Ernst Ludwig Kirchners Muse

Mama Fränzi

Ihre Identität lag jahrzehntelang im Dunkeln. Fränzi, die kindliche Muse von Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel, war eines der faszinierendsten Modelle der deutschen Kunstgeschichte. Endlich konnte ihr Geheimnis gelüftet werden, Lina Franziska Fehrmann wurde keine 50 Jahre alt. Ein seltener Blick ins neu entdeckte Familienalbum
Mama Fränzi

Ernst Luwdig Kirchner: "Mädchen mit Katze (Fränzi)", 1910

Fastnacht in Dresden, Dienstag, 13.Februar 1945. Als Margit Fehrmann, sieben Jahre, acht Monate und drei Tage alt, ins Bett geht, ahnt sie nicht, dass in dieser Nacht fast alle Leute aus ihrem Haus, ihrer Straße, ihrem Viertel sterben werden. Später weiß sie nicht, ob die Mama sie geweckt hat oder ob sie vom Sirenengeheul aufgewacht ist. Die Mama ist nicht ihre richtige Mutter, aber das ist kompliziert und auch egal. Wichtig ist, dass sie da ist. Für sie ist Tante Fränzi die Mama.

Die Erde bebt, als dresche ein Riese auf die Stadt ein. Im Keller der Polierstraße 23 können sie nicht bleiben. Sie klettern durch Mauerdurchbrüche unterirdisch von Haus zu Haus, gelangen schließlich über eine Leiter ins Freie. Überall Tote. Das Viertel steht in Flammen. Alles brennt. Kaum Luft zum Atmen. Beißender Gestank. Die Mama sagt, sie müssen raus aus der brennenden Stadt, ganz weit raus. Zu Onkel Emil nach Rabenau vielleicht. Margit denkt: Das schaffen wir nie. Sie hat einen Schuh verloren. Trotzig sagt sie, dass sie nicht weitergeht. Die Mama, die sie noch nie geschlagen hat, haut ihr eine runter: Los jetzt! Weit kommen sie nicht, dann geht es wieder los.

Hunderte Bomber. Sie verstecken sich mit anderen Leuten unter einer Brücke - Mama Fränzi, deren Tochter Erika und der Serbe Milan, den Erika in der Fabrik kennengelernt hat und heiraten will. Ganz nah ein Einschlag, eine Explosion, ein pfeifendes Geräusch. Die Frau, die neben der Mama hockt, schreit gellend auf, ein riesiger Metallsplitter steckt in ihrem Bein. Margit ist heute 75 und wohnt im Rheingau. Sie hat viel erlebt, doch an nichts sonst erinnert sie sich mit solcher Schärfe wie an jene grausige Nacht. Sie entkamen in den Morgenstunden des Aschermittwochs. Bis vor wenigen Monaten war der rüstigen Witwe nicht bekannt, dass die stille, hagere Frau, die sie aufgezogen hatte, als Kind für zwei, drei Jahre eine der Schlüsselfiguren des deutschen Expressionismus war und von Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein auf einer Fülle von Zeichnungen, Drucken und Gemälden verewigt wurde, von denen einige weltbekannt sind. Fränzi selbst hat vom wachsenden Ruhm der Künstler nichts mitbekommen.

Lina Franziska Fehrmann starb am 10. Juni 1950, genau an Margits 13. Geburtstag, erst 49 Jahre alt, an einem Herzleiden. Dass ihre Identität zweifelsfrei geklärt werden konnte, heute auch viele Details aus ihrem Erwachsenenleben bekannt sind und jetzt Fotos aus Margits Sammlung veröffentlicht werden können, grenzt an ein Wunder. Zufälle spielten eine Rolle, akribische Recherchen von Kunstfreunden, die Faszination eines Mädchengesichts, mit dem sich lange Zeit nur ein Vorname verband, eine Abkürzung, eine Koseform. Fränzi.

Erich Heckel, 1905 in Dresden einer der Gründer der Künstlergemeinschaft "Brücke", die Dutzende Frauen und Mädchen als Modelle hatte, erinnerte sich noch als alter Mann an Fränzi. Bis heute ist im Gruppenoeuvre keine so präsent wie sie. Er nannte sie "ein spezielles Ereignis aus dem Jahre 1909". In den Ateliers von Kirchner und Heckel, aber auch an den Moritzburger Teichen hielten die Künstler mit Stift, Kohle, Pinsel Fränzi in unzähligen Momentaufnahmen fest.

