Das Atelier von Francis Bacon

Schlachtfeld Kunst

Er benutzte Bratpfannen als Palette und probierte Pinsel an den Wänden aus. Über 30 Jahre arbeitete und lebte der englische Maler Francis Bacon in zwei kleinen Räumen über einer Remise. Ein Interview mit Bacons Biographen Michael Peppiatt über das »unbeschreibliche Chaos« und die »fast gewalttätige Unordnung«.
Schlachtfeld Kunst

1984 dokumentierte Fotograf Reinhardt Wolf das Londoner Atelier für art.

Von 1961 bis zu seinem Tod im Jahr 1992 lebte Francis Bacon, "Englands berühmtester Maler seit William Turner" ("The Independent"), in zwei kleinen Räumen über einer Garage an der Reece Mews. Nur wenige Gäste erhielten Einblick in die chaotisch anmutende Arbeits- und Lebenswelt des Künstlers. 1998 vermachte John Edwards, letzter Lebensgefährte und Erbe von Francis Bacon, das Atelier der Hugh Lane Municipal Gallery in Dublin. Zur Atmosphäre dieses einzigartigen Ortes interviewte art-Korrespondent Hans Pietsch den Bacon-Freund und -Biografen Michael Peppiatt.

art: Michael Peppiatt, welchen Eindruck machte Francis Bacons Atelier in den Reece Mews Nr. 7 auf Sie, als Sie es zum ersten Mal betraten?

Peppiatt: Ich kann diesen Eindruck nur als Schock bezeichnen. Ich betrat einen elektrisch aufgeladenen Raum, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Es herrschte ein unbeschreibliches Chaos, eine fast gewalttätige Unordnung. Es war, als betrete man einen Raum, in dem wieder und wieder ein Ritual - ein Mord vielleicht, eine Opferung, ein ritueller Akt also - vollzogen wurde. Das mag dramatisch klingen, aber das genau war der Eindruck. Schon damals, als ich Bacon 1962 kennen lernte, war das Atelier so etwas wie ein geheimer Ort, den nur wenige betreten durften - ab und zu bekam man Zutritt, wenn man Glück hatte, vielleicht um ein gerade fertig gestelltes Bild zu begutachten. Später, als ich ihn besser kannte, verflüchtigte sich dieses ungute Gefühl, das ich zunächst beim Betreten hatte, denn er war als Person präsent, so ungeheuer lebendig und anregend. Das Atelier war ein faszinierender Ort, doch erst seine Präsenz gab dem Raum seine Vitalität, seine Dynamik - der Künstler und die Bedeutsamkeit der unvergesslichen Werke, die er dort schuf, verschafften dem Raum seine Existenzberechtigung.

Wie muss man sich denn das ehemalige Kutscherhäuschen vorstellen, in dem Bacon gut 30 Jahre lang lebte und arbeitete?

Die kleine Sackgasse hatte Kopfsteinpflaster, ganz hinten stand das zweistöckige Haus, mit einer unscheinbaren blauen Tür. Ziemlich heruntergekommen alles. Im Erdgeschoss war eine Garage, in der er ein paar verschimmelnde Bücher lagerte - er besaß ja kein Auto. Eine steile Treppe mit einem Seil als Handlauf führte ins Obergeschoss, das eigentlich nur aus zwei Zimmern bestand: auf der einen Seite das Wohn- und Schlafzimmer, auf der anderen Seite das Atelier und dazwischen Küche und Badezimmer.

Und wie groß war das alles?

Alles war winzig, auch das Atelier. Bacon hielt es da mit Leonardo da Vincis Diktum, dass "kleine Räume den Geist konzentrierenº. Die Tür zum Atelier war schon, sozusagen als Einstimmung, von außen voller Farbkleckse und Pinselstriche. Den Raum selbst kann man nur als Farbuniversum bezeichnen - Wände, Fußboden, alles war mit Farbe bekleistert. Auf dem Holzboden Fotos, Bücher, zerfetzt, ebenfalls mit Farbe bekleckst, dazu Pinsel, leere Blechdosen, pigmentgetränkte Lappen. Ganz selten wurde ein Teil davon in Müllsäcke gesteckt, doch wie durch ein Wunder tauchte nach kurzer Zeit alles wieder in anderen Konstellationen auf. An der Wand hing ein zersplitterter Spiegel, und die einzige Veränderung, die er an dem Raum vornahm, war der Einbau eines Oberlichts, um zum Malen besseres Licht zu haben.

Wenn ich Bacons Atelier mit denen anderer Künstler vergleiche, die ich gut kenne, etwa mit dem der Abstrakten Bridget Riley, in dem es sehr ordentlich und diszipliniert zugeht, dann frage ich mich: Worum geht es bei Bacons Chaos?

