Ernst Ludwig Kirchner und der Expressionismus

Kirchners Geheimnisse

Kaum eine Kunstrichtung begeistert die Massen so wie der deutsche Expressionismus, und kaum ein Künstler wird so verehrt wie ihr schillernder Protagonist Ernst Ludwig Kirchner. Wüsste er, was für einen unantastbaren Geniestatus er postum erreicht hat, wäre er zufrieden - denn genau das hatte er geplant. Dabei gibt es auch Fakten, die Kirchner wohl lieber verschwiegen hätte.
Kirchners Geheimnisse

Ernst Luwdig Kirchner: "Drei Badende"

Ernst Ludwig Kirchner ist ein so unanfechtbarer Teil des deutschen Kulturguts, dass selbst die immer auf eine makellose Außenwirkung bedachte Bundesregierung sich mit seinen Werken schmückt. Im Kabinettsaal des Berliner Bundeskanzleramts prangt Kirchners großes Bild "Sonntag der Bergbauern" (1923/26). Helmut Schmidt hatte sich 1975 bei der künstlerischen Bestückung des neuen Bonner Kanzleramts für Expressionisten entschieden, als Gegengewicht zur "Sparkassenarchitektur dieses Zweckbaus". Helmut Kohl - dessen Interesse für deutsche Kunst sich auf die Pfälzer Küche konzentrierte - ließ die Auswahl seines Vorgängers hängen, Gerhard Schröder - ein Freund donnernder Worte und Gesten - nahm die farbgewaltige Sammlung beim Umzug mit nach Berlin.

Felix Krämer, Leiter der Gemälde- und Skulpturensammlung 19. Jahrhundert und Klassische Moderne des Städel-Museums, hat 2015 die erste umfassende Kirchner-Retrospektive in Deutschland seit 30 Jahren konzipiert. Mehr als 170 Arbeiten wurden im Städel gezeigt, darunter Spektakuläres wie das rund 90 Jahre als Rückseite verborgene Werk "Liegende Frau in weißem Hemd", das Kirchner vermutlich 1909 von seiner Geliebten Dodo malte und 1922/23 zur Rückseite des Gemäldes einer anderen Frau degradierte.

"Kirchner muss alles andere gewesen sein als ein sympathischer Mensch", erzählt Krämer. "Wäre er noch am Leben, würde er sich wahrscheinlich permanent selbst googeln und alle Kritiker mit einstweiligen Verfügungen überziehen - er war höchst misstrauisch und ein absoluter Kontroll-Freak." Die Ausstellungsrecherche hat die Städel- Crew Nerven gekostet, denn die Sekundärliteratur ist voller Mythen und Legenden, die Kirchner selbst erfunden hat, um den Blick der Nachwelt auf sein Vermächtnis zu steuern. "Es war zum Teil wirklich abenteuerlich", fasst Krämer das Unterfangen zusammen, Fakten herauszuarbeiten.

Kirchner hat nicht mit so etwas Profanem wie seinem Alter geschummelt - ihm ging es um das große Ganze: die Interpretation seines Werks. Dazu erfand er sogar einen Kritiker, Louis de Marsalle, unter dessen Namen er ab 1920 Aufsätze über seine Kunst veröffentlichte. Obwohl Vertraute mutmaßten, dass Kirchner selbst es war, aus dessen Feder die Lobeshymnen stammten, bekannte er sich nie dazu - im Gegenteil: Wann immer jemand den ominösen Sachverständigen persönlich aufsuchen wollte, erfand Kirchner ein neues Detail, das ein Zusammentreffen unmöglich machte.

Kirchners Geheimnisse

Selbsporträt von Ernst Ludwig Kirchner, 1919

"Wir standen bei der Aufarbeitung der Biografie vor dem Problem", erklärt Krämer, "dass man sich eigentlich nur auf die Rahmendaten verlassen kann." Die wären: Am 6. Mai 1880 als Sohn einer Kaufmannstochter und eines Ingenieurs in Aschaffenburg geboren, bürgerliche Kindheit, 1901 bis 1905 Architekturstudium an der Technischen Hochschule Dresden, 1903 ein Semester Kunst in München, 1905 Gründung der Künstlergemeinschaft "Brücke" mit Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl, 1911 Übersiedlung nach Berlin, 1915 Einzug zum Kriegsdienst nach freiwilliger Meldung, ab Ende 1915 Sanatoriumsaufenthalte, 1918 Verlegung des Arbeits- und Lebensorts in die Umgebung von Davos, wo er sich 1938 auf offener Wiese zwei Pistolenkugeln in den Leib jagte.

