Jacopo da Pontormo und der Manierismus

Ganz still die Renaissance überwunden

Bis ins 20. Jahrhundert hinein hat der vor 500 Jahren geborene Pontormo die Kunstwelt irritiert: Vor allem orthodoxe Gelehrte verachteten die antiklassisch überdehnten, gedrehten und gekrümmten Figuren auf den Kirchenbildern und Fresken des Sonderlings, der sich oft seiner Schwermut überließ. Doch mittlerweile ist die expressive Malerei des Künstlers rehabilitiert, gilt Pontormo unumstritten als Hauptmeister des Manierismus.
Ganz still die Renaissance überwunden

Verdrehte und bartlose Darstellung des Heiligen bei Jacopo Pontormo: "Der Hl. Hieronymus als Büßer", um 1528/29, Öl auf Pappelholz, 105 x 80 cm.

Trutzig wie eine Festung thront die Kartause von Galluzzo auf dem Monte Santo, wenige Kilometer von Florenz entfernt. Stolz der Zisterziensermönche, die das an Kunstschätzen reiche Kloster heute bewohnen, ist ein Zyklus von fünf monumentalen Fresken, die einst den Kreuzgang im weitläufigen Klosterhof schmückten und die nun, von der Wand gelöst, in einem Saal von gewaltigen Dimensionen ausgestellt sind. Als der Florentiner Jacopo da Pontormo sie vor 470 Jahren malte, standen sie in kraßem Gegensatz zu allen Prinzipien der Renaissance-Malerei.

Selbst heute wirken die Schilderungen aus den letzten Tagen Jesu immer noch wie ein Fanal: Exzentrisch ließ der Künstler die Farben aufeinanderprallen – kaltes, helles Blau, strahlendes Gelb, leuchtendes Ocker, Rot-Töne von dunklem Ochsenblut bis zu hellem Scharlach und, wie ein Leitmotiv Violett, die Farbe der Passion. Weiß setzt unvermittelt dramatische Akzente: in den Rüstungen der Soldaten, in den Schleiern der trauernden Frauen, im Gewand des Auferstandenen, in Hellebarden und Beinkleidern der schlafenden Grabwächter.

Ganz still die Renaissance überwunden

Teil des Freskenzyklus "Die Passion Christi", 1522 bis 1525, von Jacopo da Pontormo

Pontormo packte Pinsel und Farben und flüchtete

Die Figuren, in Gruppen zusammengeballt, sind bizarr verdreht, die Körper, vor allem die Christus-Gestalt, langgezogen, anatomisch überdehnt. Der Passionszyklus verdankt seine Entstehung einer Katastrophe. 1523 brach in Florenz die Pest aus; als die ersten Leichenkarren durch die Straßen der Stadt rumpelten, die ersten weißen Kreuze an die Haustüren gemalt wurden, geriet Pontormo in Panik. Der übersensible Maler war Hypochonder; aus Angst vor einer Infektion mied er Menschenansammlungen und fürchtete den schädlichen Einfluß des Vollmondes und nun die Pest! Pontormo, damals 28 Jahre alt, packte Pinsel und Farben zusammen und flüchtete gemeinsam mit seinem jüngeren Maler-Kollegen und Freund Bronzino (1503 bis 1572) durch die Porta Romana aus der verseuchten Stadt in die Hügellandschaft der Toskana.

Sein Ziel war die Kartause von Galluzzo, wo er sich schon öfter vom Großstadttrubel erholt hatte. Der Prior des Klosters wollte die Ecken des Kreuzganges mit Fresken ausschmücken lassen, und Pontormo hatte die vage Idee von etwas Neuem, Revolutionärem: In Florenz waren kurz zuvor Holzschnitte und Kupferstiche eines Künstlers aus dem fernen Norden aufgetaucht; der Deutsche Albrecht Dürer (1471 bis 1528) behandelte in seinen gedruckten Passionszyklen das Thema expressiver und dramatischer, als es Pontormo je bei einem Landsmann gesehen hatte – Passionszyklen waren zu seiner Zeit in Italien ohnehin selten.