Es geht um seine ganz persönliche Art des Arbeitens. Man könnte es als "geordnetes Chaos" bezeichnen, denn er wusste, was wo zu finden war. Wo andere Künstler an ein Regal gingen, um in einem Buch oder Magazin zu blättern, wühlte er einfach auf dem Boden herum. Und er fühlte sich zu den beiden Extremen hingezogen: Ordnung und Chaos. Persönlich war er nämlich ungeheuer ordentlich und diszipliniert, auch wenn er betrunken war: gut angezogen, pünktlich, verlässlich - man hätte die Uhr nach ihm stellen können. Und bei der Unordnung ging es ihm um Suggestion, um Anregungen; in Hülle und Fülle das um sich herum zu haben, was er "Auslöser von Ideen" nannte und was in ihm Gedanken und Bilder in Bewegung setzte. Er hatte einen grenzenlosen visuellen Appetit. Das Chaos war eine Art Wörterbuch, das er konsultierte, eine Seite nach der anderen. Er sprach vom "Nährbodenº seiner Fantasie, und das Atelier war dessen Materialisierung. Nur er konnte diese Unordnung schaffen, und nur er wusste sich in ihr zu bewegen. Er brauchte also die Unordnung, um aus ihr Ordnung zu machen.

Das heißt also, das Chaos war nicht Ausdruck eines chaotischen Geistes?

Oh nein, Bacon war erstaunlich intelligent, in dem Sinne, dass ihm immer bewusst war, was um ihn herum und mit ihm selbst geschah. Er war in der Lage, die unterschiedlichsten Anregungen aufzunehmen, immer, überall. Ich erinnere mich an einen Vorfall im Cafe La Coupole in Paris. Jemand hatte ein Milchkännchen umgekippt, und Bacon starrte fasziniert auf die weiße Flüssigkeit, die sich auf dem Tisch ausbreitete. Ich hatte das Gefühl, dass er drauf und dran war, mit seinem Finger in ihr herumzumalen.

Sie sagten, nur wenige Menschen hatten Zugang zum Atelier. Aber wohl immer nur dann, wenn er nicht arbeitete - Sie haben ihn nie beim Malen beobachtet?

Nein, und ich glaube auch nicht, dass er andere zuließ. Vielleicht den einen oder anderen seiner Geliebten. Die Arbeit war etwas Persönliches, Privates für ihn. Er hätte sich sicher unwohl gefühlt, wenn ihm jemand beim Malen zugesehen hätte.

Auf den Fotos sieht man, dass auch die Wände mit Farbe bespritzt sind. Benutzte er die Wände, um etwa Farben zu mischen oder Pinselstriche auszuprobieren?

Ja, das tat er. Die Wände waren für ihn eine riesige Palette, auf der er chromatische Effekte ausprobieren konnte. Gerade weil das Haus etwas heruntergekommen war, fühlte er sich dort wohl. Er konnte tun und machen, was er wollte. Und er benutzte wirklich alles zum Malen. In seinem Pariser Atelier, das ich ihm besorgt hatte und das dem in London ähnlich war, tauchte plötzlich eine Bratpfanne auf, die er als Palette benutzte. Und in London lagen überall farbverschmierte Pullover herum, mit denen er Farbe auf die Leinwand tupfte.

Man wird den Eindruck nicht los, dass sich in diesem Atelier eine überaus wilde Malerei zugetragen hat.

Wild schon, aber es war eine kontrollierte Wildheit. Und wieder sind es die Gegensätze: Er wollte auf der einen Seite die Ungezwungenheit, das Sich-Gehen-Lassen, um an die nackte Wahrheit zu kommen, und auf der anderen Seite die Kontrolle, um diese Wahrheit festzuhalten. Und so sind auch seine Arbeiten: ungeheuer kontrolliert, aber gleichzeitig spürt man diese Unbekümmertheit, diese wilde Verwegenheit, ohne Rücksicht auf Verluste. In diesem Sinne war er mit Rimbauds Worten "absolument moderne", also völlig auf der Höhe seiner Zeit - als Künstler musste er in der Lage sein, die Verwirrung des modernen Menschen mitzuteilen; dem zu Grunde lag aber ein tiefes Verlangen nach Ordnung.

Es gibt eine Reihe von Fotos, die Bacon selbst in seinem Atelier zeigen, und immer sieht er traurig, fast verloren aus.

Das ist richtig, und das war wohl fast eine Art Spiel, das er trieb: Er wollte damit vielleicht andeuten, dass das, was im Atelier vor sich ging, eigentlich ohne sein Zutun passierte. Ich erinnere mich daran, was ein guter Freund, den Bacon auch schätzte, mir einmal erzählte. Er fotografierte den Künstler in den frühen Achtzigern, Bacon war ganz dabei, lebendig, aufgekratzt. Doch als es daran ging, ihn im Atelier zu fotografieren, änderte sich seine Stimmung abrupt, er wurde fast niedergeschlagen.

Was sagen Sie dazu, dass das Atelier nun nach Dublin verschifft wurde und in der Hugh Lane Gallery zu sehen sein wird, als eine Art Schrein für Francis Bacon?

Nun, solche Unternehmen sind ja nicht unproblematisch. Wenn der Künstler nicht mehr da ist und auch seine Werke nicht, dann ist oft die Seele eines solchen Raumes verschwunden. Bei Bacon wohl ganz besonders, denn er war eine solche elektrisierende Persönlichkeit. Das Atelier wird ein interessantes Denkmal sein, aber ohne ihn? Er war so vielschichtig, und ich trauere ihm noch immer nach. Ich wünschte, es gäbe ihn noch.

Der Artikel erschien zuerst in art - das Kunstmagazin, Ausgabe 5/2001

art - Das Kunstmagazin
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