Klar ist auch, dass Kirchner nicht diesen herausragenden Status genießen würde, wenn er ein lausiger Künstler gewesen wäre. Was Kirchner und seine Brücke-Kollegen in den Jahren zwischen 1905 und 1913 in Dresden und Berlin machten, war vollkommen neu und unerhört: Sie scherten sich nicht um Proportionslehre oder Materialkunde wie die Akademiker, sie kümmerten sich nicht um die Wirkung des Lichts in der Magie des Augenblicks wie die Impressionisten, sie verfassten kein elaboriertes Manifest wie die Futuristen, verschrieben sich keinem klaren Konzept wie die Kubisten oder Pointillisten - sie wollten stimuliert vom Rausch des Lebens unmittelbar ihre Gefühle und Triebe auf die Leinwand fließen lassen. Kirchner schnitt 1906 programmatisch in Holz: "Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt." Probate Mittel zur Erlangung dieses Ziels: Rausch, Ekstase, Lust und Grenzerfahrungen.

Die Brücke-Jungs suchten das pralle Leben und fanden es vorwiegend in ihren Musen. Um ein ehrfürchtiges Studium des weiblichen Körpers ging es nicht - es ging darum, ihn zu erleben, anzufassen, mit ihm zu verschmelzen und dabei die eigene Schaffens- und vor allem Manneskraft zu spüren. Kirchner schreibt in einem Brief an Heckel 1910: "Es ist ein schwieriger Kampf, ohne Ekstase zu schaffen ... bis man Visionen hat, muss man erschöpft sein, wie ein Fetischpriester vom rasenden Tanz." Heute könnte so ein Bekenntnis nicht mehr provozieren, aber in der deutschen Residenzstadt kurz nach der Jahrhundertwende war es revolutionär. Man bedenke, dass es sich um dieselbe Zeit handelt, in der auch "Das weiße Band" spielt - ein Film von Michael Haneke, der wegen seiner beklemmenden Darstellung der engen Moralvorstellungen der zu Ende gehenden Kaiserzeit in diesem Jahr für einen Oscar nominiert war.

 

Genie und Kult

Es ist nicht verwunderlich, dass gerade in einem Land wie Deutschland Künstler dieser Kragenweite wie Helden verehrt werden. Das Bild des Künstlergenies, das aus sich schöpft und Einzigartigesschafft, resultiert aus der Renaissance und erlebte seinen Höhepunkt in der Romantik. Die Expressionisten ließen als Kraftquell nur die eigene Potenz und Triebwelt gelten - und entsprachen dem deutschen Geniebegriff damit vielleicht mehr, als sie je ahnten. Inspirieren ließen sie sich von der Ursprünglichkeit der Naturvölker, die im Nationalsozialismus als Untermenschen galten. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die deutsche Geschichte händeringend nach Rebellen und Freigeistern durchkämmt wurde, entsprachen sie abermals einem Heldenbild. Mit Legendenbildung geht aber leider auch oft einher, dass alles, was die Legende in Frage stellen könnte, nach und nach getilgt wird. Die Grenzen, die Kirchner und Kollegen hinter sich ließen, betrafen nicht nur kaiserzeitliche Werte, sondern auch die Intimsphäre ihrer zum Teil blutjungen Modelle.