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Einige Figuren scheinen Pontormo besonders angeregt zu haben und tauchen in den Fresken wieder auf – etwa ein schlafender Apostel in verdrehter Rückenlage, Christus, der unter dem Kreuz zusammengebrochen ist oder der hingekauerte Grabwächter. Pontormo hatte das Gewimmel von Dürers Figuren mit ihren überlangen, scharf gezogenen Silhouetten im Kopf, ihren Ausdruck äußerster Qual und Trauer, als er mit den Arbeiten an den Fresken begann. Zwei Jahre lang tüftelte er an den Malereien; oft genug wird er bereits Gemaltes verworfen und neuen Putz aufgetragen haben - eine Marotte, die er bis an sein Lebensende beibehalten sollte. Dürers "Kleine Passion" inspirierte Pontormo als Künstler, der "mehr mit Ausdruck als mit formalem Gleichgewicht befaßt" war, schreibt der Kunsthistoriker Erwin Panofsky in seiner Dürer-Biografie von 1943. Die "prächtige Verrücktheit" des Italieners "ergriff und übertrieb Dürers Gotizismus". In der "Auferstehung", so Panofsky, sei Pontormo "dürerischer als Dürer"; er verbinde die "gekrümmten und gedrehten Stellungen der Kriegsknechte … mit einem übergotischen Christus", der "wie eine Rauchflocke emporschwebt".

Selten ist Künstlerbiograf Giorgio Vasari so kritisch mit einem Werk umgegangen wie mit Pontormos

Die Fratres vom Heiligen Berg scheinen mit dem ungewöhnlichen Werk einverstanden gewesen zu sein - Pontormo bekam ein Honorar für seine Arbeit und durfte anschließend das Gasthaus der Kartause mit einer Darstellung des Emmausmahles schmücken. Die Puristen unter den italienischen Kunstexperten des 16. Jahrhunderts aber reagierten schockiert. Selten ist der Maler, Architekt und Künstlerbiograf Giorgio Vasari ( 1511 bis 1574) so kritisch mit einem Werk umgegangen wie mit Pontormos Passionszyklus. In dem Bestreben, seinen eigenen Gestalten Dürers "Schärfe und Charakteristik zu geben", sei Pontormos "Manier, die von Natur aus weich und mild war", abhanden gekommen. Vasari witterte mit Recht eine Attacke auf die gesamte "Maniera", den klassischen Stil der italienischen Renaissance, den Künstler wie Raffael, Leonardo da Vinci oder Michelangelo geprägt hatten; er warf Pontormo vor, er wolle die Manier ablegen, "welche alle an Güte übertrifft und jedermann unendlich wohl gefiel". Diese Absicht einer jungen, exaltierten Künstlergeneration, den Formenkanon der klassischen Manier zu sprengen, wurde erstmals 1792 vom italienischen Kunsthistoriker Luigi Lanzi mit dem abfällig gemeinten Begriff "Manierismus" belegt; Pontormos Freskenzyklus ist eine der frühesten und drastischsten Äußerungen dieses neuen Stilentwurfs.

Pontormos ausgeprägte Menschenscheu, seine Ängste vor Krankheiten, "die sich im Alter zu kauziger Zurückgezogenheit und nicht selten manischer Todesangst steigerten" (Pontormo-Biograf Kurt W.Forster), liegen in seiner Jugend begründet, einer endlosen Chronologie des Todes. Jacopo, mit Familiennamen Carrucci, wurde am 24.Mai 1494 im toskanischen Ort Pontormo als Sohn eines eher unbedeutenden Kirchenmalers geboren. Der starb, als der Sohn gerade fünf Jahre alt war, weitere fünf Jahre später starb auch die Mutter. Als zwei Jahre später auch Jacopos Großvater starb, schickte Großmutter Brigida den Waisenknaben nach Florenz zu einem entfernten Verwandten. Vor seinem 18. Lebensjahr mußte Pontormo auch noch den Tod der jüngeren Schwester erleiden, die nach dem Ableben der Großmutter zu ihm gezogen war.

