Gerda Wegener und »The Danish Girl«

Bilder einer Verwandlung

Immer wieder malte Gerda Wegener ihren Ehemann als Frau. Aber nicht nur auf diesen Gemälden wurde Einar Wegener zu Lili Elbe. Anfang der dreißiger Jahre unterzog er sich, als einer der ersten Menschen überhaupt, einer Geschlechtsumwandlung – mit tragischen Folgen. Die Geschichte des Paares läuft derzeit unter dem Namen "The Danish Girl" im Kino. Werke von Gerda Wegener, darunter viele Porträts von Lili, sind jetzt in einer Ausstellung zu sehen.
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Gerda Wegener: "Ein Sommertag (Einar Wegener hinter der Staffelei, Lili nackt, Elna Tegner mit Akkordeon, Mrs. Guyot mit Buch)", 1927

Die zwanziger Jahre stehen für eine Zeit, in der Vieles möglich war. Jugendstil, Frauen mit Knabenfrisuren, Feste und persönliche Freiheit standen hoch im Kurs, ehe der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg die Welt erschütterten. Die unbeschwerte Freude in den Jahren vor der Katastrophe strahlt aus den vielen Bildern der dänischen Künstlerin Gerda Wegener. Ein häufig wiederkehrendes Motiv ist dabei die junge Frau Lili Elbe: Lili in Italien, Lili in Frankreich im Badeanzug, Lili nackt von hinten auf einem Sessel. Immer wieder Lili, Lili, Lili.

Lili ist Gerdas Mann Einar – als Frau. Einar Wegener, ebenfalls Maler, posierte aber nicht nur als Frau, sondern fühlte sich auch so. Ab 1930 unterzog er sich, als einer der ersten Menschen überhaupt, mehreren geschlechtsanpassenden Operationen. Unter dem Titel "The Danish Girl" hat der Oscar-gekrönte Regisseur Tom Hooper ("The King’s Speech", "Les Miserables") das Leben des Paares verfilmt. Die Schwedin Alicia Vikander spielt Gerda, die Rolle von Lili und Einar übernahm Eddie Redmayne. Der Film ist seit vergangener Woche in den deutschen Kinos zu sehen.

Zeitgleich zeigt das Museum Arken vor den Toren Kopenhagens Gerda Wegeners umfassendes künstlerisches Werk. "Gerda Wegener hat dazu beigetragen, die Grenzen der weiblichen Geschlechtsidentität zu sprengen", so der Kunsthistoriker Christian Gether. Wegener, sagt er, sei in allen Bereichen eine Pionierin gewesen. Tatsächlich strahlen viele ihrer Bilder die für diese Zeit so typische Ausgelassenheit und vor allem großes weibliches Selbstbewusstsein aus. Das gilt für die Reklame für Gesichtscreme ("Frau mit Maske", 1918-25) ebenso wie für die vielen Bilder, die Szenen aus der Künstlerkolonie im französischen Beaugency zeigen (zum Beispiel "An den Ufern der Loire", zirka 1924) und erst recht für die vielen Porträts, in den Gerda Wegener Lili Elbe in Szene gesetzt hat.

Wegeners Malerei ermöglichte es, Lili viel weiblicher zu zeigen, als es Einars Körper war

Anfangs schlüpfte Einar vor allem für die Bilder seiner Frau in die Rolle der Lili, später wollte er dauerhaft physisch und juristisch Frau sein. Wegener ging schließlich zum berühmten Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld nach Berlin. Einar benötigte mehrere Operationen, um ganz zu Lili Elbe zu werden. 1931, kurz nach dem vierten Eingriff, starb sie an den Komplikationen. In ihren Bildern hat Gerda Wegener, die ihren einstigen Mann (die Ehe wurde nach den ersten Eingriffen offiziell annuliert) um knapp zehn Jahre überlebte, Lili Elbe und deren Wunsch (und dem so vieler anderer Menschen), ein anderes Geschlecht zu haben, ein künstlerisches Denkmal gesetzt.

Schon "In der Sommerwärme (Lili)" aus dem Jahre 1924 zeigt einen weiblichen Körper als auf einen Sessel geschlungenen Rückenakt. Nur der Zusatz "Lili" lässt vermuten, dass der Körper doch nur weiblich wirkt. War es doch noch Jahre vor der ersten Geschlechtsoperation, der sich Einar unterzog, als das Bild entstand. Bei genauerem Hinsehen könnte die kleine Brust, die von der Seite zu sehen ist, auch männlich sein. Die Malerei ermöglichte es aber, Lili früh schon viel weiblicher zu zeigen, als es Einars Körper war.

Wegener hat aber längst nicht nur Einar porträtiert und ihrem Partner dadurch geholfen der eigenen Identität näher zu kommen, sondern auch sonst viele Frauen in Posen gezeigt, die Freiheit und Vergnügen ausstrahlen. So stellte sie Gleichstellung als Selbstverständlichkeit dar. Da ist etwa "Mädchen und Mops im Auto" (zirka 1927). Eine junge Frau in eleganter Tracht und für diese Zeit so typischen Garçonne-Kurzhaarschnitt sitzt in einem roten Cabriolet. Das ist nicht nur eine schicke Darstellung einer Frau am Steuer, sondern sie ist auch noch ohne männliche Begleitung unterwegs, auf dem Beifahrersitz hat ein Mops Platz genommen. Diese Frau ist so selbständig, das sie nicht nur selber Auto fährt, sondern womöglich auch noch ohne einen Mann durchs Leben schreitet. Für manch einen mag schon das vor gut 90 Jahren pure Provokation gewesen sein. Hinzu kommt aber, dass der einzige Mann, der auf "Mädchen und Mops im Auto" zu sehen ist, im Hintergrund auf einem Pferd reitet. Und das wirkt hier, im Vergleich zur Frau im flotten Gefährt, plötzlich nur noch altertümlich.

Gerda Wegener

Die Ausstellung läuft noch bis 16. Mai 2016 im Museum Arken bei Kopenhagen.

Der Film "The Danish Girl" über die Beziehung von Gerda Wegener und Lili Elbe ist derzeit in den deutschen Kinos zu sehen.