Gustav Klimt – Maler des Jugendstils

Wien im Goldrausch

Zu nackt, zu freizügig, zu erotisch – um 1900 schockte Gustav Klimt das prüde Wien. Der geniale Porträtist vollzog die Wende vom Historismus zum Jugendstil, sein Werk ist bis heute in aller Munde.
Wien im Goldrausch
Gustav Klimt: "Adele Bloch-Bauer I", 1907

Das ganze Haus habe man auf den Kopf gestellt, berichtet Kuratorin Ursula Storch. Doch die rechte Hand Gustav Klimts blieb verschwunden. Zumindest ihr Gipsabguss, der sich in der Sammlung des Wien-Museums befinden sollte.

Einer etwas makabren Tradition folgend hat man hier so einige genialische Pranken in Verwahrung. Relikte, die einen schaurigen Hauch jenes Geniekults spüren lassen, der die Wiener Moderne geprägt hat, diese kurze Periode des Aufbruchs um 1900, in denen sich im Herzen der Habsburger-Monarchie Leben und Wirken von Kalibern wie Egon Schiele, Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Ludwig Wittgenstein und Sigmund Freud kreuzten. Gustav Klimt aber ist die schillerndste Figur dieser Zeit, eine Figur der Wende, mit einem Fuß noch im Historismus, mit der rechten Hand aber schon ein Meister des Jugendstils. Er war der Porträtist des jüdischen Großbürgertums und schuf gemeinsam mit Architekt Josef Hoffmann ihre Villen als opulente Gesamtkunstwerke aus Kunst und Handwerk. Ihre unglaubliche Opulenz kündet bereits vom Ende dieser Epoche. Als Mitgründer der Künstlervereinigung Secession war Klimt aber auch eine Vaterfigur für junge Wilde wie Schiele einer war. Schon früh hatte dieser die Nähe des 28 Jahre Älteren gesucht, an den er sich anfangs auch stilistisch anlehnte. Nach Klimts Tod wollte Schiele sogar ins letzte Atelier seines Mentors einziehen. Doch zuvor starb auch er. Vereint mit seinem doch so gegensätzlichen Freund im Todesjahr 1918.

Klimt als bestbezahler Maler

War Schiele Zeit seines Lebens wenig Erfolg beschieden, zählte Klimt zu den bestbezahlten Malern. 20 000 Kronen kostete es die Gatten der Damen, die Gemahlin vom Lieblingsmaler wie ein kostbares Schmuckstück porträtieren zu lassen. Noch einmal so viel, und man hätte sich eine neue Villa samt Einrichtung zulegen können. Das Hauptwerk dieser Auftragskunst Klimts ist die "Goldene Adele", die 2006 weltweit für Schlagzeilen sorgte, als das gerade von der Österreichischen Galerie Belvedere an die Erben restituierte Gemälde für rund 107 Millionen Euro von Ronald Lauder erworben wurde. Als teuerstes Bild der Welt galt das Porträt der unglücklichen Zuckerfabrikanten- Gattin Adele Bloch-Bauer damals, sie wurde zum Synonym des Kunstmarkt- Hypes. Zu seiner Entstehungszeit 1907 erntete das Porträt, das in Gold und Ornament festzustecken scheint, allerdings auch Spott: "Mehr Blech als Bloch" hieß es da etwa. Doch Klimt war zu dieser Zeit öffentlichen Gegenwind bereits gewöhnt. Gerade hatte er Wiens bis dato größten Kunstskandal durchgestanden, die Aufregung um seine Deckenbilder für die Universität. 1894 war er mit den Darstellungen der Philosophie, Medizin und Jurisprudenz beauftragt worden. Doch seine komplizierten, symbolistischen Programme waren den zuständigen Kommissionen und der Professorenschaft zu negativ, zu wenig repräsentativ, die Frauen zu realistisch nackt, zu erotisch.