Die Macht und die Schönheit
Der italienische Maler Agnolo Bronzino prägte das Herrscherbild seiner Zeit und überwand das antike Ideal der Renaissancekunst. Seine Figuren sind kühl distanziert und trotzdem voller Intensität

Nur wenige Fakten existieren über das Leben Pontormos, so auch über den Beginn seiner künstlerischen Laufbahn - Vasari erwähnt unter anderem Aufenthalte im Atelier von Leonardo da Vinci. 1512 sprach Pontormo, "jung, trübsinnig, einsam" (Vasari), beim großen Maler Andrea del Sarto vor, der den begabten Jüngling in seine Werkstatt aufnahm. Mit 19 Jahren bekam Pontormo einen Auftrag, der ihn schlagartig bekannt machte. 1513 wurde Giovanni de' Medici zum Papst gekrönt und nannte sich Leo X. Die Servitenmönche von Santissima Annunziata in Florenz wollten über dem Kirchenportal ein kunstvolles, von Fresken umrahmtes Papstwappen anbringen lassen. Pontormo erdachte Allegorien über Glauben und Liebe. "Hingerissen von Verlangen nach Ruhm und getrieben von der Natur" (Vasari), vollendete er das Werk in einem unglaublichen Tempo. Dann jedoch, von Selbstzweifeln geplagt, beschloß er, die Fresken wieder abzuschlagen und Neues zu versuchen.

Pontormo schlich bei Dunkelheit zur Kirche, um die Fresken zu entfernen

Pontormo schlich bei Dunkelheit zur Kirche, um die Fresken zu entfernen, doch die Serviten hatten das Gerüst schon wieder abbauen und die verhüllende Plane entfernen lassen. Eine staunende Menschenmenge bewunderte das Werk, an dem Vasari die "Zartheit der beiden weiblichen Köpfe und Schönheit der lebensvollen, anmutigen Kinder" rühmt; heute freilich ist von den Allegorien nur noch wenig zu erkennen.

Die Servitenmönche gaben Pontormo im Jahr darauf den Auftrag, für die Vorhalle ihrer Kirche eine "Heimsuchung" zu malen. Die Begegnung der werdenden Mütter Maria und Elisabeth, die Pontormo in zarten, transparenten Gelb-Rot-Tönen auf die Wand rechts neben dem Portal malte, ist voll anmutiger Bewegung. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, daß der Künstler bereits in diesem Frühwerk vom klassischen Bildaufbau abgewichen ist: Die zentrale Gruppe, in der Elisabeth die Muttergottes begrüßt, steht nicht im Zentrum des Bildes, sondern ist leicht versetzt nach links gerückt.

Ganz still die Renaissance überwunden

Detail des Fresko "Visitation", 1514 bis 1516, in der Florentiner Kirche Santissima Annunziata

Vier Jahre später erhielt Pontormo von den Medici, der einflussreichsten Familie der Stadt, den Auftrag für ein postumes Porträt von Cosimo il Vecchio, dem erfolgreichsten Bankier der Sippe. Dieses Gemälde, für das der Künstler eine Medaille als Bildvorwurf benutzte, ist eines der eigentümlichsten und anrührendsten Porträts von Pontormo. Der alte Bankier sitzt in merkwürdig verdrehter Pose: Der Kopf ist im Profil nach rechts gerichtet, seine linke Schulter in gegenläufiger Bewegung nach hinten gewendet, so daß der Oberkörper fast in Vordersicht dargestellt ist. Die kräftige, gebogene Nase, das herrische Kinn weisen Cosimo als ausgeprägten Machtmenschen aus. In seltsamem Kontrast dazu stehen die beinahe zarten, verkrampft ineinander verschränkten Hände des großen Alten, der nahezu das gesamte Bildgeviert ausfüllt. Exzentrisch auch die Farbgebung: Bis auf ein kleines Stück Rücken- und Armlehne und den Lorbeerbaum, die Wappenpflanze der Medici, dominiert das Rot von Mantel und Hut das Bild.

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Jacopo da Pontormo: "Josef in Ägypten" , 1515 bis 1518, Öl auf Holz, 96 × 109 cm

Das Cosimo-Porträt ist eines von ganz wenigen, die mit Sicherheit von Pontormo selbst stammen. Dazu gehört auch "Der Hellebardenträger" (Datierung umstritten), möglicherweise ein Porträt des jungen Alessandro de' Medici. Der Pontormo-Spezialist Kurt W.Forster spricht vom "am wenigsten geklärten Abschnitt seines erhaltenen Werkes" und schätzt die Zahl der authentischen Porträts auf höchstens acht. Gerade in der Porträtmalerei hat Pontormo starke Einflüsse seines Lehrers Andrea del Sarto aufgenommen, wie andererseits sein Alter ego Bronzino von ihm - und umgekehrt.

