Agnolo Bronzino und der Manierismus

Die Macht und die Schönheit

Der italienische Maler Agnolo Bronzino prägte das Herrscherbild seiner Zeit und überwand das antike Ideal der Renaissancekunst. Seine Figuren sind kühl distanziert und zugleich voller Dynamik und Intensität. Typische Merkmale des Manierismus.
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Agnolo Bronzino: "Eleonora von Toledo und ihr Sohn Giovanni", um 1545, 115x96 cm

Wie ein Märchenschloss in einem verwunschenen Park thront das Museo Stibbert auf dem Montughi- Hügel am Stadtrand von Florenz. Gerne kommen die Florentiner am Wochenende hierher, um sich in den prunkvoll ausgestatteten Räumen die Schätze des exzentrischen Briten Frederick Stibbert (1838 bis 1906) anzuschauen, vor allem Rüstungen und Waffen aus vier Jahrhunderten. Highlights sind eine Kavalkade von Rittern zu Pferde und ein Heerzug waffenstarrender Mauren, alles in Originalgröße. Gelegentlich aber besucht auch ein Kunstfreund die mit kostbaren Antiquitäten ausgestattete Villa. Denn Stibbert war nicht nur ein Waffennarr, sondern auch Kunstliebhaber.

Bewacht von in Reih und Glied aufgestellten Rüstungen, ist im ersten von 60 Sälen seine Kunstsammlung dicht an dicht bis unter die Decke gehängt. Zu den Schätzen der kleinen, feinen Kollektion gehört - neben Werken von Sandro Botticelli, Luca Giordano, Verrocchio oder Alessandro Allori - auch ein Porträt von Francesco I. des Manieristen und Poeten Agnolo Bronzino (1503 bis 1572).

Bronzino dominierte die Florentiner Malerei des Manierismus

Bronzino dominierte die Florentiner Malerei von den dreißiger bis in die sechziger Jahre des 16. Jahrhundert. Er war einer der bedeutendsten Vertreter einer unruhigen Künstlergeneration, die als Manieristen in die Kunstgeschichte einging. Sie setzten sich über die herrschenden Regeln der Kunst hinweg, wendeten sich bewusst gegen die Harmonie und den auf der Antike basierenden klassischen Formenkanon der Renaissance.

Stattdessen pflegten sie eine exzessive Malerei der zerdehnten Figuren mit bizarren Posen und exzentrischen Körperhaltungen in eigenwilligen, oft kalkig-kühlen, aber auch grellen Farben - ihre Malerei markiert den Übergang von der Renaissance zum Barock.

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Agnolo Bronzino: "Heiliger Sebastian", um 1528/29, Öl auf Holz, 87 x 76,5 cm

In Florenz ist das Werk Bronzinos allgegenwärtig - in den großen, glanzvollen Museen, in Kirchen und Klöstern, aber das Museo Stibbert ist der eigentümlichste Ort, den man aufsuchen muss, will man den Spuren des Malers folgen.

Bronzino, der eigentlich Agnolo di Cosimo Tori hieß und als Sohn eines Schlachters in einem Ort in der Nähe von Florenz zur Welt kam, war erst Schüler des eher unbedeutenden Malers Raffaellino del Garbo, bevor er bei dem großen Manieristen der ersten Stunde, Jacopo da Pontormo (1494 bis 1557), in die Lehre ging. Er wurde rasch zu Pontormos bestem und auch liebstem Schüler, den dieser "wie einen Sohn" angenommen hatte, so Giorgio Vasari (1511 bis 1577) in seinen berühmten Künstlerbiografien.

Bronzino hatte zunächst die Manier seines Meisters so perfekt angenommen, "dass ihre Arbeiten sich einige Zeit zum Verwechseln glichen" und Pontormo, wohl etwas in seiner Ehre als Meister gekränkt, Bronzino gegenüber "ein wenig rauh und abstoßend" war, so Vasari. Ein Beispiel für die oft nicht zu klärende Urheberschaft vor allem in diesen Jahren ist das "Bildnis einer Dame" aus dem Frankfurter Städel-Museum.

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Bronzino oder Pontormo: "Bildnis einer Dame", 1532/33, 90x71 cm.

Dieses "Porträt einer unbekannten Dame in rotem Kleid gehört zu den Hauptwerken der Bildniskunst des italienischen Manierismus", wie das Städel zu Recht verkündet.

