Jerry Saltz über den »Sterbenden Gallier«

Dem Tod ins Angesicht geschaut

Dieser Gallier stirbt keinen Heldentod. Anders als die theatralischen Posen der römischen Skulpturen ist das griechische Meisterwerk des »Sterbenden Galliers« von zurückhaltender Sinnlichkeit. Kunstkritiker Jerry Saltz über seine Begegnung mit der Skulptur und den Moment, in dem er seinen Glauben verlor.
Dem Tod ins Angesicht geschaut

Das griechische Original aus der Pergamon Akropolis ist verschollen, zahlreiche römische Kopien zeugen von seiner Perfektion: "Der sterbende Gallier", Kapitolinisches Museum Rom.

Der "Sterbende Gallier" ist ein Meisterwerk von Weltrang. Als einzigartige Leihgabe aus dem Archäologischen Nationalmuseum von Neapel war die 2000 Jahre alte Skulptur zuletzt Teil einer großartigen Ausstellung im Metropolitan Museum of Art in New York mit mehr als 250 atemberaubenden Objekten hellenistischer Kunst: "Pergamon und die hellenistischen Königreiche der antiken Welt". Die leicht überlebensgroße Marmorskulptur zeigt einen halbnackten Mann auf dem Boden, der anscheinend gestürzt ist. Während er sich auf einen Arm stützt, ruht der andere schwach auf einem ausgestreckten Bein. Die stützende rechte Hand liegt auf einem zerbrochenen Schwert, sein Kopf neigt sich derart, dass wir sein Gesicht kaum noch sehen können.

Zeichnung: Sohyun Jung
Jerry Saltz ist einer der weltweit bekanntesten Kunstkritiker. Er ist Chefkritiker des New York Magazine und war breits drei mal für den Pulitzer-Preis in der Sparte Kritik nominiert. Er lebt in New York.

Man kennt die Skulptur, auch ohne sie je gesehen zu haben. Die Pose ist einem beinahe so vertraut wie die einer weiteren Skulptur der Antike - ebenfalls Teil der Ausstellung, ebenso meisterhaft - eines Jungen, der einen Stachel aus seinem Fuß zieht. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied. Bei dem Jungen stoßen wir auf Anmut, Sanftheit, Jugend - jener früh aufkeimenden Erfahrung des Sich-am-Beginn-von-Etwas-Befindens. Der "Sterbende Gallier" spricht zu uns dagegen im bebenden Tenor des kosmischen Pathos.

Dem Tod ins Angesicht geschaut

Römische Marmorkopie eines hellenischen Originals: "Dornauszieher Castellani", hier im Britischen Museum

Der "Sterbende Gallier" gehörte ursprünglich, als Teil einer großen Gruppe von Skulpturen, zu einem epischen Monument, das der entscheidenden hellenistischen Siege über die von Galatien - in der heutigen Türkei - her angreifenden Gallier gedenken sollte. Die Arbeit entstand im 1. oder 2.  Jahrhundert v.Chr. und ist die römische Kopie einer verschollenen griechischen Bronzeskulptur, die etwa ein Jahrhundert zuvor wahrscheinlich vom großen hellenistischen Bildhauer Epigonus geschaffen worden war (ja, auch damals schon hatten Künstler Namen). Das verschollene (vermutlich eingeschmolzene) bronzene Original wurde kurzerhand von Nero aus der Türkei entwendet und nach Rom gebracht, wo es als Zierde für das gigantische vergoldete und von Juwelen übersäte Haus des Imperators diente. Kopie oder nicht, man vergisst Raum und Zeit, wenn man vor ihr steht. Ein rätselhafter Abgrund tut sich zwischen uns und der Skulptur auf - Wiedererkennen stellt sich ein. Wir sehen Ebenen von Schönheit, Stärke, Insichgekehrtheit, Verletzlichkeit - den Vorfahren von Michelangelos schönem David - bis hin zur noch älteren Weisheit von Homer.  

Niemand vermochte den Tod so zu erfassen wie Homer - die Art und Weise, wie ein Mensch zum Leichnam wird, einem Ding, wie Homer schrieb: "den Geiern lieber" als den Geliebten und "in den Schatten der Nacht stürzend". Homer zeigt uns, wie der Tod das Leben in einem kurzen Moment und Millimeter für Millimeter ablöst. In Homers Poesie lesen wir von Speeren, die durch Rüstungen brechen, Stoffe zerfetzen, in Fleisch dringen, Eingeweide durchbohren, Adern verletzen, Knochen zersplittern, von sich auflösendem Mark, von Schwertern, die durch Körper in den Boden dringen. Homer beschreibt dies ohne romantisierende Distanz, Erlösung, Donner, Auferstehungswinden oder gar blumige Poesie. Nichts, außer dem unveränderlichen, beschreibenden, direkten, detaillierten Tod.

