Peter Paul Rubens – Biografie, Bilder und Werke

Der Gigant

Reich, erfolgreich und dazu noch gut aussehend – Peter Paul Rubens war bereits zu Lebzeiten ein Star. Die ganz großen Dramen spielen sich allerdings auf seinen Leinwänden ab: Die Dynamik und Bewegung seiner Gemälde sollten die Kunstwelt auf Jahrhunderte beeinflussen.
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Stolz, erfolgreich und ein wenig eitel – Peter Paul Rubens' "Selbstporträt", um 1629

Noch ist es still im Rubenshaus am Platz Wapper in Antwerpen. Andächtig lauscht der junge Japaner der Stimme in seinem Kopfhörer. Er steht vor dem Selbstporträt des großen Meisters. Volle Lippen, wohlgeformte Nase, offener Blick aus warmen, intelligenten Augen. Nicht viel anders lässt sich noch heute so mancher Vorstandsvorsitzende von Shell oder Unilever ablichten. Man braucht sich nur den altmodischen Schlapphut wegzudenken.

Peter Paul Rubens (1577 bis 1640) würde diesen Firmenchef anno 2014 vermutlich zu seinen engsten Freunden zählen. So wie die Clintons und Bill Gates. Er hätte auch die Handynummern von Obama und Angela Merkel. Und reiste im Auftrag der EU-Kommission nach Moskau, um Putin zur Räson zu bringen. Sein Zuhause wäre kein Stadtpalast am Wapper, sondern ein Loft an der Schelde und ein Ferienhaus auf Sardinien. Seine Gemälde erzielten Preise, die Konkurrenten wie Gerhard Richter erblassen ließen. Und selbst die besten Freundinnen seiner Gattin könnten Neidgefühle nur mit Mühe unterdrücken, da er nicht bloß erfolgreich ist, sondern auch noch so gut aussehend, dass ihn keine so schnell von der Bettkante stoßen würde. Wenn er sich da überhaupt niederließe, denn zu allem Überfluss trägt er Frau und Kinder als treuer Familienvater auf Händen.

Diplomat, Künstler, Geschäftsmann

"Rubens war ein Gigant", sagt Kunsthistoriker Nico van Hout vom Rubenianum in Antwerpen, wo das Œuvre des Barockmalers katalogisiert wird. "Es gibt wenige Menschen, die ihre Zeit auf Erden so gut nutzen oder genutzt haben wie er." Als belesener Diplomat der spanisch-habsburgischen Krone reiste Rubens durch ein von Glaubens- und Machtkriegen geschütteltes Europa. Als knallharter Geschäftsmann machte er sein Atelier zu einem perfekt funktionierenden Unternehmen. Und als Maler verursachte er ein kunsthistorisches Erdbeben, das noch heute spürbar ist: "Was Homer für die Literatur war und Bach für die Musik, war Rubens für die Malerei!"

Gerne wird er als Maler alter Schinken und dicker Frauen abgetan. Oder als Diener des katholischen Establishments. "Als bloßer Propagandamaler wäre er längst in Vergessenheit geraten", stellt Van Hout klar, der die aktuelle Rubens-Schau im Brüsseler Palais des Beaux-Arts kuratiert hat: "Sein Einfluss erstreckt sich über vier Jahrhunderte hinweg bis hin zu Klimt, Corinth und De Kooning. Das macht ihm keiner so schnell nach."

Rubens hat die Farbpalette venezianischer Meister wie Tizian in Nordwesteuropa verbreitet und Tempo und Dynamik auf die Leinwand gebracht. Sein Bethlehemitischer Kindermord ist eine einzige große Bewegung der Gewalt, eine Art Film, der in Slow Motion abläuft. Mit zwei, drei Pinselstrichen, flott und locker angebracht, gelingt ihm, wozu andere Tage brauchen: "Ohne Rubens kein Exotismus, ohne Rubens auch kein Impressionismus!" Egal ob Landschaft, Porträt oder Historienbild – alles liegt ihm, mit schonungslosem Realismus zieht er sämtliche Register, weiß die kompliziertesten mythologischen Themen auf den Punkt zu bringen, wird zum unübertroffenen Meister der bildlichen Erzählkunst. "Sein Talent ist fast schon gruselig", fasst es Van Hout zusammen. So viel Virtuosität schrecke ab: "Man liebt ihn. Und man hasst ihn. Eben weil er für viele unerreichbar ist."

