Interview zu Hieronymus Bosch

»Mehr als ein Monstermaler«

Zum 500. Todestag von Hieronymus Bosch zeigt das Madrider Prado-Museum die größte Bosch-Ausstellung aller Zeiten. Doch unter den Jubel mischen sich auch Stimmen, die die Echtheit einiger Werke bezweifeln. Ein Interview mit einer verärgerten Pilar Silva, Kuratorin und Prado-Expertin für flämische Kunst über den aktuellen Streit mit dem niederländischen »Bosch Research and Conservation Project« (BRCP) und die Geheimnisse des Monstermalers.
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Kopie oder Original? Derzeit bezweifeln Experten die Echtheit von einigen Madrider Bosch-Werken, etwa von "Die sieben Todsünden", nach 1500.

art: Frau Silva, Sie zeigen im Prado derzeit mit 65 Werken eine Bosch-Ausstellung der Superlative. Fiel Ihnen wirklich kein besserer Titel als "Bosch. Die Ausstellung zur 500-Jahrfeier" ein?

Pilar Silva: Der Titel ist doch perfekt. Es ist die Jubiläumsausstellung. Es ist die Bosch-Ausstellung, die man gesehen haben muss. 21 Museen – vom MOMA bis hin zum Louvre - haben uns ihre Bosch-Werke geliehen. Die Albertina schickte die herausragende Zeichnung "Baummensch", das Lissabonner Museu Nacional de Arte Antiga "Die Versuchung des Heiligen Antonius". Das wertvolle Triptychon wird nur in absoluten Ausnahmefälle verliehen. Mit 75 Prozent seiner gesamten Werke ist es die größte Schau, die es jemals über Bosch gegeben hat und auch wohl geben wird.

Warum sind Sie sich da so sicher?

Weil der Prado mit sechs Bosch-Gemälden weltweit über die größte Sammlung seiner Werke verfügt. Das haben wir König Philipp II. zu verdanken, der im 16. Jahrhundert zu den größten Bosch-Fans gehörte. Mit Tiziano war es sein Lieblingsmaler. In ’s-Hertogenbosch lebte Bosch. Doch der Prado ist das Zuhause seiner Werke. Den "Heuwagen" haben wir nur ausnahmsweise dem Noordbrabants Museum in Boschs Heimatstadt ’s-Hertogenbosch für seine Jubiläumsausstellung Anfang des Jahres überlassen. Andere unserer Bosch-Werke wie das größte und bedeutendste Bosch-Triptychon "Der Garten der Lüste" verlassen den Prado niemals. Auch die "Anbetung der Könige", "Die sieben Todsünden", "Die Versuchung des Heiligen Antonius" oder "Die Heilung vom Wahnsinn (Die Steinoperation)" sind so delikate und wertvolle Kunstwerke, dass sie nicht verliehen werden. Deshalb ist eine Bosch-Ausstellung dieser Dimension – wenn überhaupt – nur im Prado möglich.

Nun sind Anfang des Jahres Zweifel an der Echtheit einiger Ihrer Bosch-Werke aufgekommen.

Ja, die Experten des niederländischen Bosch Research and Conservation Project (BRCP) haben "Die sieben Todsünden", "Die Heilung vom Wahnsinn (Die Steinoperation)" und "Die Versuchung des Heiligen Antonius" als Kopien eingestuft, was uns völlig unbegreiflich ist. Deshalb haben wir nun Ende Mai bei der Vorstellung unserer Ausstellung auch auf diese Polemik reagiert. 

Sie klingen sehr verärgert.

Das bin ich auch. Es war vor allem die Art und Weise, die uns störte. Ich selber gehörte als Expertin dem Bosch Research and Conservation Project an. Doch wir trafen uns das letzte Mal 2014 in Venedig. Erst danach analysierten sie die Bilder. Aber niemand fragte uns oder holte unsere Meinung zum Thema ein. Sie teilten die Informationen und Untersuchungen zuvor mit niemanden. Selbst wir im Prado erfuhren erst aus der Presse und dem Katalog zur Ausstellung in ’s-Hertogenbosch von der Neueinordnung unserer Werke durch das BRCP. Ich habe das Projekt logischerweise sofort verlassen. So etwas macht man zwischen kollaborierenden Museen und Kulturinstitutionen nicht.

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Eine böswillige Strategie, dem Prado zu schaden, steckt bestimmt nicht dahinter. Das Gemälde "Die Versuchung des heiligen Antonius" aus dem Nelson-Atkins Museum of Art in Kansas City, das bisher einem Schüler von Bosch zugeschrieben wurde, erklärten sie beispielsweise zum Werk des Meisters.

Wir haben niemals ein Problem damit, Werke neu zuzuordnen, wenn es dafür überzeugende Argumente gibt. Das haben wir bereits in der Vergangenheit gezeigt, als wir Gemälde von Velázquez und Goya nachträglich der Werkstatt zuschrieben. Aber die Argumente der Niederländer überzeugen uns einfach nicht. Sie legen keine wissenschaftlichen Beweise für ihre Behauptungen vor. Ihre Argumente sind vollkommen haltlos.

Geben Sie uns ein Beispiel!

Sie behaupten, das Tafelbild "Die sieben Todsünden" sei eine Kopie, weil der spanische Humanist Felipe de Guevara Mitte des 16. Jahrhunderts in einem Schreiben erwähnt haben soll, die Tischtafel sei ein Beispiel für das hervorragende Talent eines anonymen Bosch-Schülers, der die Signatur des Meisters verwendet hätte, um diesem seine Ehre zu erweisen. Aber Felipe de Guevara hat das niemals so gesagt! Er schrieb nur, es gebe Kopisten, die mit Boschs Namen zeichnen. Nicht mehr. Davon abgesehen: Was ist das denn für ein wissenschaftlicher Beweis? Das ist doch lächerlich.

