Eugène Delacroix in London

Der Poet der Malerei

Eugène Delacroix befreite Farbe und Maltechnik von jeglicher Tradition. Wie groß der Einfluss des französischen Spätromantikers auf die Meister der Moderne war, zeigt eine imposante Ausstellung in London
Der Poet der Malerei

Eugène Delacroix: "Selbstporträt", circa 1837, Öl auf Leinwand, 65 x 54,5 cm

Als Eugène Delacroix 1863 starb, trauerte Frankreich um einen hochverehrten Künstler. Sein Begräbnis in Paris fand zwar ohne nationalistischen Pomp und Fanfaren statt, doch die kulturelle Elite der Zeit gab ihm das letzte Geleit. Sie kamen alle, angefangen bei Charles Baudelaire, der den "Poeten der Malerei", wie er ihn nannte, sein Leben lang begeistert gefördert hatte, bis zu Édouard Manet, dem Repräsentanten einer neuen Kunst, die sich Delacroix zum Vorbild nahm.

Sie kamen alle, angefangen bei Charles Baudelaire, der den "Poeten der Malerei", wie er ihn nannte, sein Leben lang begeistert gefördert hatte, bis zu Édouard Manet, dem Repräsentanten einer neuen Kunst, die sich Delacroix zum Vorbild nahm. Und Jahrzehnte später dankte Paul Signac dem toten Kollegen in seinem pointillistischen Manifest dafür, Farbe und malerische Technik von aller Tradition befreit zu haben.

Mehr als 60 Werke hat die National Gallery in London für ihre Sonderausstellung zusammengetragen, mit der sie einen Überblick über das Schaffen des französischen Spätromantikers und Wegbereiters des Impressionismus geben will. Bedeutende Gemälde wie die beiden um 1837 und 1850 entstandenen Selbstporträts, "Die Konvulsionisten von Tanger"(1837/38), das Delacroix nach der für ihn wichtigen Reise nach Marokko malte, und auch die wilde Darstellung einer "Löwenjagd" (1861) sind zu sehen.

Ein Höhepunkt der Schau ist eine Kopie seines berühmten großformatigen Gemäldes "Der Tod des Sardanapal", die er 1846 für sich selbst malte, nachdem es ihm gelungen war, das umstrittene Werk endlich zu verkaufen. Doch versammelt die Ausstellung nicht nur Werke von Delacroix selbst. Sie stellt vielmehr die Arbeiten des richtungsweisenden Malers denen nachfolgender Künstler gegenüber, die sich direkt oder indirekt auf ihn berufen. "Wir alle nutzen Delacroix’ Sprache", schrieb Paul Cézanne, dessen Gemälde "Die Apotheose von Delacroix" (1890/94) ebenso den Einfluss des älteren Kollegen zeigt wie die "Studie für Luxus, Stille und Begierde" (1904) von Henri Matisse oder Vincent van Goghs "Pietà" (1889). Den Schlusspunkt der gemeinsam mit dem Minneapolis Institute of Art organisierten Schau setzt die Studie für "Improvisation V" (1910) von Wassily Kandinsky. Sie spannt einen Bogen von Delacroix’ revolutionärer Kunst im 19. Jahrhundert zur beginnenden Abstraktion des 20. Jahrhunderts.

Delacroix and the Rise of Modern Art

Die Ausstellung läuft vom 17. Februar bis zum 22. Mai 2016 in der National Gallery in London.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog zum Preis von 19,95 Pfund.