Wer war Aby Warburg?

Gedanken sind zollfrei

Er brachte die Welt des Alltags in die Kunstgeschichte und verglich antike Göttinnen mit Reklame für Toilettenpapier. Für seine grenzüberschreitenden Methoden wird der Hamburger Aby Warburg heute wie kein anderer Kunsthistoriker verehrt. Sein einzigartiger Nachlass, der Mnemosyne-Bilderatlas, birgt noch so manches Geheimnis.
aby-warburg

Aby Warburg um 1900

Das Warburg-Haus ist ein stiller Ort. Besucht man das Gebäude in der noblen Hamburger Heilwigstraße heute an einem ganz normalen Wochentag, findet man sich allein mit einer Sekretärin und einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, die hier leise Bücher inventarisiert. Kaum vorstellbar, dass in diesen ruhigen Räumen einst überhitzte Diaprojektoren in Flammen aufgingen und Vortragsbesucher vor Erschöpfung aus dem Saal getragen werden mussten. Eine "Arena" hatte der genialische Aby Warburg seine hier eingerichtete "Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg" (kurz KBW) genannt, ein experimentelles "Laboratorium", einen brummenden "Transformator geistiger Energien".

Das 1926 erbaute Haus ist heute wieder restauriert: Die Oberlichtfenster im berühmten Lese- und Vortragssaal wurden ebenso rekonstruiert wie die beiden Lampen im Vorgarten, die als "Leuchttürme der Aufklärung" die Umgebung erhellen sollten. Sein Erbe strahlt nicht nur in die großbürgerliche Nachbarschaft an der Alster aus: Um wohl kaum einen Kunsthistoriker hat sich eine solch magische Aura aufgebaut wie um den 1866 als Abraham Moritz Warburg geborenen Hamburger Bankierssohn. Er wird als Impulsgeber zeitgenössischer Kulturwissenschaft gefeiert. Seine innovative Methodik geistert durch einschlägige Großausstellungen und entwickelt sich in universitären Forschungsbereichen fort. Und Warburg? Kommentierte in dem von ihm akribisch geführten Bibliothekstagebuch den neuen Fußbodenbelag und beklagte sich kleinlich über "das Greuel der schief stehenden Bücher".

28 Telefone und akribische Aufzeichnungen

Neben sagenhaften 28 Telefonen, die das kleine Haus vernetzten, hielt er mit diesem pedantisch geführten Logbuch zwecks wechselseitiger "Fühlungnahme" seine Mitarbeiter auf Trab. Sie waren angehalten, auch dann Buch zu führen, wenn es eigentlich nichts zu berichten gab. "Gerade, was der Tag an unauffälligem Geschehen bringt, ist eine organische Funktion für das schaffende Gedächtnis", hielt Warburg in einem der nach drei Jahren ganze neun Kontorbücher füllenden Einträge fest. Mit diesem aus dem Gedächtnis abgeleiteten Schaffen war nichts Geringeres als sein Lebensprogramm benannt. Er ließ es als Haussegen in griechischen Lettern über den Durchgang zum Lesesaal meißeln, der Göttin der Erinnerung zu Ehren: "MNEMOSYNE".

warburg-haus_frontmentz

Das Warburg-Haus in Hamburg-Eppendorf.

Im Wesentlichen bedeutet das: Warburg spürte den auf oft verschlungenen Wegen überlieferten Darstellungsformeln der Antike in Bildern nachfolgender Epochen nach, von der Renaissance bis in die Moderne.

In seiner Hamburger "Empfangsanlage für die mnemischen Wellen der Vergangenheit" sammelte er dazu nicht nur 60 000 Bücher und 35 000 Briefe an, kaum ein Dokument soll er weggeworfen und seine sämtlichen Korrespondenzen im Abklatschverfahren kopiert haben. Er entfaltete hier auch ein abenteuerlich verschachteltes Denken, das die Ursprünge aller Hochkultur in der ungewissen "Tiefe triebhafter Verflochtenheit des menschlichen Geistes mit der achronologisch geschichteten Materie" suchte. Mit seiner Spurensuche zum Nachleben antiker Bilder in der abendländischen Kultur wagte er sich auf ungesichertes Gelände vor: Sie führte ihn mitten hinein in die verwickelte "Dynamik des Lebens".

Nicht primär linear und brav chronologisch entwickelten sich in Warburgs Augen Kunst und Kultur. Sie schlittern in seinem Geschichtsmodell vielmehr zwischen Polen hin und her: von einerseits Chaos, archaischem Aberglauben und Dämonenfurcht und andererseits gebändigter Ordnung in abstrakten Symbolen. Wichtige Impulse nahm Warburg dabei von den Maskentänzen und Töpferwaren verschiedener Indianerstämme in Neumexiko und Arizona auf, die er 1895/96 im Rahmen einer Amerikareise besucht hatte. Sie führten dem Forscher in leibhaftiger Anschauung vor, wie der triebhaft verflochtene, in seinen Ängsten gefangene, seinem Schicksal und der Natur scheinbar ausgelieferte, "primitive" Mensch sich mittels Kultur aus "passivem Erdulden" zu "aktiver Sieghaftigkeit" aufzuschwingen vermochte. Zurück in Europa nahm sich der selbsternannte "Psychohistoriker", der sein Leben lang mit schweren psychotischen Schüben zu kämpfen hatte, der seelischen Schichtungen des Renaissancemenschen an. Am Beispiel einer aus der Hamburger Kunsthalle entliehenen Zeichnung von Albrecht Dürer führte er im Oktober 1905 zu einem Kongress angereisten Lehrern vor, wie sich ein Renaissancekünstler bei seiner Verarbeitung antiker Vorbilder von deren ekstatischem Pathos mindestens ebenso sehr hatten anstacheln lassen, wie er die klassisch beruhigte Form suchte.

