Frida Kahlos kulturelles Engagement

Lieber Kleider als Korsette

Frida Kahlo gilt als Schmerzensfrau der modernen Kunst, die ihrem Leiden unerhörtes Selbstbewusstsein abgetrotzt hat. Die Auswertung des Nachlasses lässt auch das kulturelle Engagement der mexikanischen Malerin hervortreten.
Frida Kahlo auf einem Foto von Guillermo Kahlo

Frida Kahlo, 1932

Frida Kahlo war über das Bohemien- Leben der Pariser Künstler verärgert: "Sie sitzen stundenlang in den Cafés, wärmen ihre feinen Ärsche und quatschen ununterbrochen über 'Kultur', 'Kunst', 'Revolution' und so fort. Sie halten sich für Gott, fantasieren den aberwitzigsten Unsinn zusammen und verpesten die Luft mit immer neuen Theorien, die nie Wirklichkeit werden. (...) So eine Scheiße! Es war sinnlos hierherzukommen, nur um zu sehen, warum Europa vor die Hunde geht und wie diese ganzen Taugenichtse den Hitlers und Mussolinis Tür und Tor öffnen."

Es war Februar 1939, Frida Kahlo konnte in Paris ausstellen und schrieb an ihren Liebhaber, den amerikanischen Fotografen Nickolas Muray. Ob sie selbst die Revolutionärin war, für die sie sich hielt, sei dahingestellt. Immerhin hatten sie und ihr Mann, der Maler Diego Rivera, zwei Jahre zuvor den russischen Revolutionär Leo Trotzki und seine Frau aufgenommen, als dieser 1937 vor Stalins Schergen aus dem Asyl in Norwegen flüchten musste und nach Mexiko kam. Eine Spur davon ist in ihrem Wohn- und Atelierhaus in Coyoacán, einem Stadtteil im Süden von Mexiko-Stadt, noch zu sehen, das heute das Kahlo-Museum beherbergt: Die hohen Fenster in den leuchtend blauen Mauern der "Casa Azul" sind innen durch Wände verschlossen. "Diego und Frida wollten Leo Trotzki schützen, für ihn wären die großen Fenster gefährlich gewesen", sagt Hilda Trujillo, die das Museum Frida Kahlo leitet.

Physische und psychische Wunden
Als sie sich lieben lernten, galt Diego Rivera als der berühmteste Maler Mexikos. Frida Kahlo ging noch zur Schule. Aber die Rollen wandelten sich in 25 stürmischen Jahren der Ehe. Als Frida
 starb, war sie der Star – und sie ist es bis heute geblieben

Rivera war seit seinen großen Wandmalereien der berühmteste Künstler des Landes, die "Casa Azul" wurde schnell ein geistiges Zentrum des gesellschaftlichen Aufbruchs. Die Trotzkis mussten dennoch bald wieder gehen. Rivera war Stalinist, und als Frida mit dem russischen Revolutionär ins Bett ging, hatte der mexikanische Frauenheld genug. Die Malerin schenkte sich Leo als Bildnis, die Trotzkis zogen ein paar Straßen weiter. Ob das Künstlerpaar von den Attentatsplänen wusste, denen der Kritiker Stalins 1940 zum Opfer fiel, ist unklar. Kahlos Begeisterung für Stalin findet sich in ihrem Haus an vielen Orten. Am Fußende des Bettes, in dem sie tagsüber lag und malte, zählt er zu einer Galerie revolutionärer Vorbilder von Marx bis Mao. Und das letzte Bild, an dem die Malerin arbeitete, war ein Porträt des Diktators. Von Trotzki aber wurde jede Spur getilgt. "Die Nachkommen Trotzkis streiten sogar ab, dass es eine Affäre zwischen Frida und Leo gegeben hat", sagt Trujillo.

