Die Geschichte des Dadaismus

Tanz den Dada

Am 5. Februar 1916 startet in Zürich eine Revolution: Während rundherum der Weltkrieg tobt, rebellieren im »Cabaret Voltaire« Künstler mit absurden Masken, Tanz und Nonsens-Gedichten gegen die biedere Gesellschaft. Die Dada-Bewegung ist geboren – und wird die Kunst für immer ändern.
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Fragen an Dada: Die Berliner Dadaisten parodieren die allgemeine Verwirrung über den Begriff Dada.

Trommeln sorgen für ohrenbetäubenden Lärm. Die Gedichte, die dazwischen vorgetragen werden, kann man kaum verstehen. Dann tritt ein russisches Balalaika-Orchester auf. An den Wänden hängen Grafiken von Picasso und Plakate der Futuristen. Am Klavier wird Musik von Debussy und Brahms gespielt. "Negertänze" werden auf die Bühne gestampft, dissonante Rhythmen erschüttern den Saal. Das Publikum johlt. Die Studenten, Nachtschwärmer und Dandys wollen Bier und Unterhaltung und erwarten vor allem Frauenbeine. Wenn die Stimmung umzuschlagen droht, betritt eine morphinbleiche junge Frau die Bühne und beginnt mit ihrer zarten Stimme Chansons und Lieder zu singen. Ihre Zerbrechlichkeit schlägt alle in ihren Bann und schafft augenblicklich Ruhe.

Als das "Cabaret Voltaire" am 5. Februar 1916 seine Türen öffnet, bietet es sich dem Publikum als eine Plattform für alle und alles. Hugo Ball will ein "Nebeneinander der Möglichkeiten, der Individuen, der Anschauungen" und schreibt programmatisch: "Willkommen sollen alle sein, die etwas leisten." Seine Partnerin, die Diseuse Emmy Hennings, schickt einen Hilferuf an einen Freund in München: "Wenn Du einige junge Leute weisst, die nach Zürich kommen oder hier sind, welche Lust haben, im Cabaret mitzuwirken, dann teile es bitte mit."

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Die beiden sind im Mai 1915 in die Schweiz gekommen, haben sich mit acht Stunden Klavierspiel am Tag und billigen Tanzauftritten in anspruchslosen Cabarets durchgeschlagen. "Man lebt in Zürich", schreibt Ball, "ländlich unter Morphinisten. Viele Franzosen gibt es. Die Soldaten in ihren schwarzen Tschakos, schwarzer Uniform und roten Achselaufschlägen erinnern an deutsche Feuerwehr. Cabaret Bonbonnière liegt im Mittelpunkte der Stadt, nahe dem Hauptbahnhof. Café de Banques hat eine saftige Kapelle. Die Primgeige stammt aus Moabit, das Cello aus Lyon. Der Flügelmann ist Mexikaner. Im Kabarett tritt auf: Emmy Hennings: Grüne Joppe, schwarze Satinhosen, blonder Schopf." Sie bessert das knappe Einkommen durch Gelegenheitsprostitution auf, wie die Polizei vermerkt. Nun wollen beide endlich etwas machen, das ihren künstlerischen Ambitionen entspricht.

An der Spiegelgasse im Niederdorf, dem Zürcher Vergnügungsviertel, steht ein Saal mit 50 Plätzen leer. Er gehört zum Weinlokal Meierei und hat kurz zuvor schon ein Cabaret, das "Pantagruel", beherbergt. Der Wirt, ein ehemaliger holländischer Seemann, erwirkt bei der Polizei eine Bewilligung. Er schreibt an deren Vorstand: "Eine Gesellschaft junger Künstler und Literaten beabsichtigt unter dem Namen 'Künstlerkneipe Meierei' einen Sammelpunkt künstlerischer Unterhaltung und geistigen Austauschs zu schaffen. Sie möchten in diesem Saale aus ihren eigenen Werken vorlesen, zur gegenseitigen Unterhaltung beitragende Vorträge veranstalten, kurz: einen Treffpunkt des künstlerisch interessierten Publikums Zürichs einrichten." Die Polizei erteilt die Genehmigung "auf Zusehen hin" und zieht sie auch nicht zurück, als die Betreiber mehr anbieten als "spontane Vorträge" und dafür Eintritt verlangen, was untersagt war.