art - Das Kunstmagazin

Mnemosyne Bilderatlas, historische Aufnahme einer Originaltafel

Die wilden Seiten der Antike

Mit seiner Begeisterung für die wilden Seiten der Antike torpedierte Warburg nicht nur das durch Johann Joachim Winckelmann geprägte Idealbild von der "edlen Einfalt, stillen Größe" antiker Skulpturen. In seinem Dürervortrag, den die Ausstellung "Aby Warburg. Die entfesselte Antike" aktuell in der Hamburger Kunsthalle rekonstruiert, räumte Warburg auch fast prophetisch mit einem nationalistischen Stilbegriff auf. Indem er die von Dürer "einverseelten" Einflüsse und Vorlagen offenlegte, wies er den deutschen Künstler als exemplarischen Motivmischer aus. Die Idee einer grenzüberschreitenden "Bilderwanderung" hat den leidenschaftlichen Wortschöpfer Warburg zu einem vielzitierten Stichwortgeber unserer globalisierten Gegenwart gemacht. Von "automobilen Bilderfahrzeugen", die sich auf "Etappenstraßen" zwischen Ländern und Zeiten bewegen und in Form von Grafiken oder Tapisserien Bildformeln zwischen Künstlern und Herrscherhäusern herumkutschieren, ist dabei schön anschaulich die Rede.

Um die im Prozess dieser Anverwandlung über Zeiten und Räume vernetzten Verbindungen auch zu beweisen, musste eine Erweiterung der Methode her. Auf Bildertafeln, vor denen er ausdauernde Vorträge hielt, ließ er Darstellungen antiker Göttinnen von Eugène Delacroix auf eine französische Briefmarkenserie treffen, assoziierte Reklame für Toilettenpapier, 4711-Creme, das Titelblatt eines Seefischkochbuchs, einen Zeitungsausschnitt zu den Sommer-Weltspielen des Flottbeker Golfclubs hinzu und zeigte ein Foto der Golfmeisterin Erika Sellschopp beim Abschlag. Was sie verbindet: Sie alle bilden Frauen in Stellungen ab, die in Warburgs Augen antike Pathosformeln "energetisch umverseelten". "Gedanken sind zollfrei", reklamierte er für sich. Und setzte sich mit seinen "Abentheuern eines Denklustigen" über jede "grenzpolizeiliche Befangenheit" kunsthistorischen Schubladendenkens hinweg. Die Hoch- und Populärkultur verbindenen Cultural Studies der Gegenwart danken es ihm ebenso wie eine interdisziplinär ausgerichtete, zeitgenössische Kunst- und Bildwissenschaft.

16960
Strecken Teaser

Vom Bilderatlas bleiben nur Schwarzweißfotos

In der Arbeit am berühmten "Mnemosyne-Atlas" fand Warburgs gefeierte Methode ihren finalen Niederschlag. Mit nicht weniger als 2000 Abbildungen wollte er in diesem 1924 begonnenen und 1929 mit seinem Tod jäh abgebrochenen Opus magnum seine Bilderwanderungsthesen zur Anschauung bringen. Auf mit schwarzem Stoff bespannten Holzrahmen pinnte Warburg hierfür Bilder, die sich beliebig neu gruppieren ließen. Die vom Kunsthistoriker Martin Warnke herausgegebene Rekonstruktion des Atlas bildet ein sprödes, aber überaus aussagekräftiges Provisorium ab: Alles, was erhalten ist, sind Schwarzweißfotos von Bildtafeln, die ganz offensichtlich nur schnell in der Bibliothek zu Dokumentationszwecken abgelichtet wurden. Die Wertschätzung jedoch, die dieser schmucklose Atlas seitdem im Laufe der Jahrzehnte erfahren hat, kommt einem heute fast so gewaltig vor wie das von Warburg untersuchte "Nachleben" der Antike in Renaissance und Gegenwart. Der so experimentierfreudig verknüpfende Kunsthistoriker wurde zum Künstlerkurator avant la lettre, wenn nicht zum Avantgardekünstler stilisiert. Unter dem warburgesken Schlachtruf von der "Migration der Form" "verhedderte" sich die letzte Documenta leichtfüßig im selbst gelegten "Flechtwerk politischer Formbeziehungen" (so der Documenta-Leiter selbst), indem sie etwa Stoffbilder von Cosima von Bonin mit Fotos von Beduinenwohnzimmern zusammenhängte. Auch der französische Warburgexperte Georges Didi-Huberman hat sich die kombinatorische Atlas-Methode ganz im Sinne ihres Erfinders und bis zur Ununterscheidbarkeit anverwandelt. "Atlas - Wie man die Welt schultert" nennt er eine von ihm kuratierte, nun in Karlsruhe gezeigte Schau.

