Überblick zur Kunst der Romanik und Gotik

Crashkurs Mittelalter

Die zentralen Merkmale und künstlerischen Umbrüche der Epoche in der Übersicht. Unser Schnellkurs zu Malerei und Architektur des Mittelalters, romanischer und gotischer Baukunst großer Kirchen sowie prägenden Künstlern von Giotto bis Jan van Eyck.
Crashkurs Mittelalter

Der "Meister des Paradiesgärtleins" holte die Muttergottes als Erster aus dem verschlossenen Garten und setzte sie ins Zentrum einer Gartenparty.

Hätte es im 11. Jahrhundert schon ein Guinness-Buch der Rekorde gegeben – dieses Kunstwerk hätte mit Sicherheit Einzug gehalten: Der Teppich von Bayeux erzählt auf einer Länge von rekordverdächtigen 68 Metern, aber nur maximal 53 Zentimetern Höhe, die Geschichte der Annexion Englands durch den Normannenherzog Wilhelm I. (genannt: "der Eroberer"). Neben Szenen mit glorreichen Rittern und stolzen Pferden im Schlachtgetümmel gibt die Tapisserie auch Einblicke ins alltägliche Leben von Bauern, Fischern oder Handwerkern des Mittelalters – ein spannungsreicher Bilderbogen, gestickt von unbekannten Kunsthandwerkern.

In der Kunst des 11. bis 13. Jahrhunderts war das klassische Tafelbild noch kaum verbreitet, dafür erlebte die Buchmalerei eine Hochblüte und brachte Meisterwerke wie das Evangeliar Heinrichs des Löwen (Herzog August Bibliothek Braunschweig), den Psalter Ludwigs des Heiligen (Bibliothèque Nationale de France Paris) oder die Welfenchronik (Landesbibliothek Fulda) hervor. Zur religiösen Ikonografie gesellten die anonymen Künstler aber auch Hintergründiges. Vor allem in den prachtvoll gestalteten Initialen tummeln sich unchristliche Fabelwesen wie Drachen oder Chimären.

Ein zweites Gebiet war die Wandmalerei im Innern der romanischen Kirchen. Diese schlichten dreischiffigen Basiliken mit einer runden Apsis gaben einer ganzen Epoche den Namen. Ihre Architektur geht auf die Ur-Form der frühchristlichen Kirchen in Rom zurück. Die meisten Malereien aus dieser Zeit sind heute verschwunden oder nur noch in Rudimenten erhalten.

Mit der Schlichtheit der Romanik war es bald vorbei

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Der Begriff Gotik wird noch heute für Schauerromane, Gruselfilme und Kathedralen angewandt. Die Städte, die sich zu Beginn des 2. Jahrtausens am Fuß der gewaltigen Gotteshäuser ausbreiteten, waren düster, übervölkert, armselig und schmutzig. Auf diesem eher mageren Nährboden aber entstanden Entwicklungen, die der Kunst den Weg in die Neuzeit wiesen. Künstlerisch dominierte damals die aus Byzanz stammende Ikonenmalerei. Doch es gab auch Künstler, die das auf strikte Flächigkeit angelegte, strenge und emotionslose Formenvokabular mutig sprengten.

Mit der Schlichtheit der romanischen Kirchen war es bald vorbei. Immer höher, immer aufwändiger, so lautete die Devise ab dem 12. Jahrhundert. Spitz- und Strebebögen, verwirrende Netzgewölbe, filigranes Maßwerk vor bunten Glasfenstern – den Italiener Giorgio Vasari schauerte es. Der berühmte Künstlerbiograf (1511 bis  1574), Anhänger antiker Strenge, nannte die Stilexzesse des Mittelalters "arte gotica", damals ein schlimmes Verdikt; es bezog sich auf Italiens barbarische Feinde, die Goten.