»Das war Missbrauch!«
Wegen seiner provozierenden Darstellungen junger Mädchen ist der Brücke-Maler Ernst Ludwig Kirchner postum unter dem Verdacht des Kindesmissbrauchs geraten

Die Kleine schien ständig unterwegs zu sein, ein zappelndes, turnendes, schaukelndes Kind, feingliedrig und dünn, mit großen Augen und spitzem Kinn. Sie schoss auf Rollschuhen durchs Atelier, gab die Akrobatin oder spielte mit der Katze. Ihr Bewegungsdrang zwang die Künstler, wollten sie ihr unbekümmertes, spontanes Wesen einfangen, zu rascher, präziser Bildfindung. Sie begannen damals mit verdünnter Farbe zu malen, was schnelleres Arbeiten gestattete. Kirchner hat das Mädchen auch fotografiert.

Zwei Aufnahmen vermutlich von 1910 waren bis vor Kurzem die einzigen öffentlich bekannten Fotos von Fränzis. Durch sie wusste die Nachwelt, wie sie wirklich ausgesehen hatte. Ihr Nachname war nicht überliefert. Wegen einer missverständlichen Notiz Pechsteins hielt die Kunstgeschichte sie lange für die Tochter einer Artistenwitwe, ein Irrtum, der erst um 1998 ausgeräumt wurde. Viele Zeichnungen, Drucke und Gemälde der beiden letzten Dresdner Jahre, bevor die "Brücke" 1911 nach Berlin wechselte, zeigen den Fränzi-Typus. Solche Werke befinden sich unter anderem in Berlin und Davos, in Kiel und Madrid, in Minneapolis und New York. Kurios: Einige der Bilder tragen den Titel "Marzella" oder "Marcella", das bekannteste hängt in Stockholm. Die Ähnlichkeit zu verbürgten Fränzi- Darstellungen verblüfft. Ein Holzschnitt Heckels exakt nach diesem Kirchner- Gemälde heißt "Sitzender Akt (Fränzi)".

War Fränzi auch Marzella?

In der Post aus jenem Jahr taucht freilich eine Marzella auf. Eine Karte Kirchners an Heckel ziert, in Kinderschrift, folgender Wunsch: "Ich will einen Krebs haben. Marzella", auf einer anderen steht: "guten Tag Herr Heckel Marzela", hier mit nur einem L. Kirchner erwähnte in einem Brief: "Marzella ist jetzt ganz heimisch geworden ..." Er vergleicht sie mit "den älteren Mädchen. Vielleicht ist manches bei ihr fertiger und verkümmert wieder. Der Reichtum ist sicher größer jetzt." Die Zeichnung neben diesen Zeilen könnte durchaus Fränzi darstellen, "unsere Jüngste", wie Kirchner sie einmal nannte. Jahrzehntelang rätselte man: eine Doppelgängerin? Eine Schwester? Eine Verwechslung?

Oder war Fränzi auch Marzella? Wichtiger schien: Was war aus dem Mädchen mit der besonderen Aura geworden? Der Kunsthistoriker Gerd Presler entdeckte 1995 in einem der 180 Skizzenbücher Kirchners eine Notiz vom Dresdenbesuch 1926: "12. Febr. Ich war heute bei Fehrmanns ... ganz seltsam ... Die alte Frau Fehrmann ist noch genauso wie früher, sieht auch noch genau so aus." Die hat er also gekannt, vor allem aber die Tochter: "Die Fränzi hat 2 uneheliche Mädchen ... nette Kinderchen ... Fränzi selbst ist sehr trüb und traurig gestimmt durch ihr Pech... Die Jugenderinnerungen an Moritzburg etc. sind auch ihr das Liebste im Leben ..." Dank des Nachnamens kam zutage, dass Lina Franziska Fehrmann 1900 als jüngstes von zwölf Geschwistern geboren war, von denen aber keines Marzella hieß. Kirchner sinnierte 1926, dass sie kaum noch Chancen auf einen Ehemann haben dürfte. Er irrte sich. 1931 heiratete sie Alfred Fleischer, wurde aber 1948 geschieden. Als sie 1950 starb, vermerkte man als letzte Adresse die Martin-Opitz-Straße am Stadtrand Dresdens. Die ältere Tochter Gertrud, Jahrgang 1917, lebte bis 1992, der Name der jüngeren blieb vorerst unbekannt.