Die Fronten verhärteten sich, es kam zu einer medial ausgetragenen Schlacht um die Freiheit der Kunst, bei der Klimt letztendlich resignierte. 1905 kaufte er mit Unterstützung seiner Mäzene die Bilder vom Staat zurück. Vom Anlass des Skandals blieben aber nur Asche, schwarzweiße Fotografien und farbige Lichtdrucke: Die sogenannten "Fakultätsbilder" verbrannten Ende des Zweiten Weltkriegs im Schloss Immendorf, das von den SS-Truppen in Brand gesteckt wurde. Klimt als Symbolfigur in der Auseinandersetzung um Kunst im öffentlichen Leben wurde bisher zu wenig beachtet, meint Klimt-Experte und Direktor des Leopold- Museums, Tobias Natter: "Klimt schlägt einige entscheidende Schlachten in der Öffentlichkeit um Erotik, Grenzerkundung, künstlerische Freiheit, flankiert von einer höchst lebendigen Medienöffentlichkeit, die das Moderne von Wien um 1900 auch ausmacht, auf diese von ihm erfochtenen Freiräume konnte eine nächste Generation aufbauen, das ist eine seiner ganz großen Leistungen."

 

Imagepflege post mortem
Wien feiert Gustav Klimts 150. Geburtstag mit Liebesbriefen und neuen Touristenfallen

Skandalpotential des Wiener Künstlers

Eine andere Niederlage gegen die prüde Beamtenschaft erlitt Klimt schon 1898, als er das mächtige Gemächt seines Theseus am Plakat zur ersten Ausstellung der Secession auf Druck von oben durch Zweige verdecken musste. Gemeinsam unter anderem mit Koloman Moser, Josef Hoffmann oder Joseph Maria Olbrich hatte er sich im Jahr zuvor vom traditionellen Wiener Künstlerhaus-Verein abgespalten und die Secession gegründet. In deren Keller lockt heute noch Klimts berühmter, von Beethovens Neunter Symphonie inspirierter Wandfries die Touristen an, das 1902 Höhepunkt einer Ausstellung rund um Max Klingers Beethoven-Statue war. Auch hier hat sich die Öffentlichkeit erregt: An drei nackten Gorgonen des aufwendigen symbolistischen Programms, das Zustände der Sehnsucht, der Leidenschaften, des Glücks und der Gefahr thematisiert, sind tatsächlich Schamhaare zu erkennen. 2010 nahm der Schweizer Künstler Christoph Büchel diesen historischen Skandal zum Anlass für die Installation eines Swingerclubs in direkter Nachbarschaft dieses Klimt-Meisterwerks.

Zum Jubiläumsjahr hat sich Klimts ehemalige Vereinigung, aus der er 1905 allerdings aus Protest wieder ausgetreten ist, nichts Spezielles einfallen lassen. Dagegen hatte sich das Kunsthistorische Museum, das nur ein Frühwerk von Klimts Ausstattungskunst sein eigen nennen darf, regelrecht ins Zeug gelegt: Auf einer schwindelerregenden Brücke war es einem möglich, auf Augenhöhe zu den Deckenbildern zu gelangen, die Klimt 1890 noch mit seiner "Maler-Compagnie" produziert hatte: Gemeinsam mit seinem Bruder Ernst und seinem Schulfreund von der Kunstgewerbeschule, Franz Matsch, stattete Klimt historistische Repräsentationsbauten, vor allem Theater, mit Wandgemälden aus. So findet man heute in Theatern in Liberec, Karlsbad oder Bukarest Frühwerke von Klimt und dem Team. In den Interkolumnien- und Zwickelbildern des Kunsthistorischen Museums aber erkennt man erstmals den eigenen, typischen Stil Klimts, für den er vor einigen Jahren auf der Homepage der Saatchi Gallery zum drittpopulärsten Maler aller Zeiten gewählt wurde.

"Der Kuss" – das strahlende Meisterwerk

Weniger seine Landschaftsbilder, die in der jährlichen Sommerfrische am Attersee entstanden, als seine Porträts und verführerischen allegorischen Frauendarstellungen prägen unser Klimt-Bild. Vor allem seine "Goldene Periode", beeinflusst von altägyptischer Mystik, japanischen Farbholzschnitten und einer Reise nach Ravenna 1903, wo Klimt in den Kirchen die goldenen byzantinischen Mosaike sah. Die Ikone dieser Phase ist "Der Kuss", eines von 22 Ölbildern, die das Belvedere in Wien zu dem Museum machen, das zu Recht mit der weltweit größten Sammlung an Klimt-Gemälden werben darf. Gleich nach seiner Entstehung 1908 hat der österreichische Staat sich diese "goldene" Umarmung gesichert, die heute zu den am meisten reproduzierten Motiven der Kunstgeschichte zählt - zu finden in Wien auf jeder (gefühlten) dritten Kaffeetasse, auf Seidentüchern oder Badezimmerfliesen.