Die Brücke-Maler wollten keine professionellen Aktmodelle, sie wollten Natürlichkeit. Da sich aber die ehrbaren Mädchen nicht einfach vor fremden Männern auszogen, rekrutierten sie ihre Modelle im Rotlichtmilieu - oder benutzten Kinder. Zwei der bekanntesten Brücke- Modelle der Dresdner Jahre waren Fränzi und Marcella. In der Sekundärliteratur sind sie mal Schwestern, mal Freundinnen, mal halbverwaiste Artistentöchter, mal ist Fränzi zwölf Jahre alt, mal 14, mal 16. Das Städel setzt sich vor allem im Katalogtext eingehend mit der Tatsache auseinander, dass Franziska Fehrmann, genannt Fränzi, kein exotischer Artistenspross war, sondern Tochter einer kinderreichen Dresdner Kleinbürgerfamilie. Brisanter noch ist die Tatsache, dass Fränzi mitnichten ein Teenager war, sondern im Alter von gerade mal acht Jahren zur Brücke-Entourage stieß.

»Das war Missbrauch!«
Wegen seiner provozierenden Darstellungen junger Mädchen ist der Brücke-Maler Ernst Ludwig Kirchner postum unter dem Verdacht des Kindesmissbrauchs geraten

Was genau an den schwülen Sommertagen an den Moritzburger Teichen geschah, lässt sich nur vermuten, aber Titel wie "Fränzi mit Liebhaber" sprechen für sich. Leider ist nur noch der Titel aus einer von Kirchner um 1916/17 diktierten Bestandsliste überliefert, das Werk ist verschollen. In der Städel-Schau werden aber diverse Fränzis und Marcellas zu sehen sein, die eines gemeinsam haben: eine hocherotische Aura. Zum Beispiel das "Marcella"-Porträt von 1909/10, auf dem das Mädchen nackt mit übergeschlagenen Beinen auf einem dunklen Gegenstand sitzt. Das Bild ist farblich zurückhaltend in Ocker- und Brauntönen gestaltet, was den Fokus auf zwei blutrote Details lenkt: den Mund und die Fingernägel.

Marcellas Blick ist herausfordernd, die Botschaft: Vorsicht! Ich fresse dich. Die Sekundärliteratur hält sich bedeckt, wagt sich nur bis zu "Tabubrüchen" vor, aber die Männer waren scharf auf die Mädchen und beließen es wohl nicht bei Gedanken wie jenen, die Kirchner an Heckel schrieb: "Es liegt ein großer Reiz in einem solchen reinen Weibe, Andeutungen, die einen wahnsinnig machen können. Toller als in den älteren Mädchen." Im Davoser Tagebuch wird deutlicher: "Wir stürzten uns auf die Natur in den Mädchen." Und über eine spätere Begegnung: "Heckel als geiler Sachse stürzte sich auf sie (Fränzi) und vögelte sie ab." Sexueller Missbrauch von Kindern unter 14 Jahren wurde in Deutschland als "schwere Unzucht" nach dem Reichsstrafgesetzbuch von 1871 erst mit zehn Jahren Zuchthaus und später sogar mit der To desstrafe geahndet. Der Tatbestand schmälert vielleicht nicht Kirchners Werk, wirft aber ein neues Licht auf seine Person und zeigt, wie weit sein Erhabenheitsgefühl über Werte und Grenzen fortgeschritten war. Man könnte ihn fast einen machiavellistischen Maler nennen, in dessen Krieg gegen sich selbst und die Welt jedes Mittel zur Stimulation recht war. Kirchner bemaß jede Geliebte nach ihrem Vermögen, ihn durch Sex zu künstlerischen Höchstleistungen zu pushen. Über Dodo, seine Dresdner Freundin, schrieb er 1919: "Deine freie Liebeslust, mit Dir erlebte ich sie ganz, fast zur Gefahr meiner Bestimmung. Doch Du gabst mir die Kraft zur Sprache über Deine Schönheit im reinsten Bilde eines Weibes, gegen die die Cranachsche Venus eine alte Voze ist." Kirchner meinte den von ihm 1910/20 gemalten "Akt mit Hut", auf dem Dodo nackt, nur mit schwarzem Hut und roten Schuhen bekleidet in seinem Dresdner Atelier steht. Auffällig ist der sorgfältig gestaltete Schambereich, was die Vermutung zulässt, Dodo habe sich - 100 Jahre, bevor diese Praxis in Nordeuropa salonfähig wurde - rasiert.