 

Auf Spurensuche

Vor der Ausstellung "Der Blick auf Fränzi und Marcella" (Hannover 2010) wurde in Dresdner Archiven eine Marzella Sprentzel ausgegraben, die fünf Jahre älter als Fränzi war. Die Sprentzels wohnten 1910 im selben Stadtteil wie Kirchner, ansonsten gab es keine Bezüge. Laut Katalog verlor sich die Spur im Jahre 1912. Hätte man weitergesucht, wäre die Vita einer streng gläubigen Katholikin zum Vorschein gekommen, einer Pädagogin, die bis ins hohe Alter Klavierunterricht gab. Noch heute erinnern sich Schüler an die kleine alte Dame. Ihr Vater, Oberpostsekretär, ist auf dem Alten Katholischen Friedhof Dresdens als "bedeutende Persönlichkeit" bestattet, ihr Bruder hatte ein hohes Priesteramt inne. Sollte diese Marzella sich wirklich mit 14 nackt bei wildfremden Malern getummelt haben?

Ist es denkbar, dass sie in dem Alter noch nicht genau wusste, wie sich ihr Vorname schrieb? Oder gab es noch eine andere Marzella? Oder nannte sich Fränzi aus Spaß so? Deren Part in der Kunstgeschichte steht außer Zweifel. 2011 wurde an ihrer letzten Ruhestätte in Dresden-Briesnitz ein Gedenkstein aufgestellt - auf Betreiben von Claus und Christine Wagner. Die beiden kunstsinnigen Heimatforscher fanden auch die Spur zu weiteren Verwandten Fränzis, zunächst zur jüngeren Tochter Erika. Die war 2006 mit 83 Jahren in Munster südlich von Hamburg gestorben, kinderlos wie ihre Schwester Gertrud. Und wer war jene Lucia Fehrmann, die 1950 unter Fränzis letzter Adresse registriert war und 1973 verstarb?

Im Hausbuch stand auch eine Margit Fehrmann, die aber die DDR früh verlassen hatte und unauffindbar schien. Sie war 1937 geboren, gut möglich, dass sie noch lebte. Doch wo? Ob sie zu Fränzi etwas wusste? Die "Sächsische Zeitung" griff diese Fragen auf, eine Schulfreundin Margits las das und stellte im Juli 2012 den Kontakt her. Danach ging es sehr schnell. Margit staunte kurz, suchte dann Fotos heraus, erinnerte sich. So wissen wir nun: Einer von Fränzis Brüdern, der 13 Jahre ältere Johann Walter Fehrmann, war Lucias Vater. Lucia, schon als Kleinkind Vollwaise, wurde von der Fehrmann-Oma aufgezogen und war dadurch so etwas wie Fränzis jüngere Schwester.

Als Fränzi mit 31 den Buchbinder Alfred Fleischer heiratete, schien sich vieles zum Guten zu wenden. Auf einem Foto von 1942 guckt er recht freundlich. Hinter ihm steht Fränzi, mit dem Anflug eines Lächelns, auf seinem Schoß hockt die kleine Margit. Deren leibliche Mutter Lucia hatte Margits Erzeuger den Laufpass gegeben, als sie erfuhr, dass nicht nur sie von ihm schwanger war. Die Fehrmanns hatten mit so etwas Erfahrung. Als Lucia sich wieder ins Leben stürzte, kümmerte sich Fränzi um das Kind. "Ich hatte eine Mutti, die oft vorbeikam. Und Fränzi war meine Mama", erzählt Margit. Ein Geheimnis war es nicht, dass Fränzi als Kind Modell gestanden hatte.

"Aber sie erwähnte es nur beiläufig", betont Margit. "Sie sagte: Wir waren doch so arm! Es klang wie eine Entschuldigung." Fränzi, ihre Tochter Erika und Margit kamen nach der Bombennacht in Rabenau unter, wo sie auch nach dem Krieg eine Weile wohnten. Dort wurde im Sommer 1945 Erikas Hochzeit mit dem Serben Milan fröhlich gefeiert. "Nur die Mama hat kaum gelacht", sagt Margit, "sie wirkte oft traurig." Wieso Fränzi und Alfred sich scheiden ließen, als der aus Gefangenschaft zurückkam, weiß sie nicht. Alfred heiratete wieder und wurde 98, doppelt so alt wie Fränzi. Die hatte zuletzt oft blaue Lippen. Das hatte nichts mit dem Expressionismus zu tun. Das war das Leben, das in ihr um Hilfe rief.

Der Artikel erschien zuerst in art - das Kunstmagazin, Ausgabe 11/2012