Der "Kuss" stand auch im Mittelpunkt der Werbung für das Jubiläumsjahr 2012, das Wien trotz drohender Stagnation der Übernachtungszahlen einen neuen Rekord schenken soll - mit Klimt-Torte, Klimt-Sekt und speziellen Kuss-Hotel-Packages, die ein zehnminütiges Exklusiv-Rendezvous mit dem Bild einschließen. Klimts kunsthistorische Bedeutung wird bis heute kontrovers diskutiert: als Vorreiter der Moderne, der in seiner Ornamentik die Abstraktion vorbereitete und der in Ausstattungsgesamtkunstwerken wie dem Brüsseler Palais Stoclet Kunst und Handwerk gleichrangig sah. Oder als misogyner Salonmaler, der Frauen als Objekte darstellte. Jede Zeit entdeckt "ihren" Klimt, muss man sagen - das Belvedere dokumentiert diese wechselhafte Geschichte mit seiner Jubiläumsausstellung, in der sie jedem der 150 Jahre ein Exponat, ein Gemälde, ein Schriftstück, ein Ereignis zuordnet.

Der Künstler als Frauenheld

Mit der fortwährenden "Fragwürdigkeit" von Klimts Werk erklärt sich auch Tobias Natter die über die Jahrzehnte nicht abreißen wollende Popularität. Eine Popularität, die einen ebenfalls fragwürdigen Höhepunkt in Raoul Ruiz' schwülstigen Film "Klimt" (2006) fand, mit John Malcovich und Klimts Affären in der Hauptrolle. Die Frauenbeziehungen des lebenslangen Junggesellen, der bis zuletzt bei seiner Mutter und zwei ebenfalls unverheirateten Schwestern wohnte, sind tatsächlich faszinierend, weil rätselhaft: Mit einigen seiner großbürgerlichen Auftraggeberinnen soll er Affären unterhalten haben, in den Porträts stellte er sie aber als unnahbare Göttinnen dar. In seinen allegorischen Bildern entwickelte Klimt dem Zeitgeist nach das Bild der Femme fatale. In seinen Zeichnungen von Aktmodellen konzentriert er sich mal mehr oder weniger explizit aufs Erotische, Sexuelle.

Die Dualität von Heiliger und Hure - ein Klassiker der Moderne. Er scheint auch Klimts Leben geprägt zu haben: Mit mindestens drei seiner Modelle, die üblicherweise aus armen Verhältnissen kamen, zeugte er vier offiziell anerkannte Kinder. Kolportiert, aber nicht konkret belegt, werden allerdings 14, die nach seinem Tod Forderungen anmeldeten. Das Schicksal der Mütter kann man sich für heutige Verhältnisse recht dramatisch vorstellen: Camilla Huber etwa wurde geschwängert als sie erst 15 Jahre alt war. Mit Marie Zimmermann, die ihm zwei Söhne gebar, pflegte Klimt zwar einige Jahre eine Art von Familienleben, indem er sie regelmäßig besuchte und Alimente zahlte. Nur wenige Wochen nach Geburt ihres ersten gemeinsamen Sohnes kam allerdings schon ein weiterer Sohn mit einer anderen auf die Welt. Wie die anderen Erstgeborenen hieß auch dieser Gustav, er ist das einzige der Klimt-Kinder, der unrühmliche Karriere machte: Der Filmemacher Gustav Ucicky (1899 bis 1961) nutzte die Arisierungen jüdischer Sammlungen aus, um eine große Klimt-Sammlung aufzubauen.