Der Hoffnung beraubt, bleibt nur der ewige Moment

Was uns zurück zum "Sterbenden Gallier" führt. Die meisten Historiker und Gelehrten sehen in dieser Skulptur den letzten heroischen Akt eines edlen Soldaten, der sich tapfer aufrichtet im Versuch noch einmal zu kämpfen, das Schicksal abzuwenden, dem Tod von der Schippe zu springen – ein letztes heroisches Aufbäumen. Ich sehe all diese Dinge nicht. Tatsächlich glaube ich, dass dies eher der römischen Interpretation der Skulptur entspricht. Die römische Ästhetik schwelgt im Melodrama, dem Theatralischen, der Macht, der übertriebenen Form, der Expression, sogar dem Manierismus. Körper werden oft verformt, Posen sind protzig, Gesichter manchmal von wildem Ausdruck, das Narrative wird betont. Für ein Imperium wie das römische macht das Sinn - mit seinen mehr als zwei Millionen Soldaten, einer römischen Population von geschätzt mehr als einer Million, wovon die Hälfte Sklaven waren. Obwohl ihre Formensprache die der Griechen nachahmte, sollte die projizierte Kraft ägyptisch sein - allmächtig, unanfechtbar, imperial. Die Römer hatten jeden bezwungen: die Ägypter, Asiaten, Nordafrika, die Iberische Halbinsel, Frankreich und England. Sie machten sogar die Griechen unschädlich, nachdem Alexander der Große die bekannte Welt drei Jahrhunderte zuvor eroberte. Sie waren die absolute Macht.    

Verstehen, was Sterben bedeutet

Während aber der "Sterbende Gallier" eine römische Kopie ist, liegt seine wahre Bedeutung tiefer und ist zutiefst griechisch. Anders als römische Kunst, beschäftigte sich die der Griechen mit Schwerkraft, Proportion, philosophischen Formen und zurückhaltender Sinnlichkeit. Theatralisches war fürs Theater bestimmt. Im "Sterbenden Gallier" sehe ich eine Seele, die sich den gegenwärtigen physischen und profunden Mysterien ausliefert. Jemand, der zum Objekt wird, "nicht da ist", sich dessen bewusst wird, verloren ist und dem Tod ins Angesicht schaut. Der Hoffnung beraubt, bleibt nur der ewige Moment. Dies ist nicht das große Drama eines Mannes, der sich mächtig zu inneren Crescendos gegen den Tod aufrafft, sondern Pathos, Schmerz, Trauer ohne Tageslicht, jemand, der allem beraubt wurde. Hier geschieht nichts heldenhaftes, kein letzter Funke Rache oder römische Selbstaufopferung, nichts kommt hier gegen den Tod an. Stattdessen sehen wir bei der Begegnung mit der Skulptur dem Tod ins Auge. Abwesenheit verschiebt sich in etwas Abwesendes, Ungreifbares. Indem Epigonus seine Figur nach unten blicken lässt und seine Gesichtszüge vor uns verbirgt, lässt er sie weniger Person sein und mehr abstrakt. Ohne Drama, ohne Hinweise, existiert die Figur in fast dergleichen Welt wie ihr Thema. Das ist wunderbar, wie ein Blitzstrahl. Dies ist es auch, was die Figur mit Griechenland verbindet.

Zum ersten Mal, dass ich richtig verstand, was Sterben bedeutet - und warum die Griechen recht hatten - war, glaube ich, als ich den Film "Pat Garrett and Billy the Kid" von Bob Dylan und Sam Peckinpah aus dem Jahr 1973 sah. In dem Film suchen ein erbarmungsloser Auftragskiller (James Coburn), ein örtlicher Sheriff und seine selbsternannte Ehefrau nach Billy the Kid. Die für mich entscheidende Szene spielt im Nirgendwo, in einer kleinen Hütte. Ein Handgemenge bricht aus, Pistolen schießen. Eigentlich ist es eine unbedeutende Szene. Aber inmitten des Gerangels zaudert der Sherif, gespielt von Slim Pickens, taumelt ein wenig, schaut an sich herab und bemerkt, dass er in den Bauch geschossen wurde. Während die Dinge um ihn ihren Verlauf nehmen, wechselt er schon in eine andere Welt - die Welt von Homer. Er hält seine Wunde, geht davon und an einem Flussbett in die Knie. Daraufhin blickt seine Frau auf, bemerkt seine Abwesenheit, schaut sich um und erschrickt bei dem Anblick ihres knienden Ehemanns, der in die Ferne schaut. Sie rennt auf ihn zu, fällt einige Meter vor ihm auf die Knie und fängt einfach an zu schluchzen, während sie sich vor und zurück wiegt, weil ihr die Situation bewusst wird. Er schaut zu ihr herüber. Sie blickt ihn schmerzerfüllt an. Dann wendet er seinen Blick von ihr ab und richtet ihn erneut nach innen. Wie der "Sterbende Gallier". Ich war 22, als ich genau in diesem Moment meinen Glauben verlor. Aber ich gewann etwas anderes, etwas, das größer war als ich und das ich immer noch in mir trage: Hingabe, Andacht, Freiheit von vorgefertigten Ideen und Zugang zu etwas intensiverem, einer größeren Innerlichkeit und allem unserer Gemeinschaft, ein innerer "Sterbender Gallier".

Der Artikel erschien zuerst im New York Magazine.
Übersetzung aus dem Englischen: G&C Translators