Palmyra in Zeichnungen

Trauerarbeit in Bildern

Am Wochenende konnte die syrische Armee die Terrormiliz IS aus der Region um das Weltkulturerbe in Palmyra vertreiben. Rund 230 Jahre zuvor führte eine abenteuerliche Reise den französischen Künstler und Architekten Louis-François Cassas in die antike Ruinenstadt. Seine Architekturzeichnungen sind derzeit im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen. Eine Ausstellung zwischen ferner Erinnerung und leiser Hoffnung – denn die Diskussion um den Wiederaufbau des Weltkulturerbes hat bereits begonnen.

In diesen Tagen zieht sich eine Spur der Verwüstung durch das ehrwürdige Wallraf-Richartz-Museum in Köln. Und auch wenn es nur eine gedachte ist, so ist der Schrecken dahinter doch sehr real. Im Untergeschoss des Hauses sieht man derzeit die Rekonstruktion eines prächtigen, sieben Meter Spannweite messenden Altars von 1515/20, der im Zuge der napoleonischen Säkularisierung aus einem Kölner Kloster gezerrt, in einzelne Teile zersägt und in alle Winde verstreut wurde. Acht Gemälde und ein knappes Dutzend Holzfiguren sind erhalten geblieben, drei im Zweiten Weltkrieg zerstörte Motive wurden durch schwarz-weiße Reproduktionen ersetzt; der überwiegende Teil des Altars jedoch ist verschollen, ohne dass wir uns irgendein Bild davon machen können.

Auf diese Weise werden wir daran erinnert, dass schon immer "feindliche" Festungen geschliffen, kulturelle Güter zerstört oder verkauft wurden, und dass schon immer politische Mächte versucht haben, das kulturelle Gedächtnis ihrer Gegner auszulöschen. All dies ist keine Erfindung des sogenannten Islamischen Staates, aber wie wir wissen, hat dieser die unselige Tradition in unsere Gegenwart auf besonders blutige und brutale Weise fortgeschrieben und unter anderem das Weltkulturerbe der antiken Ruinen im syrischen Palmyra teilweise dem Erdboden gleichgemacht. Es ist nicht das schwerste Verbrechen der selbsternannten Gotteskrieger, aber das einzige, auf das ein Museum wie das Kölner Wallraf eine angemessene Antwort finden kann. Etwa indem es auf die Frage, was von Palmyra bleibt, das Gedächtnis der eigenen Sammlung aktiviert und der Welt die Palmyra-Zeichnungen des französischen Künstlers und Architekten Louis-François Cassas (1756-1827) vom Ende des 18. Jahrhunderts präsentiert.

Palmyra
Die Terrormiliz IS hat die einzigartige antike Oasenstadt Palmyra dem Erdboden gleichgemacht. Nun sind die islamistischen Fanatiker aus dem Unesco-Weltkulturerbe vertrieben. Und die Diskussion über einen Wiederaufbau beginnt

Bald zwei Jahre dauerte die Reise, die Cassas 1785 zu den Ruinen der alten Handelsstadt führte. Alle Kulturen hatten hier ihre Spuren hinterlassen, Römer, Griechen und Perser, schon zu Cassas‘ Zeiten  war Palmyra ein Sehnsuchtsort, und es war nicht zuletzt diese Sehnsucht, die Cassas, der Architekturzeichner, mit seinem einmonatigen Aufenthalt bedienen wollte. Penibel vermaß und zeichnete er die Bauten, um Anregungen für die klassizistischen Architekten in Europa mit heimzubringen. Die Aura des Ortes scheint Cassas kaum interessiert zu haben, seine Zeichnungen sind wie auf Millimeterpapier gebannte Bauvorlagen, ein detailverliebter Katalog, ohne störendes Beiwerk wie Landschaften oder Stimmung, allerdings auch ohne absolute historische Gewähr. Wo es ihm opportun schien, besserte Cassas aus, er widmete um, bereinigte den Verfall der Tempelfiguren und erfand sogar hinzu, was er aber meistens farblich markierte. Dies waren die Werke für die Spezialisten, das antikenschwärmerische Publikum, zu dem auch Hölderlin und Goethe zählten, umgarnte er dagegen mit Panoramabildern, auf denen die Fantasie den pingeligen Architekturzeichnungen Flügel verlieh.

Die Frau aus Palmyra
Vor diesem Relief einer Frau aus dem 3. Jahrhunderts n. Chr. stand ich am Sonntag...