Édouard Manet – Biografie und Bilder des Olympia-Malers

Der Dandy der Avantgarde

Für bahnbrechende Bilder wie »Olympia« oder »Das Frühstück im Grünen« wurde der Maler einst verhöhnt. Heute gilt Edouard Manet als glänzender Wegbereiter des Impressionismus.
Der Dandy der Avantgarde

Édouard Manet: "Im Wintergarten", 1878/79, Öl auf Leinwand, 115 x 150 cm

Drei Jahre nach dem Tod Edouard Manets hielt ihm sein Sargträger Emile Zola in "Das Werk" eine verspätete Grabrede. Nach einer Karriere voller Demütigungen und Selbstzweifel tötet sich der tragische Held seines Romans und entflieht so dem Martyrium des modernen Künstlerlebens. "Ein heroischer Arbeiter", klagt Zola, "ein leidenschaftlicher Beobachter, der sich den Schädel vollgestopft hat mit Wissen, seiner Anlage nach ein großer wunderbar begabter Maler... Und er hinterlässt nichts." Schon den Zeitgenossen entging nicht, dass dieser Tote eine gewagte Mischung aus Manet, Paul Cézanne und Zolas melodramatischer Fantasie darstellte. Cézanne kündigte Zola die Jahrzehnte währende Freundschaft auf, und auch Manet wäre vermutlich entsetzt gewesen, das Schicksal mit Cézanne zu teilen, einem Maler, der seine Farben, so Manet, mit der Maurerkelle auf die Leinwand zu schmieren schien.

Aber auch wenn Zolas Roman keinesfalls den Schlüssel zu Manets Leben und Werk liefert, so gab er der Nachwelt, die in diesem bald die Gründungsfigur der Moderne zu sehen begann, das entscheidende Stichwort: Ein Teil von Manet steckt in allen modernen Künstlern, gleich ob in seiner oder in unserer Zeit. Er brach Ende der 1850er Jahre mit der herrschenden Salonmalerei, schuf mit der "Olympia" das Skandalbild des 19. Jahrhunderts und hielt den mit Hohn und Spott getränkten Pfeilen der öffentlichen Meinung mit bewundernswerter Sturheit stand. Sein Stellenwert innerhalb der sich formierenden Avantgarde war so groß, dass er mehr als einmal ungeachtet der offensichtlichen Unterschiede im Malstil zum König der Impressionisten ausgerufen wurde. Dabei ist Manet ein Solitär, der das Alte und das Neue in schmerzlichschöner Manier zusammenbringt. Bis heute beißen sich Kunsthistoriker an den Widersprüchen seines Werks die Zähne aus; sieht man es vor sich, überwiegt allerdings das Glücksgefühl.

Der Poet der Malerei
Eugène Delacroix befreite Farbe und Maltechnik von jeglicher Tradition. Wie groß der Einfluss des französischen Spätromantikers auf die Meister der Moderne war, zeigt eine imposante Ausstellung

Geboren wurde Edouard Manet am 23.Januar 1832 in Paris. Sein Vater Auguste war ein hoher Beamter im französischen Justizministerium, seine Mutter Eugénie-Désirée entstammte einer angesehenen Diplomatenfamilie. Früh zeigt Manet zeichnerisches Talent, das von einem Onkel mütterlicherseits gefördert, vom Vater hingegen lediglich geduldet wird: Als ältester Sohn soll er in dessen Fußstapfen treten. Manet versäumt es aber, sich durch hervorragende schulische Leistungen für eine juristische Laufbahn zu empfehlen, und nach einem gescheiterten Versuch als Offiziersanwärter der Marine hat die Familie ein Einsehen und entlässt den 18-Jährigen in die unsichere Existenz eines angehenden Künstlers. Manet schreibt sich in das Kopistenregister des Louvre ein und wählt, statt an die staatliche Ecole des Beaux- Arts zu gehen, den für sein deutlich liberaleres Kunstverständnis bekannten Maler Thomas Couture als Lehrer. Allerdings fühlt sich Manet selbst durch Coutures Freizügigkeit gefesselt. Die sechsjährige Ausbildung ist von ständigen Streitereien begleitet, am Ende bekommt der aufmüpfige Schüler ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt:

