Hexenbilder in Brügge

Böse Besenkunst

Ob auf Halloween-Partys oder in Grimm-Verfilmungen – eine Ausstellung in Brügge zeigt Pieter Bruegel als Erfinder eines Hexenbildes, das noch heute herumspukt. Sie macht die Anfänge einer Kunst des Nervenkitzels sichtbar und erzählt von einer Zeit der Verunsicherung, die eines der brutalsten Verfolgungskapitel in der europäischen Geschichte nach sich zog. Ein Lehrstück für die Gegenwart.
Böse Besenkunst
David Teniers II: "Hexenszene", ca. 1635

Seit wann stellt man sich Hexen eigentlich als alte, hässliche, leicht maskuline Frauen vor, die im Hauptberuf um giftig dampfende Kessel kreisen, die Abkürzung durch den Kamin nehmen und zur Walpurgisnacht auf dem Besen zum Schwesterntanz aufbrechen? Dass die Antwort jetzt aus Flandern kommt, ist kein Zufall. Neben den Niederlanden blühte hier im 17. Jahrhundert ein beachtlicher Markt für Darstellungen von Zauberei und Hexenkult.

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Strecken Teaser

Ohnehin zeigte man sich für jede Art der Innovation offen. Während der Rest Europas den gehobenen Ständen von Adel und Kirche huldigte, spezialisierte man sich in Flandern auf Landschaften, Innenräume, Marktszenen oder feuchtfröhliche Dorffeste. Von den damaligen Volksbelustigungen ist der Weg zum Hexen-Genre nicht weit, schließlich hatte dieses das ganze Spektrum menschlicher Sensationslust zu bieten: Sex, Lügen und maßlose Gewalt.

Mit Pieter Breugel begann eine Ära standardisierter Hexendarstellungen

Mit einem Kupferstich von Pieter Bruegel dem Älteren begann 1565 die Ära der standardisierten Besenkunst, so die These der Schau "Die Hexen von Bruegel", die schon mit ihrem Austragungsort zu punkten weiß. Bevor man den Speicher des mittelalterlichen Sint-Janshospitaals erreicht, führt der Weg an allerlei Kräutern und medizinischen Folterwerkzeugen vorbei, die den Insassen des damaligen Krankenhauses auf die Sprünge helfen sollten. Die authentische Inszenierung setzt sich fort am Eingang zur Ausstellung mit okkulten Zeichen auf dem Boden, magischen Pfeifen aus Rattenfuß und Voodoo-Puppen in Vitrinen, oder einer Wandtapete, die eine Hexenverbrennung dramatisch ausleuchtet. Mit einer Kerze in der Hand gilt es in den verdunkelten Räumen nun dem Unerklärbaren auf die Spur zu kommen.

Kuratorin Renilde Vervoort hat für ihre Doktorarbeit systematisch Hexendarstellungen seit 1430 ausgewertet, dem Jahr, auf das man den Beginn der Verfolgungen um den Genfer See datiert. Bis 1780 sollen europaweit 40 000 bis 60 000 Menschen dem Hexenwahn zum Opfer gefallen sein.

Böse Besenkunst

Druck nach Pieter Bruegel dem Älteren: "Sankt Jakob beim Zauberer", 1565

Die ersten, auf Besen lässig die Lüfte verunsichernden Vielfliegerinnen, tauchen bereits 1451 in "Le Champion des Dames“, einem illustrierten Buch von Martin Le Franc auf. Darin unterstellte er den zaubernden Männern und Frauen einen Pakt mit dem Teufel. Bruegel knüpfte an diese von der Justiz dankbar aufgegriffenen, da multifunktional einsetzbaren Sündenböcke an und setzte mit den Szenen “Jakob beim Zauberer“ und "Jakob und der Fall des Zauberers“ neue Maßstäbe. Im Mittelpunkt steht die Legende vom Jakob, der den abtrünnigen Zauberer Hermogenes bekehren möchte. Bei Bruegel repräsentieren Monster, Zwischenwesen und eben auch zum ersten Mal Hexen das Böse. Alle bekannten Kennzeichen, vom Besen über Zaubertrank und Kamin bis zur schwarzen Katze finden sich versammelt.

Eine Konjunktur wildester Verschwörungstheorien entlud sich in willkürlichen Hinrichtungen

Für den Antwerpener Verleger Hieronymus Cock Grund genug, um die Drucke 1565 zu veröffentlichen und auf regen Absatz zu hoffen. Schließlich sorgte gerade eine plötzliche Kältewelle, die sogenannte kleine Eiszeit, für eine Konjunktur wildester Verschwörungstheorien, die sich in Denunziation und willkürlichen Hinrichtungen entluden. Hunger grassierte, Hagelstürme zerstörten die Ernten, das Schmelzwasser verursachte Überschwemmungen und die Schuldigen ließen sich leicht ausmachen, wenn denn, wie es Bruegel in seiner Bildanleitung zur Hexenidentifikation vormachte, etwa eine "Main de gloire“ bei den überwiegend weiblichen Angeklagten gefunden wurde, eine fünfarmige Kerze, die aus der Hand eines Gehängten gebastelt worden ist. Oder lesende Katzen, die schon Hans Baldung Grien 1514 als Mitglied eines nackten Hexen-Quartetts porträtierte. Ein beliebter Hinweis war auch der Penis-Raub. Hexen bemächtigten sich gerne des besten Stücks, um Macht über den potenzlosen Mann zu gewinnen.

Der Erfolg der Drucke muss gewaltig gewesen sein, denn an Nachahmern des einst etablierten Vokabulars herrschte von nun an kein Mangel. 1650 lieferte Cornelius Saftleven mit seiner "Hexenküche“ eine etwas übervölkerte Anarcho-Kopie ab. Dafür variierte Frans Francken der Jüngere zeitgleich das Motiv in allen Facetten und erweiterte die Ikonografie der Hexe um reiche Schönheiten, die dank ihres diabolischen Netzwerks mit übernatürlichen Kräften Einfluss auf ihre Umgebung nahmen. David Teniers der Jüngere umgibt 1635 seine mit Sturmfrisur schlecht getarnte Hexe gar mit einem Kranz aus giftigen Pflanzen und Pilzen, die den Greifreflex reizen (siehe Bildergalerie).

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