100 Jahre Dadaismus

Sammeln, schnippeln, kleben

Als vor 100 Jahren die Dada-Bewegung geboren wurde, hielten auch ganz alltägliche Materialien Einzug in die Kunst. Wie die Künstler während und nach dem Ersten Weltkrieg aus den Fetzen einer zerbrochenen Welt eine neue Kunst erschufen und wie aus ganz Gewöhnlichem außergewöhnliche Kunst entstehen kann, zeigen jetzt zwei Dadaismus-Ausstellungen in Zürich.
Sammeln, schnippeln, kleben

Raoul Hausmann: "P", um 1920-1921, Collage mit bedrucktem Papier und Tinte, 31,2 x 22 cm

Not macht erfinderisch. Wer wenig Geld hat, muss mit dem zurechtkommen, was da ist. Dass dabei durchaus Weltklasseprodukte entstehen können, kennen wir aus der Küche. Was ist eine Pizza anderes, als ein Teigfladen mit Tomatensauce und Käseresten. Und besteht das Innere eines Hamburgers nicht eigentlich aus durch den Fleischwolf gedrehten Fleischstückchen, die für sonst nichts mehr zu gebrauchen sind? Heute machen die großen Fastfood-Ketten und kleinen Burger-Bars einen Kult daraus. Nicht viel anders war die Situation vieler Künstler während des Ersten Weltkriegs und danach. Europa war ausgeblutet, da blieb lange nicht viel übrig für Kunst. Die Dadaisten wussten sich zu helfen.

In Zürich wurden sie von der Bevölkerung zwar misstrauisch beobachtet und von der Polizei beaufsichtigt. Und Hugo Ball schickte seine Emmy Hennings auch auf den Strich, wenn wieder mal nichts zu essen da war. Aber diese Künstler steckten den Kopf nicht in den Sand, sondern erfanden neue Formen: Aus dem Chaos halb abgesoffener Varieté-Abende erfanden sie Laut- und Simultangedichte, befreiten den Tanz zum Körperausdruck und entwickelten im bildnerischen Bereich Fotomontage, Collage und Readymade. Dazu verwendeten sie das, was ihnen gerade unter die Hände kam: Textschnipsel aus Zeitungen, Abbildungen und Werbeannoncen aus Magazinen sowie Fotos. Wenn es passte, klebte Kurt Schwitters auch Straßenbahn- und andere Tickets ein. Und weil das Drucksachen waren, die aus dem Alltag kamen, bildeten diese Werke en passant ihre Zeit ab, nicht als Darstellungen wie in einem gemalten Bild, sondern durch die Gegenstände, durch die Objekte, die zu Werken arrangiert wurden.

Mit Perspektive, versteht sich: Als Kritik am Militarismus und Nationalismus in Berlin, wo Hannah Höch und Raoul Hausmann die wichtigsten Blätter schufen. Als Kommentar zur parfümierten Warenwelt und zur Kunst des niedergehenden Bürgertums in Zürich, Paris, New York und an anderen Orten des globalen Dada. Was hätte die Kunstproduktion 1917 härter anprangern können als das Urinal, das Marcel Duchamp mit dem Pseudonym R. Mutt signierte und in der New Yorker Kunstausstellung Armory Show als "Fountain" präsentierte?

Nationalstaatliche Grenzen galten den Künstlern als »zoologischer Nationalismus«

Diese Not und Lust, mit den Resten des Alltags zu arbeiten, kann man in den beiden Dada-Ausstellungen erleben, die das Kunsthaus Zürich und das Landesmuseum Zürich zum 100. Geburtstag der historischen Dada-Bewegung eingerichtet haben. Das Kunsthaus hat in mühseliger Kleinarbeit den Almanach rekonstruiert, den Tristan Tzara unter dem Namen "Dadaglobe" zusammenstellen wollte. 50 Künstlerinnen und Künstler hat er um Bildbeiträge, Texte und Fotos angefragt, 40 haben ihm Material zugeschickt. Das Projekt zerschlug sich 1921, als Francis Picabia kein Geld mehr zur Verfügung stellte. Das Material wurde in alle Winde zerstreut, als ein Großteil von Tzaras Nachlass 1968 beim Auktionshaus Kornfeld & Klipstein in Bern versteigert wurde. Die New Yorker Kunsthistorikerin Adrian Sudhalter hat in einer detektivischen Meisterleistung vieles davon aufgespürt und nach Zürich gebracht. Im flachen Saal des grafischen Kabinetts ist die Zettelwirtschaft jetzt zu besichtigen. 104 Nummern zählt die Liste Tzaras in einer Vitrine. Die erste ist ein Simultanporträt, auf dem sich Johannes Baader und Raoul Hausmann aneinander schmiegen, das letzte eine Einsendung von Francis Picabia. Rund 160 Arbeiten sind im Kunsthaus versammelt.

