Ausstellung zu Kunst und Kapitalismus

Die Geburt des Homo Oeconomicus

Eine Ausstellung in Gent reklamiert für das spätmittelalterliche Flandern die Geburtsstunde des Homo Oeconomicus und beweist, dass der Typus eines neuen städtischen Menschen nicht nur zu feiern, sondern auch die Ware Kunst zu schätzen wusste.
Die Geburt des Homo Oeconomicus

Jan Mostaert zugeschrieben: "Porträt eines Mannes mit Schädel (Portret van een man met schedel)", ca. 1520, Öl auf Paneel, 29 x 23 cm

Die Reichen und die Schönen empfangen den Besucher in einem exklusiven Raum des einstigen Caermerskloster, in dem die Pose triumphiert und die Blicke der Porträtierten zwischen Abgeklärtheit und Lob des Irdischen oszillieren. Humanisten, Geschäftsleute, wohlhabende Ehepaare und früh vergreiste Kinder in Erwachsenenkleidung bleiben hier unter sich.

Ein alter Spiegel lädt zu einer Reise in die Vergangenheit ein, wenn denn diese selbstbewussten Herrschaften nicht so kritisch auf das fremde Gesicht schauen würden, als sollte der Eindringling bitte schön erst das Beförderungsgeld entrichten, bevor er den Urhebern seines eigenen durchökonomisierten Lebensstils entgegentritt. Besonders tut sich dabei Jodocus Aemszoon van der Burch hervor, ein eiskalt sein Gegenüber fixierender Richter, den der Maler Jan Cornelisz Vermeyen um 1550 vor einem Kranz aus prächtigen Wappen abbildete. Er ist das Maskottchen der Schau „Für Gott und das liebe Geld“, die in Vorzeigestädten wie Antwerpen, Gent, Brügge, Löwen oder Mechelen einen ersten Höhepunkt der kapitalistischen Weltordnung verortet.

Spendabler Initiator und Leihgeber einer Großzahl der gezeigten Werke ist Fernand Huts, Chef des belgischen Logistikriesen Katoen Natie, der inzwischen auch ein von namhaften belgischen Museen genutztes Kunstdepot im Angebot seiner breit angelegten Geschäftspalette führt. Wenn er nicht gerade Rubens-Blätter oder wie zuletzt im April bei Christie's den besagten Vermeyen für siebenstellige Summen erwirbt, lässt er es sich nicht nehmen, persönlich an dem Katalog mitzuwirken. Er fügt den Ausführungen der Kuratorin Katharina Van Cauteren seine eigene Sicht auf Flanderns Goldenes Zeitalter hinzu. Und die strotzt nur so vor Stolz auf die Verdienste einer Region, die am Ende des 13. Jahrhunderts die Voraussetzungen für freien Handel erschuf und um 1600 die Führung an Amsterdam abgeben musste - weswegen Huts die Holländer immer noch für äußerst "seltsame Menschen" hält. Denn ihren Aufstieg verdankten sie lediglich der Flucht der Flamen vor der spanischen Inquisition in die Nördlichen Niederlande.

Der zeitliche Rahmen der Ausstellung erstreckt sich über diese glorreichen Jahrhunderte, die mit dem besagten Braindrain abrupt endeten. Der argumentative Faden springt deshalb zwar unchronologisch hin und her, aber die kostbaren Exponate entwickeln in der zeitgemäßen Klosterarchitektur, nicht zuletzt befeuert durch eine atmosphärische Lichtshow an der Decke, genug Sog, um nicht zu ermüden.

Wer soll das bezahlen?
Vom mittelalterlichen Geldeintreiber bis zu den Phantasiesummen aktueller Kunstmessen: In Baden-Baden zeigt eine Schau, wie sich das Verhältnis des Menschen zum Geld im Wandel der Zeit gewandelt hat, und wie die Kunst darauf reagiert

Im gänzlich vergoldeten Nebenraum geht es zur Sache: Eine mit versteckten Schubladen ausgestattete Holzbank, Prototyp eines verglasten Bankschalters, verweist auf die Frühzeit des Geldverkehrs. Eine Waage muss mit ihren nach Größe sortierten Schälchen und seltsamen Messgeräten erst als solche erkannt werden. Das Personal auf den monetären Bildszenen glänzt durch habgierige Grimassen. Es sind Steuer- und Schuldeintreiber, die ihre Einnahmen in einem dicken Buch notieren. Sie selbst und ihre immer häufiger bürgerlichen Auftraggeber sind die Gewinner eines gesellschaftlichen Umbruchs, den der labyrinthische Parcours mit Sinn für einprägsame Verkürzungen inszeniert.