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Vor dem Selbstporträt im Antwerpener Rubenshaus hat sich eine Menschentraube gebildet. Es hängt im Esszimmer, neben dem Kamin. Durch die Butzenscheiben fällt die Morgensonne herein. Im Gegensatz zu seinem holländischen Kollegen Rembrandt, der sich rund 40-mal selbst porträtierte, gibt es von Rubens nur vier Selbstbildnisse. Immer stellt er sich als erfolgreichen Unternehmer dar, nie als Maler. Und fast immer trägt er einen Hut. Er ist schnell kahl geworden, das wollte er verbergen. Eitel also war er schon.

Nirgendwo kommt man dem Universalgenie näher als hier am Wapper, wo er sich 1615 nach aufwendigen Umbauarbeiten mit ungekannter Pracht niederlässt. Als gefeierter Mann ist er 1608 von einer achtjährigen Italienreise zurückgekehrt, begeistert von der Kunst der römischen Antike und der italienischen Renaissance. Schon mit 23 Jahren, kurz nach seiner Ausbildung bei drei Antwerpener Meistern, durfte er in Mantua für Herzog Vincenzo Gonzaga arbeiten. Und gleich nach seiner Rückkehr wird er 1609 Hofmaler der Statthalter der spanischen Niederlande, Albert und Isabella. Kein Wunder, dass er es wagt, sich und seine erste Frau Isabella auf dem Doppelporträt in der Geißblattlaube von Kopf bis Fuß darzustellen – das ist bis dahin dem Adel vorbehalten, Bürgerliche hatten sich mit Brustbildern zufriedenzugeben. Und wieder zeigt sich auch, wie modern dieser Alte Meister ist: Die Darstellung in der Laube ist als Motiv bis heute auf vielen Hochzeitsfotos erhalten geblieben.

Am Wapper bleibt der Malerfürst bis zu seinem Tod 1640, hier entsteht der weitaus größte Teil seines Œuvres, hier werden seine sieben Kinder geboren, hier empfängt er seine Gäste. Man sieht ihn förmlich aus dem Atelier kommen, das er sich im Stil eines italienischen Palazzo gebaut hat. Mit ausladenden Schritten eilt er über den Hof, vorbei am triumphbogenartigen Portikus, der das Atelier mit dem Wohnhaus verbindet, einem flämischen Patrizierbacksteinbau. Womöglich macht er noch einen Abstecher in den Renaissance-Garten, um Frau und Kinder mit frisch gepflückten Feigen oder Orangen zu überraschen. Weil er mal wieder zu spät dran ist. Wichtiger Besuch könnte ihn aufgehalten haben, die französische Königinmutter Maria de’ Medici oder der Herzog von Buckingham, Berater des englischen Königs. Vielleicht wollte sein Lieblingsschüler Anthonis van Dyck, der 1620 in London als Hofmaler Karriere machen wird, noch schnell ein paar Tricks und Kniffe wissen. Oder seine Freunde Jacob Jordaens und Jan Brueghel d. Ä. haben vorbeigeschaut. Beide wohnen nicht weit entfernt. Mit dem »Blumenbrueghel«, wie er genannt wird, arbeitet Rubens oft zusammen.

