Hannah Höch: Dadaismus und Fotomontage

Nicht kleinzukriegen

Die Dadaisten nannten sie abfällig »Hannchen«. Dabei hat Hannah Höch die Fotomontage miterfunden und zu höchster Meisterschaft entwickelt. Auch für viele Fluxus- und Performancekünstler wurde die Grande Dame des Dada zum Vorbild.
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Hannah Höch 1970 in ihrem Haus in Heiligensee.

Die Männer versuchen es immer wieder. Sie tricksen Hannah Höch aus, drängen sie ab, übergehen sie. Bei ihren Aktionen wollen die Dadaisten sie nicht dabeihaben. Sie verschweigen geflissentlich, dass auch Hannah Höch die Fotomontage erfand – und nicht Raoul Hausmann allein. "Hannchen" nennen sie sie abfällig oder schreiben unter ihre Arbeiten schludrig "M. Höch". Hannah Höch ärgerte das gewaltig – "H. wieder mal verstümmelt", notiert sie wütend.

Die Futuristen schrieben die "Verachtung des Weibes" explizit in ihr Manifest. Die Berliner Dadaisten dagegen grenzten die einzige Frau in ihren Reihen auf ihre Weise aus. Die Künstlerin Hannah Höch hat sich trotzdem durchgesetzt. Ihr Liebhaber, Mitstreiter und Widersacher Raoul Hausmann machte sich als "Haudegen der Dadapolemik" einen Namen, Höch dagegen hat die neue Kunstform der Collage zu höchster Meisterhaftigkeit entwickelt. Witzig, frech und kritisch sind ihre kühnen Kombinationen, bei denen sie Körpern fremde Köpfe aufsetzt, mit Proportionen und Dimensionen spielt und Widersprüche grotesk auf die Spitze treibt. Sie setzt die Köpfe politischer Machthaber auf Frauenkörper oder zeigt den Reichspräsidenten Friedrich Ebert in Badehosen und Militärstiefeln – mit dem Werbeslogan für Puder: "Gegen feuchte Füße".

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Selbst die Dadaisten wussten nicht, was Dada ist – aber sie weiß es: Hanne Bergius, die führende Spezialistin und Zeitzeugin, erklärt das Phänomen im art-Gespräch

In wenigen Jahren entwickelte sich Hannah Höch zu einer scharfzüngigen, ironischen und kritischen Vertreterin der künstlerischen Avantgarde – selbst wenn die Dada-Männer in ihr nur die Geliebte von Raoul Hausmann sehen wollten. In diesem Jahr wird Dada 100, und es besteht kein Zweifel mehr daran, dass Höch mit ihren Fotomontagen einen wichtigen Anteil an der Bewegung hatte. Trotzdem werde man ihr bis heute nicht umfassend gerecht, meint Inge Herold von der Kunsthalle Mannheim. "Sie hat auch nach 1945 die Collage konsequent weiterentwickelt und knüpfte mit abstrakten Arbeiten an das Informel an." Herold will sich nun auf Höchs Werk nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrieren. Ihre 2016 mit Karoline Hille erarbeitete Schau in Mannheim soll zeigen, dass Höch eine wichtige Figur war für die Entwicklung von Fluxus, Neo-Dada und Performance.

Diese Grande Dame des Dadaismus stammte ursprünglich aus "gutbürgerlichen Kleinstadtverhältnissen", wie sie es selbst nannte. Höch wird 1889 in Gotha geboren, nach dem Abbruch der Höheren Töchterschule muss sie zunächst für sechs Jahre ihre jüngere Schwester hüten und dann ein weiteres Jahr als Buchhalterin im Versicherungsbüro des Vaters arbeiten. Doch sie will mehr, will Künstlerin werden und schreibt sich an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Berlin-Charlottenburg ein. Angewandte Kunst ist für Höch keine Kategorie zweiter Klasse, in Artikeln setzt sie sich dafür ein, dass die Stickerei "eine Kunst sei". Ohne Vorbehalte wechselt sie zwischen freier und angewandter Kunst und nimmt bereits während des Studiums eine Teilzeitstelle in der Handarbeitsredaktion des Ullstein-Verlags an, wo sie Vignetten, Schriftmuster und Illustrationen entwirft. 1915 gelingt ihr der Wechsel in die Ausbildungsabteilung des renommierten Kunstgewerbemuseums in die Klasse für Grafik und Buchkunst.

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Gruppenbild vom ersten "Internationalen Kongreß fortschrittlicher Künstler" 1922 in Düsseldorf. Von links hinten nach rechts: Werner Graeff, Raoul Hausmann, Theo van Doesburg, Cornelis van Eesteren, Hans Richter, Nelly van Doesburg, unbekannt, El Lissitzky, Ruggero Vasari, unbekannt, Hannah Höch, Franz Seiwert und Stanislav Kubicki.

