Kunst und Architektur des Klassizismus

Crashkurs Klassizismus

Die zentralen Merkmale und künstlerischen Umbrüche des der Epoche im Überblick. Unser Schnellkurs zur Malerei und Architektur des Klassiszismus mit den wichtigsten Kunstwerken und Künstlern von Jacques-Louis David und Jean-Dominique Ingres bis Angelika Kauffmann und Johann Heinrich Wilhelm Tischbein.
Crashkurs Klassizismus

Jacques-Louis David: "Der Tod des Marat", 1793

Jacques Necker muss unter seiner gepuderten Perücke schlohweiße Haare bekommen haben, als der Finanzminister Ludwigs XVI. sich den maroden Staatshaushalt vorknöpfte und seinem Dienstherren mitteilen musste, dass der französische Staat zielsicher in den Bankrott steuerte. Während der Adel, der von der Steuer befreit war, im Luxus schwelgte, ächzte der dritte Stand, der 98 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte, unter der Last der Abgaben. Denn der dritte Stand hatte zwar kein Mitspracherecht in der Politik, musste aber für die gesamte Staatsfinanzierung aufkommen. Revolution lag in der Luft. Was sich auch in der Bildenden Kunst niederschlug. Plötzlich muss die luftig-heitere Scheinwelt des Rokoko wie ein Anachronismus gewirkt haben.

Nach 1750 "signalisiert der Klassizismus auch ein Krisenbewusstsein, das auf die kaum noch zu kontrollierenden Formexzesse des Rokoko reagiert", schreibt Andreas Beyer, Ordinarius für Kunstgeschichte der Neuzeit an der Universität Basel. Der Klassizismus suche "in der irritierenden Vielheit der vorgängiger Perioden nach einem verlässlichen, eindeutigen Habitus". Den fanden die Maler wieder in der klassischen Antike und orientierten sich auch an der Malerei der Renaissance.

Rückkehr zu Antike und Renaissance

Einer der Pioniere dieser neuen Malerei war Jacques-Louis David (1748 bis 1825). Er hatte 1777 das begehrte mehrjährige Stipendium des Prix de Rome erhalten und studierte in Italien nicht nur die Kunst von Raffael und Michelangelo, sondern holte sich auch Inspiration bei den Wandmalereien von Pompeji und Herculaneum. Zum Schlüsselwerk des Klassizismus wurde sein Monumentalgemälde "Der Schwur der Horatier" (330 × 425 cm, Louvre Paris).

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Jacques-Louis David: "Der Schwur der Horatier", 1784, Öl auf Leinwand, 330 × 425 cm

Es zeigt die Drillinge aus dem noblen römischen Geschlecht der Horatier, die sich im Kampf um die Stadt Alba geopfert haben sollen. Im vorrevolutionären Frankreich wurde das als Metapher für den Kampf des Volkes gegen die absoluten Herrscher verstanden, weshalb nicht nur die Künstler, Liebhaber und Kenner, sondern "selbst das Volk … truppweise vom Morgen bis zum Abend" in den "Salon" strömte, wie der "Teutsche Merkur" im August 1785 berichtete. David hat das Gemälde wie eine Bühnenhandlung aufgebaut, die handelnden Personen heben sich dramatisch vom düsteren Grund ab. Die Komposition ist straff gegliedert, neu ist die Betonung der Linie.

Die Dominanz der Linie als Gerüst für die Malerei

Davids berühmtestes Gemälde bezog sich auf eine tatsächliche Begebenheit: "Der Tod des Marat" (1793, Königliche Museen der Schönen Künste Brüssel) zeigt die Ermordung des Revolutionsführers Jean Paul Marat durch seine Gegnerin Charlotte Corday – sie erstach ihn 1793 in der Badewanne.

Jean-Dominique Ingres (1780 bis 1867) erzielte mit seinem Klassizusmus postum einen überraschenden Erfolg im "Salon" des Jahres 1905. Dort zelebrierten die Fauves den Aufbruch in die Moderne – und ihre Präsentation wurde durch eine Werkschau von Ingres flankiert: Er war für diese junge Generation von Malern Anreger und Vorbild geworden. Seine durch unzählige Vorstudien festgelegten Kompositionen ("Das türkische Bad", 1862, Louvre) und die Dominanz der Linie als Gerüst für die Malerei, waren für sie ein Lehrstück in Sachen Kunst.

