Christoffer Wilhelm Eckersberg in Hamburg

Euphorie über die Wirklichkeit

Christoffer Wilhelm Eckersberg sträubt sich gegen eine eindeutige stilistische Zuordnung. Zwischen Romantik und Klassizismus verschreibt er sich der Wirklichkeit in all ihrer Detailhaftigkeit. Die Hamburger Kunsthalle präsentiert nun die erste europäische Retrospektive Eckersbergs außerhalb Dänemarks und zeigt ihn in seiner ganzen Vielfalt.
Euphorie über die Wirklichkeit

Christoffer Wilhelm Eckersberg. "Ein Seemann, seine Freundin verabschiedend", 1840, Öl auf Leinwand, 34,5 x 26 cm

Eckersbergs feinmalerische Bilder sind wie Fotografien: realitätsnah, detailgetreu, atmosphärisch dicht. Seine momenthaften Motive werden mit geradlinigen Kompositionen und einem präzisen Duktus zur Leinwand gebracht – ein Gegensatz, könnte man meinen. Wer sich aber seine Straßenszene "Ein Seemann, seine Freundin verabschiedend" ansieht, erkennt wie Eckersberg es versteht einen kleinen Moment in aller Detailhaftigkeit zu zeichnen. Das Liebespaar ist schon im Begriff getrennter Wege zu gehen während ihre Schatten an der Mauer noch in einer letzten Umarmung verweilen. Wir verstehen unmittelbar, in der nächsten Sekunde löst sich das Treffen.

Auch das Porträt der Kaufmannsfamilie Nathanson, bei dem man eine repräsentative Haltung und Positionierung aller Mitglieder erwarten sollte, wirkt wie eine Momentaufnahme. Der Vater tritt mit Schwung durch die Tür hinein, als sei er, vielbeschäftigt wie er ist, gerade noch rechtzeitig zum Porträt-Termin eingetroffen. Das Gemälde "Rennende Gestalten auf der Langebro in Kopenhagen im Mondlicht" ist eine selbstverständlich konstruierte Szene, die jedoch zufälliger nicht aussehen könnte. Die Dargestellten sind offenbar durch etwas in Aufruhr geraten, was sich außerhalb des Bildrands befindet. Ist es ein Schiff, das in Brand steht? Eine Person, die ertinkt? Rennende Figuren, die wie in einem Schnappschuss eingefangen sind, findet man zu Eckersbergs Zeit nicht allzu häufig auf Bildern.

Seine Idee: die Malerei als Spiegel der Wirklichkeit

Der Däne gehört dabei keinem der beiden zu seiner Zeit dominierenden Stilrichtungen, dem Klassizismus und der Romantik, gänzlich an. Seiner klaren Pinselführung liegt eine geradezu besessene Beobachtung der Umwelt zugrunde. "Eckersberg hatte kein Bedürfnis danach, Dinge im Bild zu hierarchisieren was ihre Bedeutung anbetrifft", weiß Markus Bertsch, der Kurator der Ausstellung "Eckersberg – Faszination Wirklichkeit" in der Kunsthalle Hamburg. Eckersberg verfolgte damit eine Idee, die sich durch sein Gesamtwerk zieht, gleichbleibend bei jedem Motiv: Die Malerei als Spiegel der Wirklichkeit.

"Das ungewöhnliche an Eckersberg – und damit fällt er sicherlich als Künstler aus seiner Zeit heraus – ist zudem seine extrem starke Bandbreite. Er war wirklich in allen denkbaren Gattungen aktiv. Es gibt großformatige und sehr kleine, private Werke, Historien-, Genre-, Marine- und Landschaftsgemälde, wunderbare Porträts und Zeichnungen", beschreibt Bertsch. Dies ist die erste europäische Retrospektive des dänischen Nationalhelden außerhalb seines Heimatlandes.

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Den Einfluss, den Eckersberg auf die dänische Kunstgeschichte hatte ist nicht zu unterschätzen, gilt er doch als einer der Hauptprotagonisten des Goldenen Dänischen Zeitalters. Zwischen 1800 und 1850 gedieh in Dänemark zum ersten Mal seit dem Mittelalter eine Art Nationalromantik, und zwar nicht nur in der Malerei. Neben Eckersberg gelten der Schriftsteller und Nationalheld Hans-Christian Andersen, Søren Kierkegaard, der Gründer der Existenzphilosophie und auch der Bildhauer Bertel Thorvaldsen mitunter als wichtigster Vertreter dieser Epoche. Sie war jedoch gezeichnet von national äußerst schwierigen Umständen, wie dem staatlichen Bankrott, territorialen Verlusten Norwegens und Bombardements durch England. Spannend, dass diese künstlerische Epoche dennoch aufblühten konnte.