Haben Sie denn Gegenbeweise dafür, dass "Die sieben Todsünden" wirklich von Bosch stammen?

Niemand außer Bosch hätte "Die sieben Todsünden" so gemalt oder so malen können. Natürlich konnte jemand das Tafelbild zeitnah zu Bosch kopieren, aber nicht mit der selben Handschrift. Ich habe vielleicht kein musikalisches Gehör, sehe aber, wenn ich einen echten Bosch vor mir habe. Diese künstlerische Originalität und Technik konnte man nicht einfach so kopieren. Bei den Vorbereitungen zu unserer Jubiläumsschau haben wir alle Werke zuvor noch einmal restauriert und mit Röntgenanalysen und anderen Verfahren stilistisch und maltechnisch untersucht. Wir haben keinen Zweifel, dass es sich bei den drei Werken um echte Boschs handelt. Auch die eine oder andere Neudatierung unserer Bosch-Werke durch die BRCP-Experten auf eine Zeit nach Bosch sind nicht korrekt. Unsere chemischen Untersuchungen der Farbpigmente ergaben, dass die Werke sehr wohl zu Bosch Lebenszeiten gefertigt wurde. Auch die Dendrochronologie-Methode, bei der das Alter des Holzes, auf dem gemalt wurde, bestimmt wird, siedelt die Gemälde klar zu Boschs Lebenszeit an.

Das beweist aber nicht, dass Bosch die Werke auch wirklich malte.

Das stimmt. Aber sie zeigen meiner Meinung nach, dass sich die BRCP-Experten mit ihrer zeitlichen Einschätzung geirrt haben, die besagt, die Bilder können nicht von Bosch stammen, weil sie später entstanden.

War die Diskussion um die Echtheit der Grund, warum wir jetzt in der Ausstellung auf den Rückseiten zahlreicher Triptycha und Gemälde auch die Röntgenbilder gezeigt bekommen?

Nein! Damit wollen wir den Besuchern unsere neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Maltechnik Boschs näherbringen, die wir bei den Vorbereitungen zur Ausstellung gewonnen haben. Bosch malte anders als seine Zeitgenossen. Er folgte nicht der Tradition. Er interpretierte die zu seinen Lebzeiten herrschende Maltechnik und Ikonografie vollkommen neu. Damals benutzte man verschiedene und dicke Farbschichten, was viel Zeit und Material erforderte. Bosch arbeitete mit flüchtigen Unterzeichnungen, die er mit wenigen dünnen Malschichten überarbeitete. Er war ein origineller Maler. Er zeichnete wie ein Maler und malte wie ein Zeichner. Der Besucher kann Boschs einzigartigen kreativen Prozess anhand der Röntgenbilder an der Rückseite der Werke sehr schön nachvollziehen.

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Und was macht seine Ikonografie so besonders?

Anders als seine zeitgenössischen Künstlerkollegen zeigte Bosch als tiefgläubiger Moralist seinen Mitmenschen nicht, was sie machen sollen, um in den Himmel zu kommen, sondern was sie nicht tun dürfen, um das Hinabsteigen in die Hölle zu verhindern. Das war lustig und anders, obwohl er es sehr ernst meinte. Doch mit all diesen Monstern, Fabelwesen, Dämonen und Teufeln wurde er als Monstermaler bekannt. Er war aber viel mehr als das.

Und zwar?

Normalerweise sieht man seine Gemälde separat. Doch wir haben es geschafft, fast sein gesamtes Werk zu vereinen. So wird der Besucher sehen, dass Bosch nicht nur jener Schöpfer von Dämonen, Monstern, Träumen und Alpträumen war, als den ihn der spanische Dichter Rafael Alberti beschrieb. Er malte Heilige, das Paradies, das Leben Christi. Diese Ausstellung ist eine einzigartige Gelegenheit, Bosch neu zu verstehen. Deshalb haben wir die thematisch angelegte Exposition auch wie einen kurvigen Parkour gestaltet, der einen systematisch durch sein Werk führt. Das hat ganz nebenbei auch den Vorteil, die zu erwartenden Besuchermassen leichter zu bewältigen. Gleichzeitig gibt die Struktur dem Publikum die Möglichkeit, sich den Bildern sehr zu nähern, was hilfreich ist, um die vielen kleinen Figuren und Details überhaupt zu sehen.

Ist damit die nahezu faszinierende Rätselhaftigkeit gelöst, die Bosch umgibt?

Nein. Das Problem ist, dass wir den Schlüssel zu seinem Werk verloren haben. Der Museumsbesucher, aber auch häufig wir Experten, können viele seiner Motive und Symbole nicht mehr immer entschlüsseln und interpretieren. Gewisse Tiere oder sogar Musikinstrumente waren im Mittelalter Symbole, die wir heute nicht mehr verstehen. Es ist wie mit Karikaturen in uralten Zeitungen, die konkrete politische Situationen von damals aufs Korn nehmen. Der heutige Betrachter versteht sie sehr wahrscheinlich nicht mehr. So ist es auch bei Boschs Bildern. Sie bieten viele Interpretationsmöglichkeiten. Salvador Dalí sah in Bosch beispielweise einen surrealistischen Vorreiter und übernahm Motive, obwohl Bosch niemals ein Surrealist war.

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