Zum Ende der Gotik wird die Malerei wurde detailreicher

Zur beginnenden Neuzeit war Italien Vorreiter dieser Entwicklung. Erste und deutlichste Neuerung: Bisher waren die Künstler fast immer anonym hinter ihrem Werk zurückgetreten und existieren in der Kunstgeschichte bis heute nur mit zugeschriebenen "Notnamen". Nun meldeten viele sich selbstbewusst mit ihren tatsächlichen Namen zu Wort. Der bis dahin angesagte flächige Goldgrund verlor seine Alleinstellung, statt dessen wagten die Maler sich in ihren Wand- und Tafelbildern an Hintergründe, auf denen nun realistische Landschaften und Architekturen, auch präzise Schilderungen von Kleidung oder Haartracht zu sehen waren.

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Die Malereien wurden plastischer und detailreicher. Ein frühes Beispiel ist das auf eines kreuzförmige Leinwand gemalte Kruzifix von Cimabue (um 1240 bis um 1302, Florenz, Santa Croce), das beim Hochwasser von 1966 schwer beschädigt wurde: Das Lendentuch Jesu ist von zartester, transparenter Textur, seine Muskeln sind elegant und geschmeidig.

Auch ein bisher völlig unbekanntes erzählerisches Element tauchte auf: etwa in der Cappella degli Scrovegni in Padua. Hier hatte Giotto di Bondone (1266 bis 1337) auf sämtliche Wände Fresken von erfrischender, leuchtender Farbigkeit und erzählerischer Kraft gemalt, epochale Werke der abendländischen Malerei. Oder in den ausgemalten Klosterzellen des Fra Angelico (1386/1400 bis 1455) im Kloster San Marco, Florenz.

Revolutionär: deutscher »Meister des Paradiesgärtleins«

Aber auch jenseits der Alpen fanden die neuen Gedanken ihre Fürsprecher. Die Flamen Jan van Eyck (1399 bis 1464) und Rogier van der Weyden (1390 bis 1441) führten realistische Tendenzen in religiöse Szenen ein, etwa in van der Weydens genial komponierter "Kreuzabnahme" (1435) oder in Eycks berühmter "Arnolfini-Hochzeit" (1443).

Vielleicht war der deutsche "Schicksalsfluss" ja Quell der Inspiration für die Maler des deutschsprachigen Raumes – zwei der bedeutendsten lebten jedenfalls am Rhein: Stephan Lochner (um 1400 bis 1410), dessen figurenreiche "Madonna im Rosenhag" (um 1445) eines der Highlights des Kölner Wallraf-Richartz-Museums ist, war im Bodenseegebiet beheimatet. Und ein anonymer Meister der um 1400 am  Oberrhein lebte, wagte Revolutionäres: der "Meister des Paradiesgärtleins" holte die Muttergottes als Erster aus dem verschlossenen Garten (hortus conclusus), der die Jungfräulichkeit der Maria schützen sollte, und setzte sie in Zentrum einer Gartenparty. Die zierliche Miniatur (26,3 × 33,4 cm, Städel-Museum Frankfurt/Main) hat nur eine Schwachstelle: Beim weißen Tischchen ging des Meisters Versuch, es dreidimensional aussehen zu lassen, gründlich schief.

Fast zur selben Zeit erfand in Italien der geniale Architekt Filippo Brunelleschi (1377 bis 1446) eine Methode, mit Hilfe von Konstruktionslinien den dreidimensionalen Raum überzeugend auf die Fläche zu übertragen. Die Zentralperspektive der Renaissance wurde zu einer der nachhaltigsten Erfindungen der Kunstgeschichte.

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Zeitraum:

Das Frühmittelalter beginnt bereits zwischen dem 4. und 5. Jahrhundert. Die Kunst Romanik setzt um 1000 ein und wird im Laufe des 12. Jahrhunderts von der Gotik abgelöst. Mit ihr endet im 15. Jahrhundert das Mittelalter.
 