Das Cabaret Voltaire wird im kriegsverschonten Zürich zum Treffpunkt einer anarchistischen Boheme

Zu Hugo Ball und Emmy Hennings gesellen sich bald weitere Emigranten hinzu: Der Medizinstudent Richard Huelsenbeck kommt aus Berlin, den Rumänen Tristan Tzara hat sein Vater zum Studium nach Zürich geschickt, Hans Arp lernt in der Galerie Tanner, einem der Orte für moderne Kunst, Sophie Taeuber kennen. Dazu kommen Marcel Janco und der Schweizer Musiker Hans Heusser. Walter Serner ist bereits da. Sie bilden die Kerntruppe, um welche laufend weitere Gäste schillern. Gelegentlich schaut Picabia vorbei, der auf seinen vielen Reisen zu einem wichtigen Verbreiter der neuen Richtung wird. Während in Verdun und an der Somme 1916 eine Million Soldaten fallen, wird das "Cabaret Voltaire" im kriegsverschonten Zürich zum Treffpunkt der Emigranten einer anarchistischen Boheme, die sich bald als Dadaisten bezeichnen.

Außer freitags bieten sie allabendlich ein buntes Programm. Sie lesen Texte von so unterschiedlichen Autoren wie Voltaire und Wedekind sowie Gedichte von Arthur Rimbaud und Georg Herwegh. Es gibt kurze, bruchstückhafte Vorträge und bizarre Statements. Die Musik reicht fast von der mittelalterlichen Kirchenmusik bis zu atonalen Dissonanzen. Tzara, Janco und Huelsenbeck tragen gleichzeitig sogenannte Simultangedichte vor, die kein Mensch versteht. Es gibt "Negertänze" und "Negermusik". Janco kommt eines Tages mit Masken vorbei, mit denen die Akteure ihre Bewegungen verändern. Im Frühsommer betritt Hugo Ball in einem kubistischen Bischofs-Outfit aus Karton die Bühne und trägt eines seiner Lautgedichte vor: "gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori". Es gibt Soireen für die Russen und Schweizer. Als Rudolf von Laban in Zürich eine Tanzschule eröffnet, machen seine Girls den Ausdruckstanz zu einem wesentlichen Merkmal der Abende im "Cabaret Voltaire". Die Unmittelbarkeit, die Direktheit des körperlichen Ausdrucks, die Übertreibung, die Suche nach dem Einfachen und Ursprünglichen fanden sich in den Bildcollagen der Künstler ebenso wie in Balls Lautgedichten und in den Tänzen von Mary Wigman, Suzanne Perrottet und Sophie Taeuber.

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Das Cabaret Voltaire: die Geburtsstätte der Dada-Bewegung in der Zürcher Spigelgasse

Die Auftritte leben vom Individualismus. Politik bleibt außen vor

Es ging um ein Aufbrechen überkommener Formen und die Suche nach einer neuen Grammatik. Über Taeubers Tanz zu der Lautfolge "Gesang der Flugfische und Seepferdchen" schrieb Ball: "Es war ein Tanz voller Spitzen und Gräten, voller flirrender Sonne und Glast und von schneidender Schärfe. Die Linien ersplittern an ihrem Körper. Jede Geste ist hundertmal gegliedert, scharf, hell, spitz." Die Auftritte leben von einem anarchischen Individualismus. Politik bleibt außen vor.

Hugo Ball hat nur während der ersten Monate in Zürich dem Kreis um den Sozialisten Fritz Brupbacher angehört und für dessen Zeitung "Revoluzzer" geschrieben. Bald geht er auf Distanz. Während draußen die Zürcher wegen Wahlen demonstrieren, feiert man im "Cabaret Voltaire" ein Faschingsfest. Und "den Zug der Maifeier liessen wir unten am 'Grand Hotel Metaphysik' vorbeidefilieren", schreibt er in seinem Tagebuch "Die Flucht aus der Zeit" über die Veranstaltungen des "Cabaret Voltaire". Das hat einmal mit der alltäglichen Situation der Migranten zu tun. Sie haben kaum Geld, sind Außenseiter und nur selten von der Bevölkerung geschätzt.

