Interview zum Manierismus

Spitzenstücke aus Florenz

Maniera bedeutet eigentlich nichts weiter als Stil, in der Kunstgeschichte jedoch machte der Begriff eine ungewöhnliche Karriere. Das Städel-Museum widmet dem Manierismus derzeit eine große Ausstellung. Bastian Eclercy, Kurator der Schau, spricht im Interview mit art über neue Frauenporträts und Coolness im 16. Jahrhundert, die Bedeutung künstlerischer Individualität sowie die faszinierendsten Werke der Ausstellung.
Spitzenstücke aus Florenz

Bastian Eclercy in der Frankfurter Manierismus-Ausstellung vor einem Werk von Jacopo da Pontormo: "Der heilige Hieronymus als Büßer", um 1528/29, aus dem Landesmuseum Hannover

Die Bezeichnung Manierismus stammt vom italienischen Wort für Stil: maniera. Wie hängen die beiden Begriffe zusammen?

Giorgio Vasari, Maler und Chronist jener Epoche, hat diesen Begriff in einem neuen Bedeutungsspektrum maßgeblich geprägt. Er bezeichnet zunächst die individuelle Handschrift eines Künstlers, im übertragenen Sinne aber auch die Epoche, die man später Manierismus nennt, also die Kunst in Vasaris eigener Zeit. Im Manierismus kommt künstlerische Individualität besonders zum Tragen. Man schätzt wie nie zuvor den jeweiligen Stil eines Künstlers, seine Handschrift – die Maniera.

14233
Strecken Teaser

Eine Kunstauffassung, die Individualität schätzt, ist uns aus der Moderne vertraut. Ist das neu im 16. Jahrhundert?

Es ist nun nicht so, dass das vorher keine Rolle gespielt hätte, aber die Gewichtung wird deutlich stärker. Die kühnen Regelbrüche eines Rosso Fiorentino etwa hätte man noch ein, zwei Generationen vorher wohl kaum akzeptiert.

Die Kunstgeschichtsschreibung war nicht immer gnädig mit Vasaris Zeitgenossen. Wann ändert sich das?  

Die erste Monographie über Pontormo etwa erscheint 1916 – wohl nicht zufällig in der Hochphase der Klassischen Moderne. Ich denke, es ist vor allem die abgründige, bizarre Spielart des Manierismus, die in der Moderne großen Anklang findet und offenbar von einigen Malern als ihrer eigenen Kunst verwandt empfunden wird. Ein tieferes Verständnis dieser Kunst hat man aber eigentlich erst ab den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erreicht, als sich die Forschung immer intensiver mit dem Florentiner Manierismus befasste.  

Spitzenstücke aus Florenz

Bronzinos "Bildnis einer Dame in Rot", 1533, ist ein Höhepunkt der neuen Porträtkunst des Manierismus

Florenz ist im 15. Jahrhundert schon das bedeutendste Kunstzentrum in Italien, dann verlagerte sich vieles nach Rom. Was ist in der Zwischenzeit in Florenz geschehen?

Florenz ist kontinuierlich bedeutsam geblieben, auch in der Hochrenaissance zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Die Maler der neuen Generation, vor allem Pontormo und Rosso Fiorentino, knüpfen an den Errungenschaften an, entwickeln sie aber in eine ganz andere Richtung.

Was macht die neue Generation anders?

Wir zeigen das in der Ausstellung am Beispiel dreier Madonnen. Zunächst Raffaels "Madonna Esterházy" als Musterbeispiel der Florentiner Hochrenaissance: Hier sind Figuren und Landschaft in ein perfekt austariertes Gleichgewicht gebracht. Daneben hängen zwei Frühwerke von Pontormo und Rosso Fiorentino, die die Physiognomien überzeichnen und beinahe frech mit den Regeln des Angemessenen spielen.

Bilder aus den Fugen
Groteske Körper und verzerrte Kompositionen – jahrhundertelang taten sich Kunsthistoriker und Publikum schwer mit der Malerei des Manierismus. Nun wagt das Frankfurter Städel eine Neubestimmung

Die Ausstellung im Städel zeigt viele Porträts. Was genau zeichnet ein manieristisches Porträt aus?

Es entsteht ein neuer Typus des Frauenporträts. Das war Bronzinos Meisterdisziplin: das monumentale, repräsentative Damenbildnis. Frauen von Rang werden nun großformatig, in Dreiviertelfigur thronend, mit voluminösen Puffärmeln und Distanz gebietendem Blick dargestellt. Bronzinos "Bildnis einer Dame in Rot" im Städel ist der erste Höhepunkt dieses neuen Typus. Damit schafft er die Voraussetzungen, um ab 1539 Hofmaler und Porträtist der Medici zu werden.

Spitzenstücke aus Florenz

Coolness im 16. Jahrhundert bei Francesco Salviati “Bildnis eines jungen Mannes”, um 1546/48, 40 x 32 cm

Francesco Salviatis “Bildnis eines jungen Mannes” überrascht durch die Pose des Dargestellten: Das scheint unbequem, unnatürlich und etwas gespreizt. Gab es höfische Konventionen, die einen Einfluss auf die Darstellung hatten?

Diese Komposition ist eine Art Zitat und geht auf Michelangelos berühmte Skulptur des Lorenzo deʼ Medici zurück. Die Pose steht für das höfische Ideal der "sprezzatura" die den Höfling auszeichnet. Sprezzatura heißt soviel wie lässige Coolness und ist ein Kernbegriff in Baldassare Castigliones "Buch vom Hofmann" von 1528. Dort empfiehlt er den Höflingen diese Haltung und diese Art der Selbstdarstellung.

 

Die Macht und die Schönheit
Der italienische Maler Agnolo Bronzino prägte das Herrscherbild seiner Zeit und überwand das antike Ideal der Renaissancekunst. Seine Figuren sind kühl distanziert und trotzdem voller Intensität