Das Goldene Dänische Zeitalter zwischen Nationalromantik und staatlichem Bankrott

Eckersberg genoss eine künstlerische Grundausbildung an der Kopenhagener Kunstakademie bei dem neoklassizistischen Historienmaler Nicolai Abildgaard und dem eher der Romantik zugeneigten Porträt- und Landschaftsmaler Jens Juel. 1810 reiste er dank eines Privatstipendiums nach Paris, um dort bei dem Parade-Klassizisten Jaques-Louis David zu studieren. Ein Auslandssemster, das einen Wendepunkt seiner künstlerischen Karriere hervorrief, denn in Paris wurden für den kühlen, rational geschulten Skandinavier ungewohnte Methoden praktiziert. Nicht nur, dass hier mit natürlichem Licht für Aktstudien gearbeitet und direkt vom Modell in Öl gemalt wurde, wofür die differenziert wiedergegebenen Hauttöne seiner Figuren sprechen, – die Franzosen studierten obendrein noch mit weiblichen Aktmodellen, was zu jener Zeit nicht überall denkbar war. Dem Studium in Paris folgte ein dreijähriger Aufenthalt in Rom, wo Eckersberg, inspiriert durch die Landschaften der römischen Campagna und die charmanten Ruinen der Ewigen Stadt, begann sich der Freilichtmalerei anzunähern. Dabei nutzte er, mit Malkasten und Klappstuhl ausgestattet, immer wieder das Alltagsleben der Römer vor den antiken Kulissen als Motiv.

Eckersberg brachte den weiblichen Akt nach Nordeuropa

Der junge Künstler kehrte 1816 zurück an die Akademie nach Kopenhagen, wohin er nicht nur die in Paris und Rom neu erlernten Verfahren und die dort gewonnenen Inspirationen, sondern zudem die nackte Frau mitbrachte. Seine Etablierung des weiblichen Nacktmodells kam dort einer kleinen Revolution gleich, was seiner Professur jedoch nicht schadete. Diese hielt er für 35 Jahre lang inne und besetzte zeitweise auch eine Position als Direktor der Akademie. Er erhielt prestigeträchtige Aufträge vom dänischen Königshaus und wohlhabenden Großbürgern.

Eckersbergs Lehre an der Akademie prägte eine Generation von Malern. Immer wieder ermutigte er seine verhaltenen Studenten sich an die Freilichtmalerei zu wagen, das Atelier mit den starren Methoden und den verkopften Studien hinter sich zu lassen und sich der Wirklichkeit zu widmen, um die Realität der Außenwelt, der Natur und des Lebens unmittelbar auf die Leinwand zu überführen. Ein weiterer essentieller Teil seiner Lehre war der Fokus auf Details aus der Natur, die oft als nebensächlich angesehen wurden. All dies bedachte er in seinen Werken, seien es Landschaften, die zwar naturgetreu und detailveristisch wiedergegeben und zugleich durch den akribisch geplanten Bildausschnitt stark konstruiert wirken, oder Porträts, deren Figuren eine kräftige, fleischig-rosige Plastizität, ja geradezu Beweglichkeit aufweisen und gleichsam präzise inszeniert sind. Seine Historiengemälde überlassen zwar nichts dem Zufall, weisen jedoch bei Weitem viel weniger Dramatik auf, als die pathosgeladenen Werke seiner klassizistischen Lehrer. Sie alle zeugen von einem Bedürfnis der treuen Wiedergabe des Gesehenen und vom Streben nach Wahrheit.

»Es gibt kaum etwas Vergleichbares«

Der Realismus ist ein Hauptmerkmal des Dänen. Das beweist auch sein einmaliger Versuch der Darstellung von "Alkyones Traum" von 1813, was eine nie vollendete Studie blieb. Eckersberg entschied sich dazu, die Leinwand zu zerschneiden und nur eine Nebenfigur, die schlafende Magd, als Fragment zu verschonen – die schien ihm real genug und somit zeigenswert.

Aus dem Drang die Realität abzubilden scheint auch Eckersbergs erstaunliche Bandbreite herzurühren, vermutet Bertsch: "Eines solchen Spektrums an Gattungen bedient eigentlich niemand in dieser Zeit und auch nach ihm beginnt eher wieder ein Spezialistentum. Dass jemand alles macht und vor allem auch die Marinemalerei in den 1820er Jahren für die dänische Kunst begründet, das ist sehr ungewöhnlich. Man kann es vielleicht damit erklären, dass er einfach alles Sichtbare, was er vor Augen hatte in die bildnerische Form überführen wollte ohne sich einzuschränken."

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