Aber: Wer hat es gemalt? "Pontormo, der dieses Gemälde vermutlich unter dem Eindruck der Kunst seines zeitweiligen Mitarbeiters Agnolo Bronzino ausführte, hat dem Selbstbewusstsein und dem gesellschaftlichen Anspruch ... der jungen Frau in einer formal kühnen Bilderfindung Ausdruck verliehen", schreibt das Städel. In seiner Bronzino-Biografie von 1981 bemerkt Charles McConquordale dagegen, dass die Dame "zu den ersten von Bronzinos Modellen gehörte, die er mit jener entrückten, in sich selbst vertieften Stille ausgestattet hat". Und Maurice Brock schreibt in seiner Biografie von 2002: "Lange Pontormo zugeschrieben, wird das 'Porträt einer Dame mit einem kleinen Hund' aus Frankfurt heute einhellig Bronzino zugeschrieben."

Ganz still die Renaissance überwunden
Gelehrte verachteten die antiklassisch überdehnten und gekrümmten Figuren auf den Bildern des Sonderlings, der sich oft seiner Schwermut überließ. Doch mittlerweile gilt Pontormo als Hauptmeister des Manierismus

Im Gegensatz zu Pontormo sind die Oberflächen der Bilder opak und in weichen Kontrasten gehalten

1530/32 ging Bronzino nach Pesaro, wo er für die Familie Della Rovere arbeitete. Der Abstand zu Pontormo scheint ihn beflügelt zu haben, denn erst nach seiner Rückkehr nach Florenz entfaltete sich eine neue Individualität und Unabhängigkeit in seiner Malerei. Die Oberflächen seiner Bilder sind nun opak und in weichen Kontrasten gehalten im Gegensatz zur Transparenz und leuchtenden Ausstrahlung von Pontormo.

Die vierziger Jahre waren die produktivsten in Bronzinos Leben. Für den Aristokraten und Dichter Bartolomeo Panciatichi malte er etwa eine "Die Heilige Familie mit Johannisknaben" (1540, heute in den Uffizien) - sein Auftraggeber und dessen schöne Frau Lucrezia saßen Bronzino in demselben Jahr Modell für zwei seiner grandiosesten Porträts.

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Farben wie emailliert: "Die Heilige Familie mit Johannisknaben", 1540, 117x93 cm

In der "Heiligen Familie" ist das Wappen des Auftraggebers auf der Flagge, die den Turm im Hintergrund krönt, zu sehen. Davor gruppieren sich die vier Beteiligten der Szenerie in zwei übereinander gestaffelten Reihen. Das Bild mit seiner glatten Malweise weist ein auffallendes Merkmal der manieristischen Malerei auf: Leuchtend-kühle Farben, vor allem das blasse Weiß der Haut und das kühl-lodernde Orange des Kleides, lassen es wie emailliert erscheinen. Maurice Brock macht eine gewisse Beziehungslosigkeit der Personen untereinander aus - "Maria und Joseph sind eher nebeneinander, als miteinander". Beide blicken ohne emotionale Regung, wie unbeteiligt, auf die beiden Kinder: Die sind erstaunlich ruhig, gestikulieren nicht, lediglich der kleine Johannes scheint dem schlafenden Jesusknaben einen Kuss auf die Wange hauchen zu wollen - Bronzino hat auch hier die Distanz zwischen den Personen gewahrt.

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Das Einzige, was auf eine Beziehung zwischen Mutter und Kind hindeutet, ist die veilchenblaue Farbe des Gürtels der Muttergottes und des Kissens, auf dem der Christusknabe ruht. Das Gesicht, modelliert wie eine Skulptur, geht auf das Vorbild der berühmten Aphrodite von Knidos des griechischen Bildhauers Praxiteles (4. Jahrhundert vor Christus) zurück, dessen Original verloren ging, das aber eines der am meisten kopierten Werke der Antike ist. Eine Kopie steht in den vatikanischen Museen.

Bronzino war inzwischen zum Hofmaler von Herzog Cosimo I. avanciert: Er war dem kunstsinnigen Herrscher aufgefallen, als dieser ihn für die Festdekoration zu seiner Hochzeit mit Eleonora von Toledo engagiert hatte. Dutzende Male hat Bronzino das herzogliche Paar und die acht Kinder der beiden gemalt, dazu Adlige, Dichter und Personen, deren Identität heute unbekannt ist.

