Das Künstlerdorf von George Frederic Watts

Ein Dorf wie Gottes Ländereien

George Frederic Watts gehörte zu den berühmtesten Künstlern seiner Zeit – bekannt für klassizistische Skulpturen sowie Allegorien- und Historienbilder im Stile italienischer Meister. Um sein Landhaus vor den Toren Londons wuchs im ausgehenden 19. Jahrhundert ein wahres Künstlerdorf, wo vor allem seine zweite Frau – Mary Watts – von Jugendstil und Reformbewegung inspirierte Ideen verwirklichte. Viele Gebäude und Werke sind dort heute wieder zu besichtigen.
Ein Dorf wie Gottes Ländereien

Karte des Künstlerdorfes, illustriert 2015 von Donna Scott

"Ich möchte, dass Compton zu einem Beispiel dafür wird, wie Gottes Ländereien aussehen könnten", schrieb Mary Watts am 23. Februar 1906 in ihr Tagebuch. In den 15 Jahren davor hatte die zweite Frau des viktorianischen Malers George Frederic Watts am Rand des Dorfes Compton in der südenglischen Grafschaft Surrey eine ganz eigene Welt geschaffen: eine Art Künstlerdorf, mit einer Galerie für die Werke ihres Mannes, einer Töpferei und Tonbrennerei sowie einer von ihr selbst entworfenen und gestalteten Friedhofskappelle. Als die eminente Sozialreformerin Henrietta Barnett das Ehepaar in Compton besuchte, schwärmte sie von der "künstlerischen und kreativen Atmosphäre" des Orts.

Das Künstlerdorf begann 1891 mit dem Bau ihres Hauses Limnerslease. Watts, der bekannteste und erfolgreichste englische Maler seiner Zeit, der als junger Künstler noch gemeinsam mit Turner und Constable ausgestellt hatte, wollte in den Wintermonaten dem Londoner Wetter und den bösen Zungen des Kunstbetriebs entfliehen und fand ein Grundstück auf einem Hügel am Dorfrand von Compton. Mary übernahm die Sache und beauftragte den damals angesagtesten Architekten Ernest George, ihnen ein typisches Fachwerkhaus im Stil der Arts and Crafts Bewegung zu bauen. Im Ostflügel waren zwei Ateliers untergebracht - ein großes für ihn und ein kleineres für sie, denn auch sie war Künstlerin.

Ein Dorf wie Gottes Ländereien

Mary und George Frederic hatten 1886 geheiratet. Es war seine zweite Ehe, die erste mit der 17-jährigen Schauspielerin Ellen Terry war nach etwas mehr als einem Jahr in die Brüche gegangen. Auch Mary war sehr viel jünger als er - sie war 37, er fast 70. Sie hatte an der Slade School of Art studiert, wie er war sie Malerin und Bildhauerin, Sie bewunderte den großen Mann, Schöpfer vor allem allegorischer Darstellungen, und war begeistert, als sie ihm ihre Arbeiten zeigen durfte. Er nahm sie unter seine Fittiche, doch nach der Hochzeit gab sie die Kunst auf und konzentrierte sich ganz auf ihn. Erst nach dem Bau des Hauses Limnerslease wurde sie wieder künstlerisch tätig, nun in den Bereichen Design und Architektur.

Die Töpferwerkstatt im Dorf – eine wahre Jugendstilorgie

Am Fuß des Hügels, auf dem ihr Haus steht, entstand nach und nach Marys Künstlerdorf. 1895 stiftete Watts dem Dorf eine von Mary entworfene Friedhofskappelle, einen kreuzförmigen Bau aus Backstein mit einem achteckigen Innenraum. Hier setzte sie erneut ihre philanthropischen und sozialreformerischen Ideen um, die sie schon vor ihrer Hochzeit im Londoner Armenviertel East End verwirklich hatte, indem sie Schuhputzern das Töpfern beibrachte. Sie überzeugte die Dorfbewohner von Compton, die Kapelle unter ihrer Leitung mit den eigenen Händen zu errichten. Sie baute eine Töpferwerkstatt mit Brennofen, dort stellten die Dörfler nach ihren Entwürfen Tonkacheln für die Aussenwände her, den Innenraum schmücken bemalte Gipspaneele, auch sie das Werk der Amateure - eine wahre Jugendstilorgie.

Ein Dorf wie Gottes Ländereien

Für Mary Watts war die Zusammenarbeit mit ihren Nachbarn ein solcher Erfolg, dass sie die Töpferwerkstatt zu einer professionellen Töpferei ausbaute. Dort ließ sie von ihren Amateuren vor allem Tonvasen und -urnen für den Garten herstellen, die sie in London, unter anderem im Nobelkaufhaus Liberty's, verkaufte. Die Werkstatt bestand bis Ende der Fünfzigerjahre. 1903 folgte dann Marys nächstes Projekt, der Bau einer Galerie für die Bilder ihres Mannes. Watts hatte schon neben seinem Londoner Atelier eine Galerie für seine Werke bauen lassen, zu der die Öffentlichkeit jedes Wochenende kostenlos Zutritt hatte, ganz im Sinne seiner Überzeugung, dass Kunst ein möglichst breites Publikum erreichen sollte.

Am Gemälde "The Court of Death" arbeitete Watts mehr als 30 Jahre lang

Das Künstlerdorf mitten im Wald ist schon seit langem ein Anziehungspunkt für Freunde früher englischer Jugendstilarchitektur. Doch nun gelang es der Stiftung, die es verwaltet, Haus Limnerslease dazu zu kaufen, das nach Marys Tod 1938 in private Hände gefallen war. In einer ersten Renovierungsphase wurden die beiden Ateliers im Ostflügel wieder zum Leben erweckt. Marys Studio, wo unter anderem die Gipspaneele für die Kappelle entstanden, ist eher bescheiden, das des großen Meisters dagegen gewaltig. Das große Atelierfenster zeigt nicht, wie üblich, nach Norden, sondern nach Süden. Da er hier meist nur im Winter und nie vom Modell arbeitete, brauchte er kein den ganzen Tag gleich bleibendes Nordlicht.

Höhepunkt des Ateliers ist sein gewaltiges Gemälde "The Court of Death", an dem er mehr als 30 Jahre lang arbeitete. Um Jeden Winkel der vier mal drei Meter großen Leinwand erreichen zu können, ließ er an der Stirnwand des Ateliers einen Flaschenzug bauen sowie im Fußboden eine Falltür, durch die das Gemälde versenkt werden konnte. GF Watts starb 1904 im Alter von 87 Jahren und wurde im Dorffriedhof beigesetzt, neben der von seiner Frau gestalteten Kappelle.

Watts Gallery – Artists' Village

Dorf und Galerie befinden sich in Compton bei Guildford. Öffnungszeiten und ANfahrtswege finden Sie auf der verlinkten Website.