Ein Kabarett gegen den Krieg und die Vaterländer

Die Künstler werden von der Fremdenpolizei argwöhnisch beobachtet und stehen unter Verdacht, bolschewistische Agitation zu betreiben. Hugo Ball sitzt wegen falscher Papiere über eine Woche im Gefängnis. Emmy Hennings wird die Ausweisung angedroht. Tzara entzieht sich der Rekrutierung, indem er vor den Ärzten des Musterungsausschusses den Verrückten spielt. Sophie Taeuber trägt bei ihren Tänzen auch deshalb Masken, weil sie sonst die Entlassung als Lehrerin an der Zürcher Kunstgewerbeschule befürchten muss. Und von diesem Lohn leben sie und Hans Arp vor allem.

Es ist aber nicht nur die pragmatische Vorsicht der Emigranten, die Distanz zur Politik entspricht auch der Haltung der Künstler. Sie reagieren auf den Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft und auf den Bankrott ihrer Werte. Der Krieg ist für sie nur die Konsequenz von Nationalismus und kulturellem Niedergang. Während manche von ihm anfangs eine grundlegende Reinigung erhofften, sind die Illusionen schnell verflogen. Walter Serner bezeichnet die Erde als "Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und Gauguins geschätzt werden". Einige Emigranten waren an der Front, alle lehnen den Nationalismus in Europa ab und verbünden sich gegen den Krieg. Bereits in der ersten Publikation, der Anthologie Cabaret Voltaire, hieß es 1916: "Das kleine Heft soll die Aktivität und die Interessen des Cabarets bezeichnen, dessen ganze Absicht darauf gerichtet ist, über den Krieg und die Vaterländer hinweg an die wenigen Unabhängigen zu erinnern, die anderen Idealen leben." Absetzen wollten sich die Akteure gegen rechts wie gegen links.

Nichts darf fest sein, alles muss sich ständig verändern können

Sie wollten das Alte zerstören und alle vitalen neuen Impulse miteinander verbinden. In dieser Melange fand alles Platz: Literatur, Musik, Tanz und bildende Künste jeder Richtung. Zeitschriften, Flugblätter, Aktionen, Kongresse und Skandale. Vor allem aber das Kabarett. In seinen kurzen Formen wurden Bühne und Publikum kurzgeschlossen, Kneipe und Gasse mit einbezogen. Es war eine Ästhetik des kalten Büffets, des Gemischtwarenladens, ein Synkretismus aller Positionen. Die Neugeburt der Kunst aus dem Geist des Tingeltangel. "Die Bildungs- und Kunstideale als Varieté-Programm – das ist unsere Art von 'Candide' gegen die Zeit", notiert Hugo Ball in sein Tagebuch. Es geht darum, den Bürger zu erschrecken und sich selbst Freiheit zu verschaffen. Dazu braucht man keine Meisterwerke, sondern eine Kunst der kleinen Form. Mit ihr werden künstlerische Konventionen parodiert, Ideale respektlos behandelt, die Betrachter und Zuhörer verunsichert und provoziert. Universale Heiterkeit, das verneinende Lachen Nietzsches geben die Haltung vor. Improvisation, Spontaneität und schier endlose Beweglichkeit setzen den Takt. Nichts darf fest sein, alles muss sich ständig verändern können. Das Paradoxon aus Ja und Nein ist die höchste Daseinsstufe. "Dada ist das Chaos, aus dem sich tausend Ordnungen erheben, die sich wieder zum Chaos Dada verschlingen", zitiert Richard Huelsenbeck 1920 in seinem Dada Almanach eine Erklärung des Clubs Dada.