Das Dresdner Brücke-Atelier war ganz der Stimulation gewidmet: Wände und Vorhänge hatten die Künstler wild und bunt bemalt mit Sexszenen. Diese Vorhänge sind hinter der nackten Kirchner-Venus zu erkennen, die als Teil der hauseigenen Sammlung natürlich im Städel zu sehen sein wird. Es ist unklar, ob Kirchner Dodo verließ, als er 1911 nach Berlin ging, oder ob Dodo diejenige war, die ihn nicht begleiten wollte. Fest steht allerdings, dass er sie zeitlebens als ideale Frau betrachtete, zum Beispiel in einem Tagebucheintrag vom 29. Juli 1919: "Die erste Bedingung im Liebesleben ist doch, dass eine Frau sauber ist. Ich danke Dir Dodo, dass Du mich daran gewöhnt hast, Du blitzsaubere Katze. Deinen Körper konnte ich ganz küssen, vom Kopf bis zu den herrlichen Füßen. Süß und duftend war er." Vielleicht idealisierte Kirchner Dodo so sehr, weil ihre Beziehung so abrupt endete.

Denn jeder, der länger mit ihm zu tun hatte, war irgendwann Erniedrigungen ausgesetzt. Aber niemand hielt es mit Kirchner so lange aus wie Erna Schilling, die er 1912 in Berlin kennen gelernt hatte und die bis zu seinem Tod bei ihm blieb. Die Geschichte, dass Erna in einem Nachtlokal als Tänzerin arbeitete - was zu der Zeit zumindest Gelegenheitsprostitution mit einschloss - und an Syphilis erkrankt war, geht auf Kirchner zurück und lässt sich sonst nicht belegen. Obwohl Kirchner sich immer wieder abfällig über sie äußert ("Erna trotz guten Charakters nicht trätabel, sich selbst überlassen bricht das Ordinäre immer mehr durch", "Erna war gut und feiner heute trotz des Gehirnkrampfs"), blieb er mit ihr zusammen. Allerdings musste sie sich viel gefallen lassen, zum Beispiel körperliche Ablehnung, weil sie ihn nach all den Jahren langweilte. Auch Zwischenspiele jüngerer Musen, wie Nina Hard, musste sie hinnehmen. Kirchner begründete alles mit seiner Kunst, die es um je den Preis zu nähren galt. Auch heiraten kam für ihn nicht infrage. Er schob als Grund vor, dass ihm ein solcher Vertrag zu bürgerlich sei. Tagebucheinträge lassen vermuten, dass Kirchners Einstellung zu Erna mit den Jahren milder wurde, und Kirchners Erna-Bilder spiegeln den Wandel. Es war die Zeit vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in der Kirch ner berauscht von Berlin seine berühmten Straßenszenen und Kokotten- und Varietébilder malte. Er muss sich - dafür spricht seine freiwillige Meldung zum Kriegsdienst - stark und unverwundbar gefühlt haben.

Hier allerdings ereignete sich der wohl prägendste Bruch in seiner Biografie: Kirchners gefühlte Allmacht versagt. Angesichts der totalen Überzeugung, mit der Kirchner sich von der wilhelminischen Wertemaschinerie abgegrenzt hatte, muss ihn der Unterordnungszwang der militärischen Grundausbildung wie der Blitz getroffen haben. Es lässt sich nur mutmaßen, wodurch genau die Panik ausgelöst wurde, in die Kirchner wenige Wochen nach Antritt des Militärdiensts geriet, aber sicher ist, dass der einst selbstherrlich agierende Mann wegen seelischer Probleme zurückgestellt wurde. Anstatt an die Front, musste er ins Sanatorium. Der von vielen Intellektuellen damals als reinigend verherrlichte Manneskampf im Schützengraben muss sich auch in Kirchners Vorstellung zu einem Höhepunkt verdichtet haben. Aber im Zenit der Männlichkeit zog der Mitte 30-Jährige nicht in den Krieg, sondern in die Schweizer Bergprovinz. Nach den Sanatoriumsaufenthalten ab 1915 bis 1917 in Berlin, Königstein und Davos kehrte er nie mehr länger in die Großstadt zurück.