Merkmale:

Im langen Übergang von der Spätantike bis zur Romanik unterscheidet man u.a. die merowingische, die karolingische und ottonische Kunst. Prägend für die daran anschließende Architektur der Romanik sind vor allem die halbkreisförmigen Rundbogen, zum Beispiel bei Fenstern. Die Decken sind noch flach und das Mauerwek wuchtig und burgartig. Die romanische Malerei ist noch ohne Perspektive. Größe und Relation der dargestellten Figuren und Gegenstände sind vielmehr abhängig von deren Bedeutung. Sie stehen vor flachem, oft goldfarbenen Hintergrund, von dem sie die zeittypischen Umrisslinien trennen. Noch sind Tafelbilder selten, häufiger sind Wandbilder und die Kunst der Buchmalerei.

Ermöglicht durch den aufkommenden Skelettbau verschwinden in der Architektur der Gotik die massigen Innenwände romanischer Kirchen und machen großzügigen, hohen und lichtdurchfluteten Räumen Platz. Dank der Kreuzrippengewölbe sind die Decken nicht mehr flach sondern streben wie die gesamte Architekur gen Himmel. Die mit Maßwerk verzierten Fenster und Portale schließen nach oben mit Spitzbögen ab. In den beeindruckenden Kirchen wird das gegenüber den Seiteschiffen erhöhte Mittelschiff von äußerem Strebewerk gestützt. Die neue Architektur lässt weniger Fläche für Wandmalereien. Dafür erlebt die Glasmalerei in den Fenstern gotischer Bauwerke eine Blüte. Tafelbilder fanden erst Ende des 14. Jahrhunderts eine größere Verbreitung.


Berühmte Künstler:

Viele Namen der die Kunst des Mittelalters prägenden Künstler sind heute unbekannt und werden in der Geschichtsschreibung durch Notnamen ersetzt. So etwa beim Meister des Paradiesgärtleins. Namentlich bekannt sind vor allem Künstler aus der Zeit des Übergangs vom Spätmittelalter zur Renaissance.

  • Cimabue (1240 bis 1302)
  • Giotto di Bondone (1266 bis 1337)
  • Meister Bertram (um 1345 bis 1415)
  • Die drei Brüder von Limburg
  • Jan van Eyck ( 1390 bis 1441)
  • Rogier van der Weyden (um 1399 bis 1464)
  • Konrad Witz (um 1400-1447)
  • Stephan Lochner (um 1410 bis 1451)
  • Tilman Riemenschneider (um 1460 bis 1531)


Wichtige Kunstwerke:

  • Historia Welforum (Welfenchronik, um 1170)
  • Evangeliar Heinrichs des Löwen (um 1188)
  • Lanzett-Fenster in der Kathedrale von Bourges (1215)
  • Psalter Ludwigs des Heiligen (um 1270 bis 1274)
  • Kruzifix (1287–1288) in der Santa Croce in Florenz von Cimabue
  • Fresken von Giotto di Bondone in der Cappella degli Scrovegni in Padua (1304 bis 1306) oder der Basilika San Francesco in Assisi (um 1296)
  • Ognissanti-Madonna (um 1310) von Giotto di Bondone
  • Grabower Altar (um 1380) von Meister Bertram
  • "Paradiesgärtlein" (um 1410) von Meister des Paradiesgärtleins
  • Heilsspiegelaltar (um 1430/35) von Konrad Witz
  • Genter Altar (1432) von Jan und Hubert van Eyck
  • "Arnolfini-Hochzeit" (1434) von Jan van Eyck
  • "Madonna im Rosenhag" (um 1445) von Stephan Lochner


Wichtige Bauwerke:

  • Torhalle von Lorsch (Mitte des 9. Jh)
  • Dom von Speyer (etwa 1025 bis 1106)
  • Kathedrale Notre-Dame in Reims (1211 bis 1311)
  • Straßburger Münster (ab 1245, vollendet 1439)
  • Kölner Dom (ab 1248 bis 1322, vollendet 1880)
  • Marienkirche (1277 bis 1351) und Holstentor (um 1470) in Lübeck
  • Rathaus von Löwen (1439 bis 1468)