Anhand einer beeindruckenden Auswahl künstlerischer Collagen, Montagen, Bilderreihen, Tagebücher und anderer subjektiver Ordnungssysteme des 20. und 21. Jahrhunderts geht sie der Frage nach, mit welchen Mitteln sich Geschichte auf alternative Weise erzählen und abbilden lässt. Gerhard Richters verwischte "Baader-Meinhof-Fotos", Walid Raads "Missing Lebanese Wars" oder die Zeichnungen des KZ-Häftlings Thomas Geve, der 1945 ein "Auschwitzer ABC" aufstellt (von "A" wie "Appell" bis "Z" wie "Zaun") hält dabei vor allem eines zusammen: die Einsicht, dass jedes enzyklopädische Projekt am Ende Fragment bleibt und es gerade für die größten Schrecken in der "Dynamik des Lebens" kein angemessenes Repräsentationssystem gibt. Aby Warburg hatte die Erfahrung des Ersten Weltkriegs in eine schwere psychische Krise gestürzt. Und während er selbst einmal von einem "im Wahnsinn konstruieren" sprach, träumte er wahrscheinlich davon, so glaubt Didi-Huberman, "nicht zu wählen, nicht zu unterscheiden, keinerlei Schnitte zu legen, sich die nötige Zeit zu nehmen und alles zu berücksichtigen". Vielleicht sehnte sich der Kulturwissenschafler, den man heute so für seine abenteuerlustig wuchernden Forschungen verehrt, aber auch gerade im Gegenteil danach, am Ende doch zur geschlossenen, in der Vernunft beruhigten Form zu finden.

warburg-bibliothek

Der große Lesesaal im Warburg-Haus.

Seine Bibliothek – ein Gesamtkunstwerk

Während der Arbeit an seinem Mnemosyne-Atlas, den er anderen gegenüber gern als fast vollendetes Werk ausgab, stand ihm zumindest "die Form des solide gebundenen Buches" als "etwas so hoffungsvolles" vor Augen. "Man meint dadurch Klarheit und Abschluß anticipieren zu können -", notierte er, "Symbol des fertigen Gedankens." Das heute so trügerisch stille Haus in der Hamburger Heilwigstraße mag sich durch die backsteinernen "KBW"-Lettern an der Außenfassade wieder stolz als "Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg" ausweisen. Warburgs gesammeltes Wissen befindet sich in seinem historischen Bestand längst an einem anderen Ort: Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verließen 1933 zwei mit Büchern, Briefen, Zettelkästen und Regalen beladene Frachter den Hamburger Hafen. Der Nachlass wird bis heute im der University of London angegliederten Warburg Institute verwahrt. Als die Universität im vergangenen Jahr Zentralisierungspläne für mehrere Bibliotheken bekannt gab, wurden in der Fachwelt Rufe zum Schutze des in seiner Einheit gefährdeten "Gesamtkunstwerks" laut, bis hin zu Forderungen nach einer Rückführung des mittlerweile auf 300 000 Bände angewachsenen Buchbestands nach Hamburg.

Warburg selbst wusste den unvergleichlichen Wert seines außergewöhnlichen Forschungsexperiments gegenüber Zweiflern sein Leben lang zu verteidigen. Den Aufbau der Büchersammlung finanzierte im Wesentlichen seine Familie: Der Legende nach hatte Aby seinem Bruder Max als 13-Jähriger das Erbrecht auf das väterliche Bankhaus gegen einen lebenslangen Bücherfinanzierungsplan verkauft. Der Bibliothek maß er dabei in einem 1927 vor dem geldgebenden Kuratorium gehaltenen Vortrag die Bedeutung eines "Beobachtungs-Drehpanzerturms der Besonnenheit" bei. Und seine mutigen Expeditionen in die Wildnis der Bezüge erklärte er paradoxerweise damit, dass "in dieser Epoche eines chaotischen Untergangs auch der Schwächste verpflichtet ist, den Willen zur kosmischen Ordnung zu verstärken".

Dieser Artikel erschien zuerst in art, Ausgabe 05/2011

Vortragsreihe zum Warburg-Jubiläum

Anlässlich des 150. Jubiläums Aby Warburgs Geburtsjahrs findet derzeit im Warburg-Haus Hamburg die Vortragsreihe "Warburg wirkt!" statt.

art - Das Kunstmagazin
Möglicherweise war Aby Warburg seiner Zeit weit voraus, als er 1924 begann, umfangreiche Bildertafeln zusammenzustellen. Jetzt sind die Werke erstmals in Originalgröße im ZKM in Karlsruhe zu sehen
Parthenon, Akropolis
Aktuelle Ausstellungen, Artikel und das Wichtigste zur Kunst der Antike im Überblick