Im gleichen Jahr lernt sie Raoul Hausmann kennen. Der junge Maler und Literat sucht den Anschluss an die Berliner Avantgarde. Die beiden stürzen sich in eine leidenschaftliche, inspirierende, aber auch quälende Beziehung, denn Hausmann ist verheiratet und hat ein Kind. Was die beiden verbindet, ist die Begeisterung für die neuen Kunstströmungen. Gemeinsam besuchen sie Herwarth Waldens Galerie Der Sturm. "Mag Walden sein wer er will, so dumm als er will", schreibt Hausmann, "er hat die großen Künstler und man kann nur bei ihm ausstellen." Hausmann ist ein notorischer Neinsager, einer, der sich in der Pose des Rebellen gefällt und aus Prinzip in Opposition steht. Er wird zu einem Hauptakteur des "Club Dada", der sich 1918 in Berlin nach dem Zürcher Vorbild formiert.

Für die Dadaisten ist der Erste Weltkrieg eine Bankrotterklärung der bürgerlichen Werte. Sie propagieren den "gigantischen Weltenunsinn" und fordern die Zerstörung der "künstlerischen Kultur". George Grosz, John Heartfield, Johannes Baader und Richard Huelsenbeck sind die Hauptakteure der Berliner Bewegung, Raoul Hausmann aber ist der "streitsüchtigste, aufbrausendste Dadakämpfer", so der Schriftsteller Walter Mehring. "Die Kunst ist nicht in Gefahr – denn die Kunst existiert nicht mehr!", verkündet Hausmann. "Sie ist tot." Auch Hannah Höch hat eine "naive Begeisterung für alles, was der herrschenden Ordnung widerstrebte". Als einzige Frau in diesem Männerclub gelingt es ihr 1919, bei der ersten Dada-Ausstellung in der Berliner Galerie I.B. Neumann abstrakte Aquarelle zu zeigen.

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Nelly van Doesburg, Piet Mondrian und Hannah Höch im Atelier von Theo van Doesburg

Raoul Hausmann spielt in ihrer Entwicklung von einer Studentin des Kunstgewerbes zu einer dadaistischen Avantgardekünstlerin eine wichtige Rolle. "Er hat sie eingeführt in den 'Club Dada' und konfrontiert mit dessen komplexen kulturkritischen, philosophischen und psychoanalytischen Ansprüchen", meint die Kunsthistorikerin Hanne Bergius, die Höch noch persönlich kannte. Die Beziehung zu Hausmann sei ambivalent gewesen, er unterstützte Höch, aber führte sich zugleich als Autorität auf. "Höch hat es verstanden, Hausmanns Kontakte zu nutzen und eigenständig weiter zu pflegen", sagt Bergius. Dada wird für sie zu einer Art Türöffner und ermöglicht ihr, die Künstler der Avantgarde kennenzulernen. Sie ist umtriebig, reist nach Paris, wo sie Tristan Tzara, Man Ray, Theo van Doesburg und Piet Mondrian trifft. "Haha" Höch ist mit Hans Arp befreundet und mit Kurt und Helma Schwitters, mit denen sie nach Prag fährt – auch wenn alle "arm wie die Kirchenmäuse" sind und sich nur von "Brot und Margarine" ernähren.

1918 machen Hannah Höch und Raoul Hausmann eine Entdeckung, die Geschichte schrieb

1920 wandert sie sogar über die Alpen nach Venedig und Rom. "Flucht" nennt sie das, denn immer wieder versucht Hannah Höch, von Hausmann loszukommen. "Es geht eine Weile – und dann würde ich eben lieber sterben gehen." 1916 und 1918 muss sie abtreiben und verarbeitet diese Erfahrung, indem sie Puppen fertigt aus Stoffresten, Schnüren, Pappkarton, ungemütliche, so gar nicht weiblich-sanfte Wesen, die auf der "Ersten Internationalen Dada-Messe" 1920 zu einer Attraktion werden.

Während einer Ostsee-Reise im August 1918 machen Höch und Hausmann jene Entdeckung, die Geschichte schrieb: Sie erfinden die Fotomontage. "Offen gestanden entnahmen wir die Idee einem Trick der offiziellen preußischen Regimentsfotografen", gesteht Höch. Zu der Zeit kursieren seriell hergestellte Öldrucke von Soldaten, deren Köpfe man durch individuell gewählte Fotoporträts ergänzen konnte. Höch und Hausmann übertragen das Verfahren in die Kunstproduktion. Später hat Hausmann immer wieder betont, dass er der Erfinder der Fotomontage sei, "aber die Entdeckung schlug sich in seinem Werk nicht unmittelbar im Jahr 1918 nieder", meint Hanne Bergius. Auch Höch beginnt erst ein Jahr später, sich der Fotomontage zu widmen. Die Entdeckung sei erst im Nachhinein mythisiert worden, so Bergius.

Für Höch wird die Schere letztlich zum wichtigsten Werkzeug. Sie beginnt Fotos aus Zeitungen auszuschneiden und Versatzstücke aus Mode, Industrie und Typografie grotesk zu montieren, um gesellschaftliche Fragen, den grassierenden Fortschrittsgeist oder Rollenbilder zu kommentieren. In einer ihrer frühesten Collagen, Die Mädchen von 1918, gruppiert sie Frauen lasziv um ein Automobil herum. "Ich sah meine Aufgabe darin zu versuchen, diese turbulente Zeit bildlich einzufangen." Auf der monumentalen Collage Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands von 1919/20 spielt sie mit Rädern, Kugellagern und Maschinenteilen auf die neuen technischen Möglichkeiten und das Tempo der Moderne an.