Dada ist der Name, den die Künstler vom "Cabaret Voltaire" sich bald geben und in der Anthologie Cabaret Voltaire im Frühsommer 1916 publik machen. Er passt wie keiner sonst zu der neuen Bewegung. Über seine Entstehung und seine Schöpfer kursieren schon bald zahllose Versionen. Die lustigste ist wohl diejenige von Tristan Tzara: "Ich sass im Café 'Wolf' im Limmatquai und ass Nudelsuppe. In diesem Augenblick stürzte ein längst gesuchter Raubmörder in das Lokal und eilte zum hinteren Ausgang wieder hinaus, bevor die ihm knapp nachfolgende Polizei ihn sehen konnte. Als Augenzeuge wollte ich – mit der einen Hand nach der hinteren Tür zeigend – die Fluchtrichtung weisen, doch vor Erregung konnte ich aus meinem noch mit Nudeln verstopfen Mund nur das Wort 'Dada, da-da' lallen. Das grosse Wort war geboren." Die plausibelste Erklärung stammt von Hugo Ball. Er reklamiert es für sich und führt im Tagebuch eine lexikalische Fülle von Bedeutungen an: "Dada heisst im Rumänischen Ja, Ja, im Französischen Hotto- oder Steckenpferd. Für Deutsche ist es ein Signum alberner Naivität und zeugungsfroher Verbundenheit mit dem Kinderwagen." Selbst Lenin wird als Geburtshelfer herangezogen. Nach einer Studie von Dominique Noguez hat der Russe nicht nur ein paar Hausnummern weiter über seiner Revolution gebrütet, sondern abends regelmäßig die Vorstellungen im "Cabaret Voltaire" aufgesucht, kräftig getrunken, mitgesungen und bejahend das russische "Da, da" gerufen. Sogar ein Gedicht soll er verfasst haben. Wie immer man dazu stehen mag, wird man die bolschewistische Revolution kaum als Ausgeburt dadaistischer Chaoslust bezeichnen wollen.

DADA hatte einen eingängigen Klang, war international und eine Leerformel, die man befüllen konnte

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Das Wort hatte einen eingängigen Klang, war international und eine Leerformel, die man mit allen Bedeutungen füllen konnte. Dass es überdies schon als Markenname für Lilienmilchseife und Haarwasser der Zürcher Parfümeriefirma Bergmann & Co. existierte, passte bestens dazu, dass die Dadaisten, allen voran Tristan Tzara, als erste die Formen und Strategien der Werbung und der Presse übernahmen, in der die Annoncen erschienen. Sie haben es wie keine andere Kunstrichtung verstanden, in zahllosen Anzeigen und Zeitungsenten die Aufmerksamkeit hochzuhalten. In seiner "Chronique Zurichoise 1915 – 1919" zählt Tzara 8590 Zeitungsartikel. Die grafische Gestaltung wirkt mit ihren aufgebrochenen Wörtern, den Typografien und ihrer freien Seitengestaltung bis heute nach.

Nach fünf Monaten schließt das "Cabaret Voltaire" seine Tore. Die Akteure sind dem Zusammenbruch nahe. Hugo Ball zieht mit Emmy Hennings ins Tessin. Die Revolution der Kunst auf der Brettl-Bühne ist geschafft. Doch die Dadaisten machen natürlich weiter. Sie feiern ihre Soireen und starten eine Galerie. Im gediegenen Sprüngli-Haus an der Bahnhofstraße übernehmen sie Räume von Han Corray und die "Sturm"-Wanderausstellung gleich mit, die dieser beim Expressionismus-Förderer Herwarth Walden eingekauft hat. Hier gibt es im Januar 1917 die erste Dada-Ausstellung. Hier werden Collagen mit alltäglichen Materialien gezeigt, für die Dada dann vor allem in Deutschland steht. Bei den Soireen droht der Vermieter wegen Lärmbelästigung regelmäßig mit Kündigung. Ansonsten geht es gediegener zu. Man trifft sich zum Tee und hört Vorträge über den deutschen Mystiker Jakob Böhme. Nachmittags ist die Galerie "eine Art Lehrkörper für Pensionate und höhere Damen", wie Ball spöttisch notiert, als er sich längst mit Tristan Tzara in den Haaren liegt. Darüber, wer Dadaist ist, wird heftig gestritten. Kurt Schwitters diskutiert eine lange Liste. Die Beteiligten gehen zunehmend ihre eigenen Wege. Manifeste und Zeitschriften erscheinen in schnellem Rhythmus, werden vorgetragen und in alle Welt verschickt. Tzaras "Dada", das ab Sommer 1917 erscheint, wird besonders bekannt, die Nummer drei beeindruckt André Breton in Paris. Man bezeichnet sich offiziell als "Mouvement Dada", das wird der zunehmenden Weltläufigkeit der Akteure besser gerecht. In Zürich erlebt die Bewegung im April 1919 einen rauschhaften Höhepunkt: Die achte Dada-Soiree im "Saal zur Kaufleuten" füllt mit 1000 Besuchern die Kassen wie noch nie. Danach, spätestens 1920, laufen die Dadaisten in alle Winde und gründen Filialen von Barcelona bis Zagreb. Der Krieg ist vorbei, Zürich kein schützender Hafen mehr. Besonders wohlgefühlt haben sich die Emigranten ohnehin nicht. Walter Serner geht ganz nach Genf, wohin zuvor schon viele Kontakte bestanden. Richard Huelsenbeck wird in Berlin zu einem der führenden Köpfe, die die deutsche Hauptstadt ins Dada-Chaos stürzen; in dem viel politischeren Klima feiern Collage und Montage mit Hannah Höch, John Heartfield und Raoul Hausmann ihre Triumphe. In Hannover entwickelt Kurt Schwitters seine eigene Form und nennt sie "Merz", als ihm Richard Huelsenbeck 1919 den Beitritt zum Berliner Club Dada verweigert. Aufgetreten ist er in der Provinzmetropole allerdings kaum. Seine berühmte Ursonate hat er auf einer Zugfahrt nach Prag mit Raoul Hausmann entwickelt. Zu Hause bleibt er im Wesentlichen Einzelkämpfer.