Frida Kahlo: Mehr als nur Folklore

1955, ein Jahr nach dem Tod seiner Frau, ernannte Rivera Kahlos Wohnhaus zum Museum und schenkte es mit seinem gesamten Bestand dem mexikanischen Volk. Briefe, Tagebücher, Fotografien, Kleider und viele weitere Objekte, insgesamt über 34 000 persönliche Gegenstände, ließ er in Kisten verpacken und für 15 Jahre versiegeln, um lebende Personen zu schützen. "Viele Freunde waren politisch links, das war nicht ungefährlich", sagt Trujillo. Deshalb hat nach Riveras Tod seine Mäzenin Dolores Olmedo, die das Museum auf ihre Kosten betrieb, die Frist bis zu ihrem Tod 2002 verlängert. Seit der Nachlass - unter anderem mit Hilfe von 50 000 Euro aus Deutschland - aufgearbeitet wird, gewinnt das Bild von Frida Kahlo neue Schärfe. Hinter der Folklore der Schmerzensfrau, die freizügig liebte, wird eine wache und engagierte Zeitzeugin erkennbar. Dazu tragen über 5300 Fotografien bei, von denen 200 in den letzten Monaten in einem frisch zum Kahlo-Museum hinzu gemieteten Ausstellungsgebäude zu sehen waren und 400 in einer Publikation des Schirmer/Mosel Verlags vorgestellt werden. Man hat bisher nur geahnt, dass das Medium für Kahlo von Bedeutung war. Immerhin hat ihr Vater als Fotograf in Mexiko-Stadt gearbeitet, und sie hat ihn oft bei seinen Aufträgen begleitet. 1951 hat sie ihn auch mit seiner Kamera auf einem Bildnis festgehalten. Wie sehr diese Erfahrung bis ins Innerste ihres eigenen Werks nachgewirkt hat, wird aber erst jetzt deutlich.

Ein Spiegel über dem Bett

Im Zentrum von Kahlos Kunst steht die Künstlerin selbst. Viele ihrer Gemälde sind Selbstporträts, sie war eine der großen Egomaninnen in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Das hat man bisher gerne auf ihr tragisches Schicksal zurückgeführt: Die Leidensfrau, die vermutlich von einer Kinderlähmung ein kürzeres Bein hatte und als 18-Jährige bei einem Busunfall im Becken von einer Stange durchbohrt wurde, malte sich selbst, um die Schmerzen und Einschränkungen zu ertragen. Über dreißigmal wurde sie operiert, kurz vor ihrem Tod musste auch noch ein Bein amputiert werden. Wochen- und monatelang war sie ans Bett gefesselt. Ihre Mutter entwarf ihr einen Baldachin mit einem Spiegel, in dem sie sich sehen konnte. Frida Kahlo musste sich malen, um sich mit ihrem Schicksal auseinanderzusetzen: "Ich male mich, weil ich oft allein bin", hat sie einmal geschrieben Die Fotos aus dem Nachlass nehmen dieser Auffassung nicht ihre Gültigkeit, sie fügen ihr aber eine neue Dimension hinzu. Kahlo hat Selbstdarstellung als eine bildnerische Möglichkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Person bereits beim Vater erlebt. Auf vielen Aufnahmen inszeniert Guillermo Kahlo niemand anderen als sich selbst. Mal zeigt er sich in Frack und Zylinder, dann hoch zu Pferd oder als berufsbewusster Fotograf. Sogar nackt hat er vor der Kamera posiert. Stets ist eine Energie der Selbstbeobachtung am Werk, die bei der Tochter spezifisch ausgeprägt wurde. Vor allem aber verweisen die Fotografien auf das kulturgeschichtliche Engagement von Frida Kahlo und Diego Rivera. Sie dokumentieren Alltagsszenen aus dem Leben von Indios und Rituale der Volkskultur wie eine Judasverbrennung oder Begräbnisse. Die Aufbahrung eines verstorbenen Kindes hat die Malerin 1937 auf ihrem Gemälde "Der tote Dimas Rosas" aufgegriffen. Hinzu kommen Aufnahmen von Kulturdenkmälern, die später zerstört wurden. Mit seinem Engagement reagierte das Künstlerpaar auf eine generelle Misere. "Die indigenen Kulturen wurden zu Beginn des letzten Jahrhunderts verachtet, es gab einen Rassismus innerhalb des Landes", sagt Hilda Trujillo.

Frida Kahlo auf einem Foto von Guillermo Kahlo
Übersicht zu allen Artikeln und aktuellen Ausstellungen mit Frida Kahlo

