lieber gleich selbst auf – freilich unter Pseudonym.

»Ich bin zu modern, um Bilder zu malen«

Auch Schlemmers lebenslanger Konflikt zwischen Malerei und Bühne speist sich letztlich aus seinen hohen Idealen. "Ich bin zu modern, um Bilder zu malen", vertraut er 1925 seinem Tagebuch an. "Ich gehe mit Unlust an die Arbeit. Quäle mich mehr, als dass ich male!" Im Theater aber "kann ich neu sein, abstrakt, alles. Hier kann ich alt sein, mit Erfolg. Hier ist nicht das Dilemma der Malerei, zurückzufallen in eine Kunstgattung, an die ich innerlich nicht mehr glaube."

Immer wieder gab Schlemmer die Malerei auf. Aber seine Ansprüche konnte er letztlich auch im Theater nicht umsetzen. "Berlin – soweit es die Volksbühne betrifft – bedeutete Verkauf der Seele zu 99 Prozent", schreibt er kritisch, als er über ein Engagement nachdenkt. "Das eine Prozent wäre das, was ich eigentlich dort will: das neue Theater." Zeitlebens bleibt die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit bestehen, sein "Drang nach Besserem".

Die neue Welt, die Schlemmer imaginierte, stellt aber auch für den Betrachter "heute wie damals eine besondere Herausforderung dar", meint die Kuratorin Ina Conzen. Die formelhaft typisierten Figuren sind keineswegs allgemein verständlich, wie Schlemmer hoffte. Immer wieder wurde als puppenhaft oder asketisch kritisiert, was doch sein Ideal war: die geometrisierte Figur, "das Quadrat des Brustkastens, der Kreis des Bauches, Zylinder der Arme und Unterschenkel, Kugel der Gelenke an Ellbogen, Knie, Achsel, Knöchel, Dreiecke der Nase".

Schlemmer habe letztlich doch nur eine mythisch-esoterische Privatsymbolik formuliert, meint die Kunsthistorikerin Magdalena Droste. An seinem Werk lässt sich beispielhaft ablesen, wie die Avantgarde an ihren überzogenen Idealen scheitert. Schlemmers Hoffnung, durch seine geometrisierte Kunst eine moderne, humanere Gesellschaft hervorzubringen, machte ihn blind für die politische Entwicklung. Er war gar überzeugt, mit seinen Ideen vom neuen Menschen der nationalsozialistischen Kulturpolitik zu entsprechen, "er glaubt, seine Kunst und sein Kunstverständnis könnten im neuen Staat eine nicht unbedeutende Rolle spielen", sagt Magdalena Droste.

Er glaubt, sein Kunstverständnis könnte im Nationalsozialismus eine nicht unbedeutende Role spielen

"Sein Bekenntnis zum Deutschtum", so Droste, habe ihm allerdings nichts genutzt. Im Gegenteil wird Schlemmer eines der ersten Opfer der nationalsozialistischen Politik. Seine Wandgestaltung in Weimar wird zerstört und seine Retrospektive 1933 im Stuttgarter Kunstverein geschlossen. Er wird diffamiert, obwohl er sich dagegen verwahrt, als Jude oder Marxist gebrandmarkt zu werden. Er verfasst Petitionen, schreibt dem preußischen Kultusminister und erklärt, "den von Herrn Minister Goebbels verkündeten Forderungen an die Kunst von jeher schon entsprochen zu haben". Schlemmer wendet sich sogar direkt an den Reichsminister Joseph Goebbels, dem er schreibt: "Die Künstler sind im Grunde ihres Wesens unpolitisch und müssen es sein, weil ihr Reich von einer anderen Welt ist. Es ist immer die Menschheit, die sie meinen; das Totale, mit dem sie verbunden sein müssen."

Im Sommer 1929 verlässt Schlemmer das Bauhaus und wechselt an die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau. Als diese schließt, geht er an die Berliner Vereinigte Staatsschule für freie und angewandte Kunst, 1933 wird ihm aber fristlos gekündigt. Der erfolgreiche Künstler muss sich von heute auf morgen als arbeitssuchend melden.