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Zeit ist für Rubens Geld

Es könnte aber auch sein, dass Rubens seinen Assistenten eine Standpauke gehalten hat, weil er mal wieder zu viele Fehler ausbessern musste. Zeit ist Geld. Durchschnittlich entsteht in seinem Atelier alle vier Tage ein Werk. Bei den meisten der 1500 Gemälde, die ihm zugeschrieben werden, sorgt Rubens selbst nur für den letzten Schliff und die Basis: eine Ölfarbenskizze, die seine Assistenten ausarbeiten. Dennoch liegt der Arbeitslohn bei bis zu 100 Gulden pro Stunde – "zehnmal mehr, als andere Künstler verlangten", weiß Forscher Van Hout. Rund 300 der 1500 Gemälde sind vollständig aus seiner Hand: "Dafür musste man 500 Gulden pro Stunde zahlen." Dennoch ist die Nachfrage auch nach diesen Werken groß: Gleich 1609 beauftragt ihn der Antwerpener Bürgermeister Nicolaas Rockox für das Rathaus mit der Anbetung der Könige, heute in Madrid. Rockox gehört zu Rubens’ engsten Freunden und wichtigsten Mäzenen. Maria de’ Medici lässt sich von Rubens ihren Palais de Luxembourg in Paris dekorieren, König Karl I. die Decke des Festsaals im Londoner Banqueting House und der spanische Kardinal-Infant Ferdinand den Jagdpavillon Torre de la Parada.

"Ich gestehe, dass ich durch eine natürliche Neigung für große Bilder geeigneter bin als für kleine Kuriositäten", schreibt Rubens 1621 in seinen Briefen. "Mein Talent ist so beschaffen, dass noch kein Auftrag meinen Schaffensmut übertroffen hat, wie groß und verschieden er gewesen sein mag."

Auch in Antwerpen selbst begegnet man dem barocken Schwergewicht auf Schritt und Tritt: In der Kathedrale hängen gleich vier Meisterwerke, darunter die berühmte Kreuzabnahme von 1611/14. Der Sterbende Seneca befindet sich im ehemaligen Wohnhaus der legendären Druckereifamilie Plantin-Moretus. Auch die Madonna und die Engelskulpturen an der Fassade der Jesuitenkirche St. Carolus Borromeus stammen von ihm, den Hochaltar hat er entworfen und vermutlich sogar den Turm. Die ersten zwölf Lebensjahre verbringt der Maler in Deutschland, wo er 1577 auch geboren ist, im westfälischen Siegen. Als bekehrte Protestanten haben seine Eltern 1568 aus Antwerpen fliehen müssen. Rubens’ Vater Jan, Schöffe und Jurist, kann in Köln als Berater von Anna von Sachsen arbeiten, der Frau Wilhelms von Oranien-Nassau – jenes Mannes, der die Nördlichen Niederlande vom katholischen spanischen Joch befreien will und in den Unabhängigkeitskrieg geführt hat. Jan und Anna kommen sich schnell nahe. Zu nah – Anna wird schwanger.

Turbulente Zeiten

Dass Rubens’ Vater nicht im Kerker landet, sondern bloß unter Hausarrest gestellt wird, liegt nicht nur an den Bittbriefen, die seine Frau an Wilhelm von Oranien schickt: Der ist froh, endlich einen Grund zu haben, die unbequeme Anna verstoßen zu können. Weitaus unerfreulicher, als wirklichen Verrat, dürfte Wilhelm die Tatsache empfunden haben, dass Rubens’ Eltern sich wieder zum Katholizismus bekennen. 1589, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, kehrt die Mutter mit den Kindern sogar nach Antwerpen zurück. Dabei ist die Stadt nur noch ein Schatten ihrer selbst. Vier Jahre zuvor haben die Spanier sie zurückerobert, seitdem blockieren die calvinistischen Rebellen ihre Lebensader, die Schelde. Längst sind Abertausende in den freien Norden geflüchtet, wo sie Amsterdam ein Goldenes Zeitalter bescheren. Dass sich Antwerpen dennoch mit einer Nachblüte halten kann, liegt an einer kleinen Zahl prominenter Familien, die bleiben: die Plantin-Moretus, Jacob Jordaens und Peter Paul Rubens. Auch er hält der Stadt und dem Katholizismus die Treue. Fast täglich begibt er sich zum Gottesdienst in die St. Jakobskirche, wo sich die von ihm gestaltete Familiengrabkapelle befindet, alle seine Kinder getauft werden und er zum zweiten Mal heiratet.