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Collage von Hannah Höch: "Der Strauß", 1929/65, eines von 14 Arbeiten der Künstlerin, die das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg kürzlich erwerben konnte.

1922 lernt Hausmann die Malerin Hedwig Mankiewitz kennen, reicht ohne langes Zögern die Scheidung ein und heiratet. Hannah bleibt zurück – "so ganz leer, ausgehöhlt", wie sie ihrem Tagebuch anvertraut. Sie fängt an zu malen, es entsteht ihr erstes figuratives Bild, Frau und Saturn. Sie versucht, sich ein Leben ohne Hausmann aufzubauen. Längst hat sie ein offenes Haus und wird von den Kollegen nicht nur wegen ihrer Hilfsbereitschaft geschätzt. Er "kenne in die ganze kunstgeschichte keine einzige frau, die so grosse schöpferische qualitäten" wie "Hännchen Höch" habe, schreibt ihr Theo van Doesburg. Josef Albers fragt, ob er eines ihrer Montagebilder, die ihm "ausserordentlich" gefielen, "im Tauschweg erwerben" könne.

1926 lernt Höch die holländische Avantgarde-Schriftstellerin Til Brugman kennen. "Wir taten uns zusammen", kommentiert sie knapp, kündigt bei Ullstein, löst ihr Berliner Atelier auf und zieht zur Freundin nach Den Haag. "Geniesst Euch und die Welt, schön das!", schreibt Helma Schwitters. Til sei eine "bedrückend starke Persönlichkeit", so Höch, die nun Einzelausstellungen in Den Haag und Amsterdam hat. Den Durchbruch verschafft ihr aber die 1929 vom Deutschen Werkbund organisierte Ausstellung "Film und Foto" in Stuttgart, bei der sie mit 18 Collagen vertreten ist. Die Schau wandert sogar nach Japan.

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1933 malte der niederländische Künstler Chris Lebeau dieses Porträt von Hannah Höch

Nach neun Jahren verlässt Höch Til Brugman – wegen eines 21 Jahre jüngeren Mannes. Kurt Heinz Matthies ist Handelsvertreter – und Hannah begleitet ihn auf seinen Reisen. 1938 heiraten sie, vier Jahre später verlässt er sie. Vereinsamt lebt Hannah Höch nun in Heiligensee im Norden Berlins, das sei der "ideale Ort zum Vergessenwerden". In ihrem Wärterhäuschen versteckt sie zahlreiche Werke der Freunde und Dokumente der Dada-Zeit – genug, um "alle in Deutschland lebenden früheren Dadaisten an den Galgen zu bringen", wie ihr später bewusst wird.

Nach Kriegsende ist Hannah Höch Mitte fünfzig, ihre künstlerische Entwicklung ist aber keineswegs abgeschlossen. Deshalb mag die Mannheimer Kuratorin Inge Herold auch nicht von Spätwerk sprechen. "Sie reagiert auf das Aktuelle, erprobt formale Fragen und nutzt neues Material, zum Beispiel buntfarbige Zeitschriften", so Herold. Höch wechsle nun zwischen Figuration und Abstraktion, "sie überträgt das Medium der Collage auch in die Ölmalerei und schneidet und klebt ihre Collagen so fein, dass sie einen malerischen Eindruck erwecken."

Fluxus-Künstler wie Nam June Paik besuchten sie

Bereits ein Jahr nach Kriegsende stellt Höch in der Berliner Galerie Rosen aus. 1961 ist sie als Gast in der Villa Massimo in Rom, ihre Arbeiten werden im MoMA in New York gezeigt, und 1965 wird Höch an die Akademie der Künste in Berlin berufen – mit 76 Jahren. Auch für die junge Generation ist sie nun eine wichtige Gesprächspartnerin, Fluxus-Künstler wie Nam June Paik und Wolf Vostell besuchen sie in ihrem Häuschen in Heiligensee.

Kurz bevor Hannah Höch 1978 mit fast 90 Jahren stirbt, werden ihr in Paris und Berlin noch große Retrospektiven gewidmet. Mögen die Dadaisten und Hausmann sie einst auch an den Rand gedrängt und ihr das Gefühl gegeben haben, "durch Hintansetzung meiner Persönlichkeit spät zu meiner eigenen Entwicklung" gekommen zu sein, so ist es Hannah Höch letztlich doch gelungen, in ihrer künstlerischen Arbeit, aber auch in ihren unkonventionellen Beziehungen das durchzusetzen, was ihr das Wichtigste war und sie in einer Collage auf den Punkt brachte: "Schrankenlose Freiheit für Hannah Höch".

Theo van Doesburg, Kleine Dada Soirée, 1922
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