Staatliches Bauhaus Dessau
Übersicht zu allen Artikeln und aktuellen Ausstellungen zum Bauhaus

Es ist der Anfang seines Niedergangs. Schlemmer zieht sich aus dem Kunstleben zurück und übersiedelt mit seiner Frau Tut und den drei Kindern ins südbadische Eichberg, wo er die Landschaftsmalerei wieder aufnimmt. 1937 wird er mit einer großen Retrospektive in der London Gallery gewürdigt – gleichzeitig aber werden mehrere seiner Arbeiten in der Ausstellung "Entartete Kunst" präsentiert. Er ernährt die Familie mit Aufträgen für ein Stuttgarter Malergeschäft, führt Tarnanstriche für Militärflughäfen und Industrieanlagen durch. 1940 zieht Schlemmer nach Wuppertal, wo er, Willi Baumeister und Georg Muche an einer Lackfabrik den Auftrag erhalten, Farben zu erproben – und der Austausch mit den Kollegen beflügelt Schlemmer noch einmal. Aber die Enttäuschungen haben sich bereits körperlich bemerkbar gemacht. 1943 stirbt er an einer Herzlähmung – mit nur 54 Jahren.

Nach seinem Tod wurde Oskar Schlemmer rehabilitiert, es fanden mehrere Gedächtnisausstellungen statt. Seine Frau Tut kümmerte sich engagiert um den Nachlass, nach ihrem Tod 1987 aber begannen die Erbstreitigkeiten, weil die Tochter Uta Jaïna ihrer Nichte Janine das Erbteil vorenthielt und den Museen immer häufiger Steine in den Weg warf. Die Stuttgarter Ausstellung mit rund 250 Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Skulpturen ermöglicht nun, einen neuen Blick auf die einzigartige wie eigenwillige Position des Visionärs Oskar Schlemmer zu werfen. Die eigentliche Sensation in Sachen Schlemmer steht allerdings noch aus – wenn eines Tages die 2500 bis 3000 Arbeiten Schlemmers wieder auftauchen, die Uta Jaïna und ihr Sohn Raman beiseitegeschafft haben sollen.

Oskar Schlemmer in Stuttgart

Nach seinem Schulabgang zieht Schlemmer 1903 nach Stuttgart. Dort beginnt er eine Ausbildung als kunstgewerblicher Zeichner bei der Intarsienwerkstatt Wölfel & Kiessling.

1906 beginnt er ein Studium an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste und wird Meisterschüler bei Adolf Hölzel. Das damilige Gebäude der Akademie befand sich in der Urbanstraße 37, wurde im Zweiten Weltkrieg jedoch zerstört.

Ein Werk, das bereits in Stuttgart populär wurde, war das: "Triardisches Ballett". Es entstand ab 1912 zusammen mit den Tänzern Albert Burger und Elsa Hötzel und feierte am 17. Dezember 1916 in Stuttgart eine Teil-Aufführung und am 30. September 1922 ebendort seine Uraufführung. Das Gebäude, in dem Schlemmer damals sein Atelier hatte und an dem Stück arbeitete, steht heute noch: in der König-Karl-Straße 17 in Stuttgart-Bad Cannstatt. Hier befindet sich heute eine Plakette, die auf die Geschichte des unscheinbaren Gebäudes verweist.

1933 wird eine Retrospektive im Württembergischen Kunstverein Stuttgart noch vor der Eröffnung durch die Nationalsozialisten geschlossen, die seine Kunst als "entartet" brandmarken.

In der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart befinden sich heute eine Reihe wichtiger Werke Schlemmers:

  • "Konzentrische Gruppe", 1925
  • "Der Tänzer", 1923
  • "Geländerszene", 1932
  • "Paracelsus",1923
  • "Gestürtzter mit Säule", 1923
  • "Männlicher Kopf I", 1912
Kunst in Stuttgart
Spannende Berichte aus der Schwabenmetropole, die wichtigsten Museen und aktuelle Ausstellungen in Stuttgart