Nach dem zweijährigen Intermezzo in der Kartause von Galluzzo war für Pontormo die Zeit des Experimentierens vorbei: 1527 bekam er vom reichen Florentiner Lodovici Capponi den Auftrag, eine kleine Seitenkapelle der Kirche Santa Felicita mit einem Altarbild sowie Wand- und Deckenfresken zu schmücken. In dem Altarbild "Überführung Christi" erreicht nicht nur Pontormos "wunderliche neue Manier" (Vasari) einen Höhepunkt; das Werk, auf eine 313 mal 192 Zentimeter messende Holztafel gemalt, ist eine der nachdrücklichsten Äußerungen des Florentiner Manierismus, in dem alle Charakteristika dieses Stils vereint sind.

Pontormo verzichtete auf Drastik – das Leiden vermittelt sich über das Gesicht des Toten

Die kleine Kirche Santa Felicita duckt sich unter den Vasari-Korridor, der die Uffizien mit dem Palazzo Pitti verbindet; selbst im Halbdunkel der Capponi-Kapelle strahlt die "Überführung" eine Frische aus, die den Besucher in ihren Bann schlägt. Pontormo hat den gesamten Bildraum, der oben von einem Rundbogen begrenzt ist, mit einer elfköpfigen Figurengruppe gefüllt, die, wie entmaterialisiert, in einer geheimnisvollen Helligkeit im Raum schwebt. Kühle, transparent wirkende Pastelltöne überwiegen - vor allem Rosa und Blau. Die Figuren sind wie in einer strudelnden Bewegung um ein seltsam leeres Zentrum gruppiert, in das die Hand des toten Jesus ragt: Die Drehung der leicht überlängten Körper, die dramatischen Gesten der Arme und Hände, der überbordende Faltenwurf der Gewänder, die Kopfhaltung - alles scheint um die Bildmitte zu kreisen. Ein Mann mit wirren Locken, Bart und grünem Hut, rechts am Bildrand neben der Schmerzensmauer, blickt unendlich melancholisch in die Ferne - es ist Pontormo selbst, der sich in der "Überführung" porträtiert hat.

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Meisterlich hat Pontormo Trauer, Verzweiflung und Mitgefühl der Hinterbliebenen des Gekreuzigten dargestellt; dessen Wunden an Händen, Füßen und in der Seite sind eher angedeutet, die Dornenkrönung hat keine Spuren hinterlassen. Pontormo verzichtete auf jegliche Drastik. Statt dessen drückt sich das Leiden im Gesicht des Toten aus, dessen dunkel umschattete Augen und verfärbte Lippen von den erlittenen Qualen zeugen.Für den englischen Kunsthistoriker Frederick Mortimer Clapp, der 1916 ein Verzeichnis der knapp 70 authentischen Werke des Künstlers veröffentlichte, ist die "Überführung" Pontormos "größte Leistung auf dem Gebiet religiöser Malerei".

Drei Jahre lang ließ Pontormo die Kapelle für jegliche Besucher sperren nur der treue Freund Bronzino durfte zu ihm. Pontormo machte in dieser Zeit die Capponi-Kapelle zu einem Gesamtkunstwerk: Auf die Wand rechts neben dem Altarbild, die durch ein Fenster und ein Stifter-Porträt zweigeteilt ist, malte er eine "Verkündigung", über die Vasari wetterte, Maria und der Erzengel seien "in einer Weise verdreht, daß man hier wiederum gewahr wird wie sein wunderlicher Sinn sich nie genügte". Die Kuppel dekorierte Pontormo mit Fresken von Gottvater und den vier Patriarchen (sie sind zerstört), die vier Zwickel des Gewölbes schmücken Porträts der Evangelisten Johannes, Lukas, Markus und Matthäus - die beiden letzten stammen von Bronzino.