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Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: "Goethe in der Campagna", 1787, Öl auf Leinwand, 164 x 206 cm

Edle Einfalt und stille Größe

Der deutsche Archäologe Johann Joachim Winckelmann (1717 bis 1768) schrieb in seiner Schrift "Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" (1755) den legendäre Satz nieder, den heute jeder Oberklässler kennt und als Leitmotiv des Klassizismus gilt: "Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der Griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdruck." Zu den wichtigsten Künstlern im deutschsprachigen Raum gehörte Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 bis 1829), der auch den Beinamen Goethe-Tischbein trägt: Sein berühmtestes Gemälde zeigt den Dichter Johann Wolfgang Goethe in einem weißen Umhang, hingestreckt auf antiken Ruinen, den Blick sinnend in die Ferne gerichtet ("Goethe in der Campagna", 1787, Städelmuseum Fankfurt/Main). außerdem die schweizerisch-österreichische Malerin Angelika Kauffmann (1741 bis 1807), die als Wunderkind schon früh malte und mit Porträts, Selbstbildnissen, Allegorien, Historienbildern, mythologische und religiöse Darstellungen reüssierte und von Goethe als "ein Weib von ungeheurem Talent" bezeichnet wurde.

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Zeitraum:

Das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert (etwa zwischen 1770 und 1830) gelten als Hochphase des Klassizismus. Allerdings gibt es schon vorher – etwa in der Architektur Palladios – immer wieder klassizistische Strömungen. Und auch im späten 19. und im 20. Jahrhundert gibt es noch anhaltende Tendenzen.
 

Merkmale:

Kennzeichnend für den Klassizismus ist vor allem die Rückkehr zu den klassischen antiken Formen, die gegenüber Barock und Rokoko geradlinig und klar erscheinen. Johann Joachim Winckelmann spricht von "edler Einfalt" und "stiller Größe". In der Architektur führt das zu Bauwerken, denen schlichte geometrischen Grundformen und strenge Symmetrie zugrunde liegen. Der repräsentative Charakter von Kirchen, Palästen, Triumphbögen und Museen, steht im Klassizismus oft vor dem praktischen Nutzen eines Gebäudes.

In der Malerei kehren straff gegliederte Kompositionen zurück. Neu ist auch die Betonung der Linie mit nun klar abgegrenzten Farben. Häufige Motive sind dabei Porträts und Allegorien aus der Mythologie der römischen und griechischen Antike.
 

Berühmte Künstler:

  • Angelika Kauffmann (1741 bis 1807)
  • Jacques-Louis David (1748 bis 1825)
  • Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 bis 1829)
  • Antonio Canova (1757 bis 1822)
  • Bertel Thorvaldsen (1770 bis 1844)
  • Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780 bis 1867)
  • Jean-Léon Gérôme (1824 bis 1904)
  • Anselm Feuerbach (1829 bis 1880)


Wichtige Kunstwerke:

  • "Theseus als Sieger über den Minotaurus", 1782,
    von Antonio Canova
  • "Der Schwur der Horatier", 1784, 
    von Jacques-Louis David
  • "Goethe in der Campagna", 1787,
    von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein
  • "Selbstbildnis mit Tochter Jeanne Julie Louise", 1789,
    von Marie Louise Élisabeth Vigée-Lebrun
  • "Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Musik
    und Malerei", 1792, von Angelika Kaufmann
  • "Der Tod des Marat", 1793, von Jacques-Louis David
  • Die Prinzessinengruppe, 1797,
    von Johann Gottfried Schadow
  • "Napoleon I. auf seinem kaiserlichen Thron", 1806,
    von Jean-Auguste-Dominique Ingres


Wichtige Bauwerke:

  • Marmorpalais in Potsdam (1787 und 1792)
  • Brandenburger Tor in Berlin (1788 bis 1791)
  • Kapitol in Washington (1793 bis 1823)
  • Arc de Triomphe in Paris (1806 bis 1836)
  • Königsplatz mit Glyptothek (1816–1830) und
    Propyläen (1848–1862) in München
  • Altes Museum in Berlin (1825 bis 1830)
     

Wichtige Architekten:

  • Ange-Jacques Gabriel (1698 bis 1782)
  • James Stuart (1713 bis 1788)
  • Pierre Charles L’Enfant (1754 bis 1825)
  • Karl Friedrich Schinkel (1781 bis 1841)
  • Leo von Klenze (1784 bis 1864)
  • Gottfried Semper (1803 bis 1879)