Manet werde es, so Couture, allenfalls zum besseren Karikaturisten bringen. Heute erscheint dieses Urteil völlig daneben, Ende der 1850er Jahre drückte es Manets Arbeiten nach Meinung vieler Zeitgenossen den passenden Stempel auf. Obwohl Eugène Delacroix und Gustave Courbet die Pariser Kunstwelt bereits durch ihren lebensnahen Malstil herausgefordert hatten, wurde an den offiziellen Akademien weiterhin ein an der Antike geschultes Ideal gelehrt. Durch sorgfältige Abstufungen von Schatten und Licht sollte eine möglichst plastische Darstellung und dank penibler Pinselführung der Eindruck einer polierten Oberfläche erreicht werden. Das Publikum war eingeladen, sich an den derart gegen die alltägliche Wahrnehmung versiegelten Gemälden "die Nasen plattzudrücken" und vor allem die bis ins kleinste Detail meisterliche Ausführung zu bewundern.

Ein Bild Manets musste dem derart geschulten Auge schlichtweg unfertig vorkommen. Auf seinem Frühwerk "Der Absinthtrinker" (1858/59) verzichtet er weitgehend auf Halbtöne und taucht den verlebten Mann in den harten Hell-Dunkel- Kontrast der nächtlichen Gasbeleuchtung. Das Bild hat kaum Tiefe, einzelne Farbtupfer scheinen einander abzustoßen, insgesamt wirkt das Porträt geradezu schemenhaft. Im Bildvordergrund gibt eine umgestürzte, offensichtlich bereits geleerte Flasche den entscheidenden Hinweis, dass der junge Manet etwas ganz und gar Ungewöhnliches gewagt hatte: Er setzte die umnachtete Selbstwahrnehmung des Trinkers mit ins Bild.

Mit seinem berühmten Freund Charles Baudelaire teilte Manet zudem den Anspruch, die moderne Realität mit zeitgemäßen Mitteln abzubilden. Also malte er Alltagsszenen, die weder dem Publikum noch den führenden Malern seiner Zeit bildwürdig erschienen. Er orientierte sich bei der Lichtführung nicht daran, was er bei Couture gelernt hatte, sondern daran, was er tatsächlich sah, und er griff Motive auf, die in der Presse verbreitet worden waren. Seine Darstellung "Toter Christus von Engeln gehalten" (1864) wirkte auf zeitgenössische Kritiker wie eine nachträgliche Illustration von Ernest Renans zunächst als ketzerisch eingestufter Jesus-Biografie, mit "Pferderennen in Longchamp" (um 1867) zeigte er einen gesellschaftlichen Höhepunkt des zweiten Kaiserreichs in moderner Optik.

Ein verhängnisvolles Frühstück

Auf dem Bild verwischen die Konturen der galoppierenden Pferde und spiegeln durch ihre Dynamik die innere Bewegung der zur Masse verschmolzenen Zuschauer wider. All diesen Bildern ist gemein, dass sie genau das künstlerische Programm enthalten, das wir heute an Manets Meisterwerk "Das Frühstück im Grünen" (1863) bewundern. Im Wesentlichen sind hier zwei vollständig bekleidete Männer in Gesellschaft einer nackten und einer im Unterkleid badenden Frau zu sehen.