Tanz den Dada
Am 5. Februar 1916 startet in Zürich eine Revolution: Während rundherum der Weltkrieg tobt, rebellieren im »Cabaret Voltaire« Künstler. Die Dada-Bewegung ist geboren – und wird die Kunst für immer ändern. Eine Einführung

Gleich zu Beginn liegt eine Suite des Dada Serienbriefs in einer Vitrine, mit dem Tzara seine Kombattanten um Einsendungen bat, eine Collage Raoul Hausmanns von 1920/1921 thront an der Wand darüber. Darin hat er den Briefkopf "MoUvEmEnT DADA" ebenso verwurstet wie Kurt Schwitters' Aufkleber "Anna Blume", das Logo von Theo van Doesburgs Zeitschrift De Stijl, eine Zugplatzkarte vom Münchner Hauptbahnhof, Tickets, Postkarten und Briefmarken. Die Drucksachen bringen Typografien, Lebenswelten und Orte zusammen. Und sie erinnern obendrein daran, dass nach dem Ersten Weltkrieg der Versailler Vertrag es Deutschen stark erschwerte zu reisen. Der Genfer Völkerbund schrieb den Staaten zur Stärkung der Sicherheit 1919 überdies Visapflicht und Grenzkontrollen vor. Die internationale Künstlerschaft war plötzlich mit nationalstaatlichen Grenzen konfrontiert. Von "zoologischem Nationalismus" schrieb Roman Jakobson. Da waren Postsachen oft die einzige Art der Verbindung.

Und die verschickbare Collage wurde zum Mittel, gesellschaftliche Entwicklungen zu kommentieren. Beispielhaft dafür steht die gerademal postkartengroße Arbeit "Die chinesische Nachtigall" von Max Ernst. Diese erste Collage des Rheinländers überhaupt wurde 1920 durch Dadaglobe angeregt, zwei Jahre später im New Yorker Magazin "Vanity Fair" publiziert und avancierte zu einer Ikone des Surrealismus. Sie benutzt eine englische Fliegerbombe für die Montage einer Frauenfigur, die im Gras auf dem Rücken liegt und mit ihren nackten Armen in die Luft schlägt. Das ist komisch und bitter zugleich, es signalisiert Hilflosigkeit und Bedrohung und wird trotz des winzigen Formats zu einer scharfen Anklage gegen Militarismus und Krieg.

Was ist Dada?
Selbst die Dadaisten wussten nicht, was Dada ist – aber sie weiß es: Hanne Bergius, die führende Spezialistin und Zeitzeugin, erklärt das Phänomen im art-Gespräch

Den Krieg haben die Kuratoren Juri Steiner und Stefan Zweifel als zentralen Bezugspunkt ihrer Ausstellung "Dada universal" im Zürcher Landesmuseum genommen. Vor ihm sind die Dadaisten in die Schweiz geflüchtet, auf seine Sinnlosigkeit wollten sie nur noch mit Paradoxien reagieren. In den Schützengräben der Materialschlachten wurden Maschinen und Menschen gleichermaßen zu objets trouvés reduziert. Die Ausstellung dreht diese Idee des gefundenen Objekts weiter und kombiniert mit Gegenständen aus Kunstgeschichte und Lebenswelt in 18 Vitrinen assoziative Zusammenhänge zu ausgewählten Themen wie Dionysos, Sexualität, Grausamkeit, Tanz oder auch Wilhelm Tell. Die Radfelge, die Marcel Duchamp 1913 auf einen weissen Hocker montiert hat, ist durch die Oberschenkelprothese eines französischen Soldaten aus der Bourbaki-Armee von 1870 ergänzt. Ein Plakat lädt zum "Blindman's Ball" in New York 1917. Und plötzlich wirkt Duchamps epochaler Kunstgriff des Readymade wie eine nützliche, aber doch auch hilflose Prothese in einer beschädigten Welt.

Das negative Prinzip des Dada, das alles in Frage stellt