Gleich am Anfang preisen reichlich bevölkerte Marktszenen die ökonomische Aktivität der Bevölkerung und damit auch die soziale Mobilität. Nicht wenige Bauern entzogen sich der Leibeigenschaft. Sie stiegen zu Kaufleuten auf und zogen in die freien Handelsstädte, die im Wettbewerb miteinander so nützliche Treffpunkte wie die Börse erfanden, etwa in Brügge im Haus der namensgebenden Familie van der Beurse. Die Antwerpener bauten 1517 ihr eigenes Prachtexemplar, das Karl V. seine Kriege finanzierte. Kupferstiche von Johannes Stradanus listen in dem Bilderzyklus "Nova Reperta" die Innovationen der Zeit auf: Vom Buchdruck über die Kartografie bis zur Zuckerher-stellung. Die blühende Tuchindustrie vertreten eine zeitgenössische Webmaschine und ein Gemälde von Lambert Sustris, auf dem Maria inmitten einer Gruppe von Näherinnen für Christus neue Kleidung webt. Wer so viel Luxus, Teppiche, Seide und Diamanten, für den internationalen Klerus und Adel produziert, darf sich selbst bald dazu gesellen und mit kostbaren Kleidern seinen Status markieren. Kein Wunder also, dass manch eine der auf riesigen Gemälden inszenierten Heiligenprozessionen einer überkandidelten Modenschau gleicht.

Kunstproduktion als neuer Wirtschaftszweig

Von dem neuen Repräsentationswillen profitierte auch die Kunstproduktion, die allmählich massenhafte Ausmaße annahm. Im Antwerpen des 16. Jahrhunderts stieg sie regelrecht zu einem zentralen Wirtschaftszweig auf. Rubens bedurfte unzähliger Mitarbeiter, um die Nachfrage zu bedienen. Maler spezialisierten sich auf Blumen oder Landschaften und stellten für den Export Dutzende Kopien eines Motivs her. Im Inland sorgte der protestantische Bildersturm für unverhoffte Nachschubdefizite. Mit der Rückeroberung durch die Spanier stellte die Kunstindustrie mit Hochdruck Ersatz für die geplünderten katholischen Kirchen her.

Natürlich machte der Wohlstand nicht vor der Freizeit halt. Diese Kapitel erweisen sich als veritabler Augenschmaus. Mal bekommt man Eintritt in ein zweigeschlechtliches Badehaus um 1540, mal schaut man bei einer von Pieter Breughel II. gewohnt dynamisch davon tanzenden Hochzeit vorbei oder wirft einen Blick in eine jener Kunstkammern, die gerade in Mode kamen.

Vor den Entgleisungen des Kommerzes wie Faulheit, Prunksucht oder Feierwut warnen ausgerechnet entwaffnend gut gelaunte Narren. Eselsohren hin oder her, ihre Nächte sind schöner als die Tage der Beherrschten und Tugendhaften. Frans Verbeeck fabuliert sich gar auf seinem Gemälde "Der Narrenhandel" von 1550 in eine maritime "verkehrte Welt", vor deren Kulisse winzige Narrenmännlein auf Schiffen herangekarrt, abgewogen und in Säcken verkauft werden, wenn sie nicht gerade einem schmusenden Pärchen auf dem Kopf tanzen. Was abschreckend sein soll, löst eher den Amüsierreflex aus. Diese Versuche der moralisierenden Mäßigung laufen definitiv ins Leere. Nicht so der Aufmarsch von allerlei Teufeln und Engeln, die den Sündern, zu denen in den Augen der Protestanten auch die dem süßen Leben und noch schlimmer, dem geschäftstüchtigen Ablasshandel nicht abgeneigte katholische Kirche gehörte, ein ungemütliches Ende im Jenseits androhen.

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Und da ist er dann wieder, ohne Hieronymus Bosch kommt auch diese Exkursion in die Anfänge unserer globalisierten Wirtschaftskampfzone nicht aus. Aus seinem Umkreis stammt ein "Jüngstes Gericht", auf dem überdimensionale Musikinstrumente zur Vollstreckung perfider Foltermethoden dienen. Eine derartige Tortur hat der mädchenhaft schlanke Geist, der im Finale dank einer erstaunlich gelungenen Projektion neben dem Ausgang ein Tänzchen aufführt, vielleicht noch vor sich. Er geht auf das Konto der flämischen Mode-Designerin Véronique Branquinho, die ihre diesjährige Winterkollektion um den Halskrausen-Look des 16. Jahrhunderts erweitert hat.

Ihr schwebte mit der luftigen Erscheinung wohl eine Begegnung mit einem jener neuen Menschen vor, die ihrer Heimat zu einem bis heute nachhallenden Ruhm verhalfen - ein dezenter Hinweis auf die aktuelle Modeszene in Antwerpen versteht sich von selbst. Nun ja, ein geerdeter Kapitalist hätte eigentlich besser gepasst. Aber der geistert ja bereits leibhaftig durch den Katalog und den kompletten Schnell-Wegweiser. Ein Triptychon wäre definitiv zu viel des sündhaften Selbstmarketings gewesen.

The Bigger Bosch
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