Das begann sich erst nach der Revolution zu ändern, als die neuen Politiker für den Staat eine Identität suchten, die sich von derjenigen der alten Eliten abhob. Die präkolumbische Vergangenheit bot sich an. Erziehungsminister José Vasconcelos Calderón lancierte eine nationale Bildungsinitiative, die auch die Erforschung des vorspanischen kulturellen Erbes mit einschloss. Künstler wie Diego Riviera, David Alfaro Siqueiros und José Orozco wurden beauftragt, in großen Wandbildern, den sogenannten Murales, der weitgehend analphabetischen Bevölkerung ihre Geschichte zu vermitteln. Auch privat trug Rivera 60 000 präkolumbische Objekte zusammen. 2000 sind wie Natur- und Hausgeister auf dem Areal des Kahlo-Museums versammelt. Eine Abordnung bewacht in den hohen Vitrinenschränken von Kahlos Atelier die stattliche Büchersammlung. Im Schlafzimmer der Künstlerin ist ihre Asche in einer alten froschförmigen Urne aufbewahrt. Und im Garten ließ sich Rivera neben einer finsteren quaderförmigen Skulptur fotografieren.
"Das Wasserbecken davor haben wir nach alten Fotos erst kürzlich wieder freigelegt", erzählt Hilda Trujillo und geht voran zu einem Baum, in dessen Gabelung ein Kopf eingewachsen ist. Enger lässt sich die Verquickung von Natur und altmexikanischer Kultur kaum erleben, aus der die Kunst Frida Kahlos schöpft. Wenn auf ihren Bildern Körper Wurzeln in der Erde haben und mit Bäumen und Blumen verwachsen sind, greift diese Bildlichkeit auch auf den vormodernen Naturbegriff der prähispanischen Kulturen des Landes zurück.

Botschafterin einer ungewürdigten Kultur

Frida Kahlo teilte Diego Riveras Faszination für die alte Geschichte Mexikos und setzte seinem archäologischen Engagement die Liebe zur Volkskultur hinzu. Sie sammelte die bunten Kleider der Indiotrachten, die sie schon bei ihrer Mutter gesehen hatte, und nähte selbst welche. 300 davon hat man im Nachlass gefunden. Kahlo liebte die Inszenierung. Wenn sie sich mit fantastischen Knoten das Haar frisierte wie Indiofrauen in Oaxaca oder in einer Tracht in New York aus dem Flugzeug stieg, verstand sie sich stets auch als Botschafterin einer Kultur, die ihrer Meinung nach zu wenig gewürdigt wurde. Nur mit diesem Selbstverständnis lässt sich die Sammelleidenschaft der Kahlo und nicht zuletzt auch ein guter Teil ihres malerischen Werks erklären. Das Haus quillt über vor Objekten, die aus dem ganzen Land zusammengetragen wurden. In einem Schrank hat die Hausherrin mit winzigen Püppchen ihre Zimmer nachgestellt, in einem anderen eine Bühne mit Hunderten von Darstellern aufgebaut. Die Töne und Krüge in der Küche stehen für die Töpferkunst der Indio- Kulturen, die Gesichtsmasken aus Ton im Esszimmer sind nur noch hier zu finden, "weil sie sonst niemand gesammelt und aufbewahrt hat", erzählt Hilda Trujillo. Und die Exvotos, die in der Küche einen Fries bildeten, werden von Restauratorinnen gerade von den Ablagerungen aus Ruß und Fett befreit. Auf einem kniet ein Knabe neben einem Hund, während Maria erscheint, ein Text berichtet von Krankheit und wunderbarer Heilung und dankt für die göttliche Hilfe. Diese kleinen Votivbilder sind Ausdruck des Volksglaubens, sie wurden im 19. Jahrhundert in leuchtenden Farben auf kleine Metalltafeln gemalt. 500 solcher Bilder hat Frida Kahlo zusammengetragen, manche von ihnen kehren in ihren Gemälden wieder. Die bluttriefende Selbstdarstellung "Ein paar kleine Dolchstiche" (1935) ist genau so auf einem Exvoto zu finden.

Frida Kahlo
Ein neues Buch bietet intime Einblicke in die Gefühlswelt der mexikanischen Malerin Frida Kahlo. art präsentiert Auszüge aus den Kapiteln "Kunst", "Politik" und "Sex"

Gewiss, eine Revolution ist damit nicht zu machen. Sowohl Trotzki wie Stalin hätten sich den naiven Volksglauben verbeten. Für Frida Kahlo waren diese Zeugnisse aber unmittelbarer Ausdruck einer Kultur, die sie würdigen wollte. Ihre Kunst mag Ausdruck ihres Leidens und ihres Selbstverständnisses als eine Frau sein, die sich ihren Teil am Leben nicht nehmen ließ. Daneben und vielleicht noch davor ist Kahlos Malerei aber auch eine Hommage an ihr Mexiko. So viel kulturelles Selbstbewusstsein hat Marcel Duchamp fasziniert; er hat Frida Kahlo die Ausstellung in Paris vermittelt.