Der Dandy der Avantgarde

Skandalbild: "Frühstück im Grünen", 1863

Die Posen der Figuren hat Manet dem für den damaligen Kunstfreund gut erkennbaren klassischen Vorbild Raffael entnommen und in die unzüchtige Gegenwart des Bois de Boulogne verlegt. Mit dieser "Collage" setzt er seine Figuren ins Spannungsfeld zwischen bürgerlichem Anspruch und moderner Wirklichkeit, ohne dass sich ihre Beziehungen und damit die "Erzählung" des Bildes schlüssig ausbuchstabieren ließen. So erklärt Manet die bürgerliche Welt zu seinem Thema und beginnt zugleich, das Selbstverständnis des Betrachters kunstvoll zu irritieren. Auch wenn die Pariser Kunstkritik im 19. Jahrhundert für ihre harschen Verrisse berüchtigt war und nicht ganz zu Unrecht mit einer Meute wütender Hunde verglichen wurde, stellt die Rezeption Edouard Manets doch alles andere in den Schatten. Bei der tonangebenden Presse hielten sich Abscheu und Hohngelächter die Waage, das folgsame Publikum belagerte die zur öffentlichen Hinrichtung freigegebenen Arbeiten in Scharen. Schauplatz dieser etwa zwei Jahrzehnte währenden Auseinandersetzung zwischen Manet und dem überwiegenden Teil der damaligen Kunstkritik war der Pariser Salon, die Leistungsschau der französischen Kunstwelt.

Tausende Künstler reichten ihre Werke ein, um sich im Palais de l'Industrie den strengen Augen der Auswahlkommission und bei Zulassung einer massenhaften Konkurrenz zu stellen. Wer als Maler Erfolg haben wollte, musste hier bestehen: Ein mit dem roten "R" (für "refusé", abgelehnt) gebrandmarktes Bild galt als unverkäuflich. Mehrere Gemälde Manets hatten dieses Schicksal bereits erlitten (wenn auch nicht alle), als 1863 mit dem Segen Napoleons III. der erste Salon des Refusés eröffnet wurde. Sein Aushängeschild war "Das Frühstück im Grünen".

Der Salon der Verbannten

Manet empfand dies als zweifelhafte Ehre. Zwar wuchs sein Ansehen bei den jungen, bald als Impressionisten bekannten Malern, doch was Manet wirklich ersehnte, war Erfolg bei Kritik und Publikum. Der Mann, den die Öffentlichkeit als Priester der Hässlichkeit ausgemacht hatte, wollte vor allem eins: gefallen - allerdings zu seinen eigenen Bedingungen. Und so reichte Manet zum Salon von 1865 ein Bild ein, das ihm im Grunde nur einen weiteren Skandal bescheren konnte. "Olympia" (1863) zeigt eine bis auf ihren Schmuck und einen Schuh entkleidete Frau, die dem Publikum auf einer Liege hingestreckt entgegenblickt. Ihre Bedienstete hält den Blumenstrauß, mit dem ein im Gemälde unsichtbarer Verehrer der nackten Dame offenbar gerade seine Aufwartung macht. Ganz Paris empörte sich über dieses annähernd lebensgroße Kurtisanenbild, das aus heutiger Sicht jedoch weit weniger aufreizend erscheint als die damals geschätzten Akte eines Alexandre Cabanel. Manets "Olympia" ähnelt eher einer nüchternen Bestandsaufnahme, die den Betrachter ungeniert als Akteur ins Schlafzimmer einer Prostituierten holt. Diese durch inszenierte Blickwechsel erreichte Öffnung des Bildraums ist charakteristisch für Manets gesamtes Werk und wie für den Salon geschaffen. Im Gedränge der populären Ausstellung verdichtet sich die Erfahrung des modernen Großstadtlebens, das flüchtige Sehen und Gesehenwerden, zum gesellschaftlichen Schauspiel; der melancholische Ausdruck so vieler Manet-Figuren trifft sich nicht zufällig mit Baudelaires poetischer Beschreibung des Passanten. Bei Manet wird der zerstreute, letztlich ins Leere gehende Blick zum Merkmal der Zeit.

Eduard Manet: "Im Wintergarten"
Beiden ging es um das Erleben des Moments und den Kampf gegen den Akademismus. Über die erstaunlich zahlreichen Gemeinsamkeiten der beiden wichtigen Stilrichtungen Impressionismus und Expressionismus