Kirchner gab nun Alkohol, Zigaretten, Schmerz- und Schlafmitteln den Vorzug

Er brach mit seinen Brücke-Gefährten - oder sie mit ihm - weil er sich zum Initiator der Bewegung stilisiert und seine Kollegen zu Nacheiferern degradiert hatte. Es scheint, als habe die Erfahrung psychischen Versagens die Allmachtsgefühle der Brücke-Jahre zunichte gemacht. Berauschte er sich in Dresden und Berlin noch am Leben und an Frauen, gab er nun Alkohol, Zigaretten, Schmerz- und Schlafmitteln den Vorzug. Trotzdem pflegte er auch nach dem Rückzug regen Briefwechsel mit Galeristen und Sammlern und empfing karrierewichtige Leute in seinem Haus "In den Lärchen" und im so genannten Wildbodenhaus. Mit der Zeit begann er, Erna als seine "Gefährtin" zu bezeichnen und malte das "Doppelbildnis mit Erna" (1914/15), auf dem nur ihre bei den besorgt blickenden Köpfe zu sehen sind. Er verzichtete auf den ihn sonst mehr als alles andere faszinierenden Frauenkörper.

In der Abgeschiedenheit war er außerordentlich produktiv. Neben vielen Gemälden, Grafiken und Holzschnitten von Landschaft und Bewohnern schnitzte Kirchner in diesen Jahren wie ein Besessener: Skulpturen und Möbel. Einige Skulpturen werden auch in der Frankfurter Ausstellung zu sehen sein. Zwei Räume sind dem Spätwerk Kirchners gewidmet, das nichts mehr von der rauschhaften Groß stadthektik der Arbeiten bis 1918 aufweist, sondern durch eine seltsam starre Flächigkeit befremdet. Der Einfluss Picassos auf die abstrakt wirkenden, bunten, figurativen Szenen ist unverkennbar. Auch wenn sich am Spätwerk Kirchners die Geister scheiden, hat dieser Werkabschnitt seinen festen Stellenwert im OEuvre, denn mit ihm hat Kirchner in der Abgeschiedenheit versucht, den Anschluss an die Avantgarde zu halten. "Die Kirchner-Forschung hat es bisher überwiegend als Glücksfall empfunden, dass der Künstler sein Werk selbst so umfassend interpretiert hat. Dass er sich dabei zum größten Meister seit Dürer stilisiert, hat erstaunlicherweise die wenigsten gewundert", so Felix Krämer.

Mama Fränzi
Ihre Identität lag jahrzehntelang im Dunkeln. Fränzi, die kindliche Muse von Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel, war eines der faszinierendsten Modelle der deutschen Kunstgeschichte

Beim genauen Lesen entdeckt man auch noch eine weitere Nuance: Kirchner war sich bewusst, dass der Bruch, der mit seinem Rückzug in die Berge verbunden war, ihm als Flucht oder als Schwäche ausgelegt werden könnte. Für den Katalog zu einer Ausstellung 1921 bei Ludwig Schames in Frankfurt am Main schrieb er als Louis de Marsalle über sich: "Anstatt ihn zu zerstören, hat ihn die schwere Krankheit gereift." Als Hitler 1933 an die Macht kam, sank sein Stern - er gehörte fortan zu den "Entarteten". Kirchner, der Narziss, verzweifelte. Seine treu en Sammler hielten so gut sie konnten zu ihm, aber der Zugang zur Öffentlichkeit war ihm versagt. Er trank, rauchte, betäubte sich. Und er quälte sich, um von den Drogen loszukommen, schaffte es aber nie länger als ein paar Tage oder Wochen. Die Zeit unmittelbar vor seinem Selbstmord muss für ihn und Erna die Hölle gewesen sein. Die genauen Umstände bleiben bis heute rätselhaft. Fakt ist nur, dass Kirchner nicht nur einmal auf sein Herz zielte, sondern zweimal - am Morgen des 15. Juni 1938 auf der Wiese beim Wildbodenhaus. Neun Tage danach schrieb Erna an Kirchners Sammler Carl Hagemann: "Hier hat sich in aller Stille seit Monaten eine Tragödie vollzogen ... Er hat grausam gelitten."

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