Illegaler Antikenhandel in Deutschland

Das Geheimnis der »Blutantiken«

»Deutschland ist zu einer Drehscheibe für den Handel mit Raubkunst geworden«, kritisiert der Mainzer Kriminalarchäologe Müller-Karpe. Gerade auch Terroristen finanzieren sich mit dem Verkauf von Raubkunst aus Syrien. Bringt ein neues Gesetz jetzt Besserung?
Blutantiken Syrien Antikenhandel

Im Syrischen Nationalmuseum in Damaskus sind die kostbaren Artefakte noch in Sicherheit. Jedoch wurden viele antike Gegenstände aus dem ganzen Land bereits vom IS geplündert und gestohlen.

Bei der Kontrolle des Antikenhandels versagen die Behörden laut dem Kriminalarchäologen Michael Müller-Karpe allzu oft und ermöglichen so indirekt die Mitfinanzierung von Terror wie zuletzt in Brüssel. "Deutschland ist zu einer Drehscheibe für den Handel mit Raubkunst geworden", sagte der Mainzer Experte, der den Kulturausschuss des Bundestages berät, der Deutschen Presse-Agentur. "Tausende antike Kulturgüter, die hier ohne Herkunftsnachweise verkauft werden, können in aller Regel nur aus Plünderungen stammen."

Auf ein Schreiben an alle zuständigen deutschen Behörden mit der Bitte, keine Ausfuhrgenehmigungen mehr auszustellen für Antikenn ungeklärter Herkunft, bei denen grundsätzlich auch mit "Blutantiken" zu rechnen sei, gebe es auch nach vier Monaten keine Antwort.

"Internationale Geheimdienste haben gesicherte Erkenntnisse, dass sich Terrormilizen wie der IS neben Öl- und Frauenhandel auch mit dem Verkauf von Raubkunst, vor allem aus dem Irak und Syrien, finanzieren", sagte Müller-Karpe, der auch Gerichtsgutachten schreibt. "Die Regierung der USA hat eine Belohnung von fünf Millionen Dollar für Hinweise ausgelobt, die zum Ende der Terrorfinanzierung mit "Blutantiken" führen."

Dennoch schauten deutsche Behörden bei dieser Hehlerei meist weg und förderten sie mit dem unbedachten Ausstellen von Ausfuhrdokumenten unter Umständen sogar aktiv. «Es fehlt das Bewusstsein für die Gemeinschädlichkeit dieses Handels. Bei hohen Stapeln auf Schreibtischen ist es auch bequemer, schnell eine Ausfuhrgenehmigung zu erteilen, obwohl europäisches Recht vorsieht, dass diese Dokumente nur von der zuständigen Behörde des Landes ausgestellt werden dürfen, in dem sich das Kulturgut rechtmäßig befindet», sagte Müller-Karpe.

Geplantes Gesetz verschlimmert Lage noch

Das geplante deutsche Kulturgutschutzgesetz verschlimmere die Lage eher noch. Denn "künftig sollen Raubgrabungsfunde, auch "Blutantiken", die vor 2007 nach Deutschland gelangten, nicht mehr als illegal eingeführt gelten», kritisierte der Archäologe des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM) in Mainz. "Sie befändensich damit ab sofort rechtmäßig in Deutschland, könnten hier weiter ungeniert gehandelt werden und auch, versehen mit deutschen Exportdokumenten, ausgeführt werden." Sie wären gewaschen und  müsstennicht mehr an ihr Herkunftsland zurückgegeben werden.

Die Lobby des Kunsthandels sei einflussreich. Zudem sollten wohl Museen vor Ansprüchen der Herkunftsländer geschützt werden, sagte Müller-Karpe. "Auch die Archäologie spricht nicht mit einer Zunge. Wir sitzen selbst im Glashaus. So mancher von uns hat in der
Vergangenheit nicht genau hingeschaut, woher antike Kulturgüter kommen, sondern sie vermeintlich für die Wissenschaft gerettet. Da war unser Haus (RGZM) leider keine Ausnahme."

Der Experte ergänzte: "Tatsächlich haben wir mit dem Ankauf aber Raubgrabungen gefördert und dabei zahllosen Zeitzeugen die Zunge herausgeschnitten: Wenn Kulturgüter aus ihrem Fundzusammenhang gerissen werden, können sie nicht mehr von früher erzählen. Aber gerade deshalb müssen wir heute den Mund aufmachen. Die Zerstörungen passieren jetzt, und dafür werden künftige Generationen uns verfluchen."

Palmyra
Die Terrormiliz IS hat die einzigartige antike Oasenstadt Palmyra dem Erdboden gleichgemacht. Nun sind die islamistischen Fanatiker aus dem Unesco-Weltkulturerbe vertrieben. Und die Diskussion über einen Wiederaufbau beginnt