Hieronymus Bosch in 's-Hertogenbosch

Bosch zum Berauschen

Warum können wir uns an Hieronymus Boschs Gemälden auch 500 Jahre nach seinem Tod nicht satt sehen? Warum gehen uns seine überdrehten Stürze in eine dunkle Welt so nah? Eine überwältigende Jubiläumsschau im Het Noordbrabants Museum in Boschs Heimatstadt 's-Hertogenbosch verträgt das Spektakel und gibt aktuelle Antworten.
bosch-garten-luste-detail

Hieronymus Bosch: "Der Garten der Lüste", Detail, um 1503

Dieser Zeichnung am Übergang zum 16. Jahrhundert könnte auch ein Edward Snowden etwas abgewinnen. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Sommerlandschaft mit einem abgestorbenen Baumstumpf in der Mitte, beunruhigt schnell mit dem Auftritt seltsam deplatzierter Körperteile. Übergroße Ohren horchen den Betrachter aus dem Dickicht heraus ab. Der Boden ist mit Augen angereichert, die das Gegenüber neugierig anstarren.

Aber "Das Feld hat Augen und der Wald hat Ohren", so der Titel der Zeichnung, hat noch mehr zu bieten. Eine Eule späht aus der Baumhöhle, der Fähigkeiten ihrer Pars-pro-toto-Mitarbeiter gewiss. Wer weiß, über welche brisanten Informationen sie bereits verfügt? Man sollte sich vor dieser großen Schwester in Acht nehmen. Sie schaut uns aus einer gar nicht so fernen Vergangenheit an und warnt davor, allzu leichtfertig persönliche Geheimnisse preiszugeben.

Unter den 17 gezeigten Gemälden von Hieronymus Bosch befindet sich auch das Triyptchon "Der Heuwagen"

In den angenehm verdunkelten Räumen des Noordbrabants Museum taucht die Eule immer wieder auf. Als Maskottchen eines Meisters, der sich der Manie für brave Heiligenbilder, die seine Zeit prägte, kreativ entzog. Hieronymus Bosch befriedigte sie einerseits, schleuste aber auch immer wieder süß-saure Irritationen ein, die es bis heute ungläubig zu schlucken gilt. Offenbar mit reichlich Angstlust: 90 000 Karten haben sich bereits vor der Vernissage verkauft. Die Eröffnungsfeier geht in Gegenwart des niederländischen Königs Willem-Alexander über die Bühne. In der ganzen Stadt wimmelt es vor Bosch-Devotionalien.

Verständlich: Von den nur etwa 45 erhaltenen Werken des großen Malers der Renaissance haben 17 Gemälde und 19 Zeichnungen jetzt den Weg zurück an den Ort ihres Entstehens gefunden – inklusive dem Triptychon "Der Heuwagen" und einer wissenschaftlich fundierten Neuentdeckung des Gemäldes "Die Versuchung des heiligen Antonius": Flankiert werden die Gemälde und Triptychen Hieronymus Boschs von Schülern und Nachahmern, die der unverwechselbaren Marke auch in der nächsten Generation treu blieben. Etwa mit dem amüsanten Gruppenbild "Der Gaukler", das eine variierte Form des "Antanzens" zum Besten gibt. Während ein Betrüger vor einer Menschenmenge einen Trick vorführt, lenkt ein Junge das Opfer ab und ein zweiter Komplize greift zeitgleich hinter dessen Rücken nach der Geldbörse.

20-hieronymus-bosch-gaukler

Hieronymus Bosch: "Der Gaukler", um 1502

Da wirkt Boschs Insekt mit den menschlichen Händen und dem Gesicht eines Gelehrten geradezu harmlos. Selbst in dieser heiklen Situation behält es seine Brille auf. Ist da etwa ein Klon-Experiment schiefgegangen? Die Mutante hat sich dezent neben den Apostel Johannes gehockt und lauscht dem Gespräch mit Jungfrau Maria. Manch ein Spezialist meint in dem melancholischen Gesicht ein Selbstporträt von Hieronymus Bosch zu erkennen. Ein famoser Eye-Catcher ist das winzige Männchen allemal.

Aber warum zeigt ein Gemälde mit dem Titel "Das Steinschneiden" einen Menschenversuch? Ein Mann, körperlich unversehrt, lässt sich von einem Arzt mit einem Trichter auf dem Kopf sein Gehirn operieren. Umringt ist er von einem zwielichtigen Paar mit Trinkkanne und Buch auf dem Kopf. Ist der Patient wahnsinnig, einfältig oder nur gutgläubig? Immerhin trägt sein heilender Peiniger einen dicken Geldbeutel am Gürtel. Sind hier nur Scharlatane oder gar Populisten am Werk, die sich buchstäblich am Denkvermögen des Volkes vergreifen?

Lassen sich in Hieronymus Boschs “Garten der Lüste“ bereits dunkelhäutige Einwanderer ausmachen?

Andere höhnisch grinsende Gestalten sind da weniger zimperlich. Sie pferchen ihre Zeitgenossen in Tonnen ein, funktionieren ihre Körper zu Klöppeln um und denken sich allerlei Folterpraktiken aus. Sogar Tiere finden ihr Ende am Galgen. Hat nicht Donald Trump zuletzt im US-Wahlkampf halluziniert, "höllisch schlimmere" Methoden als das Waterboarding anwenden zu wollen? Ob er sich damit anschlussfähig an Assads Folter-Regime zeigen möchte?

Ausgeforscht:internationales Forscherteam untersucht das Gesamtwerk
Ein internationales Forscherteam untersucht das Gesamtwerk von Hieronymus Bosch in allen Details

Eigentlich verwunderlich, dass Bosch es in seiner eigenen infernalischen Endzeit schaffte, dem Randphänomen der Bettler ganze Studien zu widmen. Und siehe da, auch diese bemitleidenwerten Gestalten mit ihrem tradierten Gestenreservoir erkennt man wieder, aus den Durchgangszonen unserer Großstädte. Für die immer gleichen Rätsel des Daseins hat Bosch natürlich auch eine hedonistische Antwort parat. In seinem “Garten der Lüste“ lassen sich auf der MItteltafel zwischen den ausgelassen feiernden Nackten bereits dunkelhäutige Einwanderer ausmachen. Man treibt Sport, hält Figur (Dicke glänzen im Gegensatz zu anderen Bildern durch Abwesenheit), frönt den Verlockungen des Sexus und lässt sich von Vögeln mit exotischen Früchten füttern.

Welche Drogen Bosch, der seine Heimat kaum verließ, zu diesen eskapistischen Visionen verholfen haben, ist nicht bekannt. Aus der Hommage an den überschäumenden Demaskierer der Conditio humana kommt man jedenfalls berauscht hinaus und allzeit bereit für den nächsten Tanz auf dem Vulkan. Die große Messlatte dieses nordbrabantischen Blockbusters dürfte lange nicht übertroffen werden.