In Paris wartet der Kreis um André Breton sehnsüchtig auf den Dadaisten

Ebenso wie Max Ernst in Köln, der nach ein paar Ausstellungen mit Skandaleffekt den Dada-Impuls, den Hans Arp von Zürich gebracht hat, 1920 nach Paris mitnimmt. Dort wartet der Kreis um André Breton sehnsüchtig auf die Ankunft von Tristan Tzara. Als der unentwegte Propagandist des Dada aus Zürich anreist, wird er trotzdem erst einmal misstrauisch beäugt. Bald gibt es Machtkämpfe um Ausrichtung und Positionen. Als Breton Richtlinien vorschreiben will und einem Referenten überdies mit einem Stock den Arm bricht, wenden Tzara und die Dadaisten sich ab. Die Surrealisten finden in der anarchischen Kraft und der Fülle an Kunstformen einen fruchtbaren Boden. Wie an vielen anderen Orten, hat Dada seinen Zenit überschritten und kommt zu einem Ende.

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Sehen, hören, lesen, mitmachen! 2016 steht im Zeichen des 100-jährigen Dada-Jubiläums. Wir haben die wichtigsten Ausstellungen und weitere Höhepunkte für Sie zusammengestellt

Doch die Bewegung konnte nicht einfach verschwinden wie eine Sternschnuppe am Himmel. Weil Dada stets sein eigener Widerspruch war, gab es für die Nihilisten und Gegenwartsfanatiker wohl kaum etwas Schöneres als die eigene Geschichte. Keine Bewegung hat so sehr auf den vergänglichen Augenblick, auf Aktion und Spektakel, auf den kleinen Bühnenmoment gesetzt wie Dada, und keine hat so früh ihre eigene Historiografie betrieben.

Die Akteure notierten ihre Erinnerungen. Huelsenbeck und Tzara haben zwei übergreifende Großprojekte hinterlassen, die vor der Ziellinie scheiterten und schnell mythischen Status erlangten: Huelsenbeck wollte von Berlin aus mit John Heartfield als Gestalter und Tristan Tzara als internationalem Vermittler einen Weltatlas der Dada-Bewegung herausgeben. Weiter als bis zu einer Reihe von Andrucken ist das Projekt nicht gekommen. Die Redaktion zeigte sich überfordert, der Verleger Kurt Wolff warf vor dem Chaos das Handtuch.

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Höhe- und zugleich Endpunkt von Dada Berlin: die "Erste Internationale Dada-Messe". Von links nach rechts sind zu sehen: (stehend) Raoul Hausmann, Otto Burchard, Johannes Baader, Wieland und Margarete Herzfelde, George Grosz, John Heartfield, (sitzend) Hannah Höch und Otto Schmalhausen

"Oui = Non" war für Dada die einzig mögliche Position

Huelsenbecks Dada Almanach erschien 1920 als kleine Variante der großen Idee. Tzara erwarb vom Verlag einen Teil des Materials und wollte in einem "Dadaglobe" alle und alles versammeln, was in der Bewegung einen Namen hatte. Internationalität war das oberste Gebot. Die Texte sollten in verschiedenen Sprachen abgedruckt werden, zahlreiche Presseberichte die internationale Resonanz belegen, viele Abbildungen den flüchtigen Dada-Geist atmosphärisch aufleben lassen. Am Ende fehlte dazu das Geld.