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Bescherte dem Meister eine zweite Jugend: Hélène Fourment, "das Pelzchen", 1638

Der Tod seiner ersten Frau Isabella, die 1626 an der Pest stirbt, ist ein schwerer Schlag für ihn. "Ich habe eine gute Gefährtin verloren", schreibt er. "Allein die Zeit kann diese Wunde heilen." Er stürzt sich in seine Arbeit als Diplomat und die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, versucht zwischen Spanien und Großbritannien zu vermitteln. Erst 1630 kehrt er wieder ganz nach Antwerpen zurück, um sich trotz zunehmender Gichtanfälle der Malerei zu widmen. Sein Spätwerk ist geprägt von prachtvollen poetischen Landschaften wie der Landschaft mit Regenbogen.

Die Seidenhändlertochter Hélène Fourment hat ihm eine zweite Jugend beschert. Sie ist 16, er 53. "Ich habe mich zur Heirat entschlossen, da ich noch nicht geneigt war, im Zölibat zu leben", schreibt er 1634 einem befreundeten Gelehrten. "Und um ehrlich zu sein, wäre es mir hart angekommen, den kostbaren Schatz der Freiheit gegen die Liebkosungen einer alten Frau einzutauschen." Immer wieder porträtiert er Hélène. Als Braut und Mutter oder als Pelzchen, nackt und verführerisch.

Inspirationsquelle für Jahrhunderte

Nicht nur seine künstlerische Schaffenskraft ist ungebrochen: Sein letztes Kind erblickt acht Monate nach seinem Tod das Licht der Welt. An einem Herzanfall soll er gestorben sein, 63 Jahre alt. Für den flämischen Schriftsteller Hugo Claus – er dürfte nicht der einzige sein – ein klarer Fall: Es ist der "kleine Tod" gewesen, la petite mort, der den großen zur Folge hatte. Auf dem Antwerpener Groenplaats, vor dem filigranen Turm der Kathedrale, steht der Malergigant auf seinem Sockel und blickt souverän auf die Menschenmenge herab. Er trägt sein Diplomatengewand, die rechte Handfläche offen nach außen gewandt.

Seine Nachfolger haben ihn verteufelt und verehrt, geliebt und gehasst: Für Rembrandt war er Vorbild, für Velázquez, Manet, Carpeaux und Rodin Inspirationsquelle. Delacroix ließ sich als neuer Rubens feiern, Makart zog 1879 als Rubens verkleidet durch Wien, und der Belgier Antoine Wiertz betrachtete sich sogar als Rubens-Reinkarnation. Vincent van Gogh verurteilte ihn als oberflächlich und bombastisch, war aber hingerissen von der Leichtigkeit seines Pinselstrichs. Renoir gab zerknirscht zu, sich farbtechnisch zweimal etwas abgeguckt zu haben, meinte aber angstvoll, das heiße noch lange nicht, dass er nun unter Rubens’ Einfluss stehe. Auch der englische Kunstkritiker John Ruskin war nicht gut auf barocke Malerei zu sprechen, prophezeite aber dennoch, dass "eher die Welt einen neuen Raffael oder Tizian sehen wird als einen neuen Rubens". Der alte hat es anno 2014 nicht ganz leicht. "Der aktuelle Kunstgeschmack ist ein protestantischer", sagt Rubens-Forscher Nico van Hout. Mit blassen Farben, ganz dünn aufgetragen. So wie auf den Bildern von Luc Tuymans oder Marlene Dumas. Still, schlicht und einfach. Wie die Bilder Vermeers. Jedenfalls nicht so laut und kompliziert wie das, was sich auf den aufwühlenden Arbeiten des katholischen Universalgenies aus Antwerpen abspielt. So gesehen hat Wilhelm von Oranien verspätet Rache geübt. Vorläufig jedenfalls.

Der Artikel erschien zuerst in art - Das Kunstmagazin, Ausgabe 10/14

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