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Der Künstler war nun ein wohlhabender Mann; nach eigenen Entwürfen ließ er sich ein Haus bauen, ein für seine Verhältnisse jedoch bescheidenes Heim. Vasari beschreibt es als "Aufenthalt eines wunderlichen, einsamen Menschen". Das Schlaf- und Arbeitszimmer war nur über eine hölzerne Leiter zu erreichen, die er mit einer Winde hinter sich hochziehen konnte, so daß er für Besucher unerreichbar blieb. Zeitgenossen galt er als Exzentriker, der "nur arbeiten mochte, wann und für wen und wie es ihm gefiel", berichtet Vasari. So schenkte Pontormo dem Maurer, der an seinem Haus arbeitete, "ein schönes Madonnenbild" (Vasari) sowie ein kleines Gemälde mit einem Kruzifix. Als ihm zur selben Zeit Ottaviano de' Medici einen Auftrag geben wollte, ließ der Sonderling ihn abblitzen.

Als ihm Ottaviano de' Medici einen Auftrag geben wollte, ließ der Maler ihn abblitzen

Im Alter kapselte sich Pontormo noch mehr ab; in den letzten Lebensjahren ließ er manchmal sogar den Freund Bronzino vor der hochgezogenen Leiter stehen. Und doch nahm er 1546 seinen letzten und größten Auftrag an, der ihn die folgenden zehn Jahre beschäftigte. Michelangelo hatte 1541 das "Jüngste Gericht" in der Sixtinischen Kapelle in Rom vollendet, Cosimo de' Medici wollte der Nachwelt in Florenz ein vergleichbares Werk hinterlassen. Er bat Pontormo, die Kirche San Lorenzo auszumalen, und der sagte zu.

Pontormo verbarg die Wände der Kirche durch Gerüste, Tücher und sogar durch solides Mauerwerk und verkroch sich völlig hinter diesem Bollwerk. Niemand durfte die Arbeiten besichtigen. An manchen Tagen, berichtet Vasari, versank er so tief in Grübeleien über den Fortgang der Fresken, daß er den ganzen Tag nicht einen Pinselstrich tat. Sintflut, Himmelfahrt und Auferstehung, Adam und Eva, Kain und Abel, Moses, Abrahams Isaak-Opfer, die vier Evangelisten und ein Christus in der Glorie waren Pontormos Personen und Themen. Der Maler, der damals schon kränkelte, wollte mit diesen Fresken sein künstlerisches Testament abliefern. In seinem Drang nach Perfektion, so heißt es, habe er heimlich Leichen in Wasserbottiche gelegt und anschwellen lassen, um die Toten der Sintflut möglichst realistisch malen zu können.

Sein Tagebuch – Dokument eines psychisch Kranken

In den letzten zwei Lebensjahren führte Pontormo ein Tagebuch, ein merkwürdiges Dokument der Lebensgewohnheiten eines psychisch kranken Menschen. Pontormo versuchte, seine ins Wahnhafte gesteigerten Ängste vor Krankheit und Tod durch ein Korsett von Regeln zu bändigen, die vom Essen bis zum Stuhlgang sein ganzes Leben bestimmten .Er glaubte vom Schicksal zu wissen, "dass es dich in wenigen Tagen umbringen oder dir schaden kann, wenn es dich außerhalb der Regeln antrifft". Über die quälend langen Arbeiten in San Lorenzo, die ihm chronische Magenschmerzen verursachten, verlor er nur karge Sätze wie "... das spärliche Tuch um ihre Hüften gemacht...", "... am Samstag ein wenig blauen Grund ...", "... hatte viel Mühe mit Dunkelheit, Wind und Verputz..."

Am 1.Januar 1557 starb Pontormo, "alt und sehr ermüdet" (Vasari). Bronzino, der die Fresken vollendete, klagte in einem Gedicht, er habe "meinen Freund und Bruder, / nein, meinen Vater, meinen Meister" verloren. Die Nachwelt wußte Pontormos künstlerisches Testament nicht zu würdigen. Im 18. Jahrhundert galt der Manierismus als dekadent, Pontormos Fresken wurden 1738 übertüncht, vier Jahre später zerstörten Arbeiter beim Umbau der Kirche das gesamte Mauerwerk. Eine Reihe erhaltener Zeichnungen läßt jedoch ahnen, welchen Triumph der Manierismus Pontormos hier noch einmal gefeiert hatte.

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