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Der Lebensmensch Klimts scheint allerdings die Schwester der Frau seines gestorbenen Bruders Ernst gewesen zu sein. Emilie Flöge lernte den erfolgreichen 30-jährigen Maler als 17-jähriges Mädchen kennen. Sie öffnete dem aus armen Verhältnissen kommenden, breiten Wiener Dialekt sprechenden Künstler die Welt des Bürgertums. Man ging fast täglich in Oper oder Theater und verbrachte die Sommer am Attersee. Trotz eines aufgetauchten "Liebesbriefs" mit geflügeltem Herz darauf wird die anscheinend platonische Beziehung der beiden weiterhin unklar bleiben: Susanna Partsch erklärt die unerfüllte Beziehung wird zwar mit einer Syphilis-Erkrankung Klimts, die Flöge bekannt gewesen war, wie aus Briefen an ihre Mutter hervorgehen soll. Der Sohn von Sammler Rudolf Leopold, Diethard, stellt dagegen die Theorie auf, dass Flöge sich mehr für Frauen interessiert hätte. Die Wahrheit ging allerdings wohl im Feuer der Schriftstücke auf, die Flöge nach Klimts Tod waschkörbevoll verbrannt haben soll. Was blieb, sind 400 unendlich lapidar geschriebene Postkarten Klimts an Flöge, in denen er ihr über das Wetter berichtete, sie um kleine Besorgungen bat, nach ihrem Befinden fragte. Trotzdem zieht das Leopold-Museum diese Karten als roten Faden durch seine Jubiläumsausstellung, die "Klimt persönlich" gewidmet ist. Mehr Einblicke versprechen 20 weniger bekannte Zitate des als schreibfaul verrufenen Klimts zu bringen, die den Gemälden gleichrangig zugeordnet worden sind, wie Museumsdirektor Tobias Natter erklärt. "Wir wagen einen frischen Blick auf diesen Klimt. Die Postkarten sind nur Symbol für diesen Ansatz."

Der Hedonist als Melancholiker

Überraschend Selbstreflexives sei ihm dabei untergekommen, berichtet er. Am wenigsten bewusst sei der melancholische Klimt gewesen. "Ich bin seit Jahren ein namenlos unglücklicher Mensch, man sieht es mir nicht an, man glaubt das Gegenteil, ja man beneidet mich sogar. Was ich seit sieben bis acht Jahren auch unternehmen mag, Unglück und Jammer sind mein steter Begleiter", schrieb Klimt etwa schon vor 1900. "Das passt überhaupt nicht in unser Klischee von diesem Sinnesmenschen, diesem Hedonisten", sagt Natter. "Das wird er wohl auch gewesen sein, aber es gab eben auch diese schwer depressive Seite an ihm." Um eine Ernüchterung des Klimt-Bilds ist auch der Belvedere-Kurator Alfred Weidinger bemüht: "Wir dürfen uns nicht eine Atmosphäre vergegenwärtigen, die es vermutlich nicht gegeben hat", sagt er in einem Interview zum Jubiläumsjahr 2012. "Jeder stellt sich das Klimt-Atelier mit der Staffelei vor, während sich im Nebenraum permanent drei, vier, fünf nackte Frauen tummeln. Ich glaube, das ist falsch. Man muss dieses romantisch- verklärte Bild von Klimt, das wir alle miteinander haben, aufgeben. Dieses Verklärte hat es in seinem Leben nie gegeben. Er war ein sehr pragmatischer Mensch.

Er hat jeden Aufwand gescheut, war extrem bequem, reisefaul und hat niemals eine eigene Wohnung bewohnt." Trotz all dieser Bemühungen um Objektivität wird die Ehrfurcht vor Klimt in Wien nicht ausbleiben: Angesichts der Präsenz praktisch aller musealer Klimt-Bestände der Stadt. Der 22 Gemälde des Belvederes. Der 170 Zeichnungen der Albertina. Der Skizzen zum Wandfries im Palais Stoclet im MAK. Der Klimt-Fetische im Wien-Museum: Klimts berühmter blauer Malerkittel und Egon Schieles Zeichnung seines Freundes am Totenbett: abgemagert nach einem Schlaganfall und einer Lungenentzündung, ohne seinen charakteristischen Vollbart, praktisch nicht zu erkennen.

Gustav Klimt, der Kuss
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