Max Liebermann und der Impressionismus

In leisen Nordseefarben

Nicht die grellen, leuchtenden Farben der französischen Pleinairmalerei, sondern die leisen und gedämpften Töne der Amsterdamer Impressionisten waren Vorbild für Max Liebermanns Bilder der niederländischen Küste. Trotzdem mauserte sich der deutsche Künstler vom »Armeleutemaler« zum Pionier der Moderne.
Liebermann Westküste

Max Liebermann: "Zwei Reiter am Strand nach links", um 1910, Öl auf Leinwand, 70 x 100,5 cm

Die niederländische Nordseeküste entdeckte der deutsche Impressionist Max Liebermann (1847 – 1935) ab Anfang der 1870er Jahre für sich. Hier fand der Berliner Maler Ruhe vor dem Trubel der Großstadt und seiner Wohnung am betriebsamen Pariser Platz. Jeden Sommer verschlug es ihn an die beliebten Strände von Scheveningen, Noordwijk oder Zandvoort, die er – ab 1884 dann frisch verheiratet in Begleitung seiner Frau Martha und ein Jahr später seiner Tochter Käthe – für Studienzwecke aufsuchte.

Während ihn anfangs die einfachen Menschen in ihrem Alltag, die Bauern, Netzflickerinnen, Bleicherinnen, Leinenweberinnen und Handwerker auf dem Land interessierten, richtete er seine Aufmerksamkeit ab den 1890er Jahren vermehrt auf bürgerliche Freizeitvergnügungen: Picknick unter Sonnenschirmen, Baden in der Abendsonne, Segeln, Jagen, Polospiele. Als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Textilfabrikanten war ihm das bürgerliche Leben nicht fremd; zu seinen Nachbarn in Berlin gehörten dann auch preußische Großgrundbesitzer, Adelige und Industrielle.

»Wie in Licht und Luft gebadet«

Nach seinem Studium an der Kunstakademie Weimar hatte es ihn 1973 nach Paris und Barbizon verschlagen, wo er in Berührung mit dem aufkeimenden Impressionismus und Freilichtmalern wie Édouard Manet oder Eugène Boudin sowie der "Schule von Barbizon", vertreten von Landschaftsmalern wie Constant Troyon und Jean-François Millet, kam. Ein erster Aufenthalt in Holland 1874 lenkte seinen Blick dann auf die altniederländische Malerei: In Haarlem kopierte er fleißig die Gemälde von Frans Hals (1580/1585 – 1666), der unter den Impressionisten aufgrund seiner lockeren Pinselführung und seines lebendig strukturierten Farbauftrags als Vorläufer ihrer Bewegung galt. 

Von großer Bedeutung war auch seine Freundschaft mit dem niederländischen Maler Jozef Israëls (1824 – 1911), der sich wie Liebermann mehrfach in Paris und Barbizon aufgehalten hatte und die Einflüsse der französischen Maler nach Den Haag brachte. Die leuchtende und flirrende Farbpalette seiner französischen Kollegen ersetzte Israëls durch gedecktere Töne, die auch viel mehr den heimischen Wetterbedingungen entsprachen. So bemerkte Liebermann im Zusammenhang mit den Bildern seines Freundes: "Die Nebel, die aus dem Wasser emporsteigen und alles wie mit einem durchsichtigen Schleier umfluten, verleihen dem Lande das spezifisch Malerische; (…) die Schwere der Schatten wird aufgelöst durch farbige Reflexe: alles erscheint wie in Licht und Luft gebadet."

art - Das Kunstmagazin
Flirrende Hitze und tanzende Wellen: Der vom Impressionismus beeinflusste Joaquín Sorolla begeisterte zu Lebzeiten sogar Claude Monet – Zeit für eine Wiederentdeckung

Auch Liebermann interessierten, zumindest anfangs noch, die stillen und authentischen Momente im ländlichen Alltag – was ihm in Deutschland reichlich Kritik und den Beinamen "Apostel der Hässlichkeit" einbrachte. Das Ölgemälde "Arbeiter im Rübenfeld“, vollendet 1876, oder auch "Mädchen aus Laren beim Kartoffelschälen neben schlafendem Kind im Korb" von ca. 1887 sprechen von diesen ungestörten Augenblicken im Leben einfacher Leute. Deutlich wird in den beiden Werken bereits die Veränderung seiner Maltechnik: Weg vom Detail hin zum stimmungsvollen, strichelnden Farbauftrag. Bei seinen "Badenden Knaben" von 1899 und 1902 sind kaum mehr Gesichter zu erkennen, die Konturen aufgelöst und die Körper durchsetzt mit den Lichtreflexionen der Abendsonne. Um dem unmittelbaren Eindruck des fröhlichen Treibens im Wasser und am Strand Form zu verleihen, fertigte Liebermann in schnellen und geübten Zügen Zeichnungen und Pastelle an, die oftmals als Vorlage seiner Ölgemälde dienten.

Berliner Secession und Aufbruch in die Moderne

Zusammen mit seinen Malerkollegen Lovis Corinth und Max Slevogt, die ebenfalls die sommerlichen Küsten und Städte der Niederlande als Oase für sich entdeckt hatten, gehörte Liebermann ab 1898 einer Gruppe von Künstlern an, die sich gegen den bis dahin dominierenden akademischen Kunstbetrieb wandten: der "Berliner Secession". Als erster Präsident der neu gegründeten Vereinigung, die für die Entwicklungen im deutschen Impressionismus (eine Bewegung, die dem deutschen Kaiser sehr verhasst war) eine wesentliche Rolle spielte, und mittlerweile bestens vernetzt im deutschen wie auch internationalen Kunstbetrieb, konzentrierte sich Liebermann ab der Jahrhundertwende fast ausschließlich auf die Darstellung mondäner Freizeitgestaltungen.

Bunte Szenen aus Biergärten, Stadtcafés und Zoos, feine Damen mit extravaganten Hüten und Herren in bequemer Kleidung gehörten nun zu seinen Motiven. Der Aufbruch in die Moderne, die Abwendung von allem Herkömmlichen und Konventionellen und das damit verbundene Lebensgefühl der künstlerischen Avantgarde kamen in seinen Bildern zum Ausdruck. Dafür verschwanden mehr und mehr die kräftigen Holländerinnen in Holzpantinen und die beseelten, stillen Momente der Bauern und Fischer im gedämpften Licht der untergehenden Sonne. Nicht zuletzt trug auch die intensive Förderung Alfred Lichtwarks, Direktor der Hamburger Kunsthalle, zu Liebermanns Themenwechsel und rasant wachsenden Erfolg bei. Im Verlauf mehrerer Jahre erwarb Lichtwark insgesamt 39 Gemälde des Berliner Malers, darunter zahlreiche Arbeiten, die er in Auftrag gegeben hatte. Mit seinen Bildern des urbanen, bürgerlichen Lebens sorgte Liebermann für den nötigen Modernisierungsschub, den sich Lichtwark für seine Sammlung wünschte. Und er erhielt endlich den Zuspruch, den ihm die deutsche Kunstszene in den frühen Schaffensjahren verwehrt hatte.