Es sind seine Porträts, die in jedem Museum sofort erkennen lassen, dass sie nur von Bronzino stammen können. Es sei "die Spannung, die sie zwischen einem Gefühl der Anwesenheit und dem gegenteiligen Effekt der Abwesenheit" hätten, schreibt Bronzino-Biograf Brock. Tatsächlich strahlen seine Modelle eine ungeheure Präsenz aus in ihren prächtigen Roben, mit ihrem kostbaren Schmuck, ihrer noblen Haltung, oder, wie im Falle von Cosimo I. oder Guidobaldo della Rovere, in martialischer Ritterrüstung.

Gefühlsmäßig aber sind sie völlig abwesend. Eine distanzierte Kühle geht von ihnen aus, die eine unsichtbare Schranke zwischen den Dargestellten und dem Betrachter errichtet.

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Machtbewusster Herrscher in martialischer Rüstung: "Cosimo I. de' Medici", 1545, 71x57 cm

Selbst wenn sie ihn anzublicken scheinen, kann ihnen ein Außenstehender niemals nahe kommen. Ihre Mienen sind ausdruckslos in ihrer marmornen Künstlichkeit, ihre Gesichter verraten keinerlei Emotionen. Das hatte einen einleuchtenden Grund: Cosimo I. hatte nach der Ermordung von Alessandro de' Medici (1537) die Macht in Florenz an sich gerissen und musste diese nun festigen. Bronzinos Arbeit war demzufolge dem Wunsch des Herrschers nach "Feierlichkeit, Legitimation und sogar Propaganda" (Brock) untergeordnet.

Die Herrscherbilder sollten beeindrucken, aber nichts über die Befindlichkeit der Dargestellten verraten. Die Gemälde schmückten öffentliche Räume oder wurden als diplomatische Geschenke an andere Herrscher geschickt - und dienten, wie heute die geschönten Politikerfotos, dazu, Cosimos Macht zu erhalten und zu festigen. Für Eleonoras winzige Privatkapelle im Palazzo Vecchio malte Bronzino die Fresken - ein grandioses Meisterwerk manieristischer Malerei, das in überbordender Figurenfülle die Geschichte des Moses erzählt, gekrönt von einer Pietà.

Bronzino wurde berühmt durch unterkühlten Porträts

Bronzino wurde berühmt durch seine unterkühlten Porträts. Eines der sinnlichsten und zugleich "manieristischsten" Gemälde ist seine "Allegorie mit Venus und Cupido". In dem Bild von 1544/45 dominieren zwei Farbtöne: das Elfenbeinweiß der Leiber und das leuchtende Blau des Hintergrunds.

Die Figuren sind auf engstem Raum zusammengepfercht und rahmen den Körper der Hauptperson - eine nervöse, erotisch aufgeheizte Stimmung erfüllt das Bild. Venus, erkennbar an dem goldenen Apfel, küsst Cupido, der durch den Tragegurt des Köchers definiert ist. An den Seiten gruppieren sich allegorische Figuren wie Täuschung und Eifersucht oder Freude und Spiel.

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Zu erotisch für das 19. Jahrhundert: "Allegorie mit Venus und Cupido", um 1545, 146x116 cm

Dieses Gemälde brachte gut 300 Jahre später einen Museumsdirektor in Wallung. Sir Charles Eastlake hatte das Gemälde in Paris vom Kunstsammler Edmond Beaucousin für die Londoner National Gallery gekauft. Allerdings war Eastlake der Meinung, das Bild sei "ziemlich ungebührlich".

Denn Venus tauscht mit Cupido das, was neuzeitlich "French Kiss" genannt wird, und ein Restaurator übermalte die Zunge der Göttin. Dann fielen den beiden Herren bei genauerer Betrachtung die erigierte Brustwarze unter Cupidos Fingern auf, und schließlich machten sie sogar noch Schamhaare aus - Farbe drüber. Der nackte Po des Cupido verschwand unter einer Myrtenranke. 1958 versetzte ein Restaurator das Gemälde wieder in seinen Originalzustand.

Herzog Cosimo I. entband Bronzino 1564 von seiner Verpflichtung als Hofmaler, erteilte ihm jedoch weiter Aufträge. Seine letzten Lebensjahre verwendete Bronzino auf die neu gegründete Akademie der Künste in Florenz, deren erster Direktor Michelangelo wurde. Hoch geehrt starb Bronzino mit 69 Jahren. Die Grabrede hielt sein Schüler Alessandro Allori, der aus lauter Bewunderung später den Namen seines Meisters annahm.

Bilder aus den Fugen
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