Gefährliche Liebschaften in Frankfurt

Von wegen Kitsch

Das Rokoko gilt als seicht, protzend, ja unmoralisch – zu Unrecht wie eine Ausstellung im Frankfurter Liebighaus beweist. Sie zeigt, wie vielschichtig und detailverliebt die Kunst dieser missverstandenen Epoche eigentlich ist.
Von wegen Kitsch

François Boucher: "Leda und der Schwan", 1742, Öl auf Leinwand, 59,5 × 74 cm

Gerade noch stand man im tiefsten Mittelalter zwischen Marien- und Jesusfiguren vor dunkel gestrichenen Wänden. Dann zieht man einen Vorhang zur Seite und erblickt eine strahlend helle Welt voller Liebreiz.

Der erste Raum der Ausstellung "Gefährliche Liebschaften", für dessen Wandtapeten die Innenarchitektur von Schloss Wilhelmsthal in Calden bei Kassel als Vorbild diente, führt mit prächtigen Tapisserien, Porzellan und zierlichem Mobiliar in eine Epoche ein, deren Betrachtung laut Kuratorin Maraike Bückling, dringend einer Korrektur bedarf. Über kaum eine andere Stilrichtung der europäischen Kunst kursieren so viele Vorurteile und Missverständnisse wie über das Rokoko, das oft als seicht, protzend, ja unmoralisch gilt.

Mit mehr als 80 zum Teil fantastischen Leihgaben, darunter Gemälde von Jean-Antoine Watteau, Jean Honoré Fragonard und François Boucher, demonstriert die Schau im Frankfurter Liebieghaus nun, wie subtil, detailverliebt und bemerkenswert psychologisierend die führenden Künstler des Rokoko im 18. Jahrhundert zu Werke gingen. Da ist zum Beispiel die Marmorskulptur des "Drohenden Amor", die Étienne-Maurice Falconet 1757 für Madame de Pompadour, die Geliebte von Ludwig VX., schuf. Diese Plastik begeistert nicht nur durch ihre naturalistische Gestalt. Wer sich auf den geradezu hinterlistigen Blick des kleinen Knaben konzentriert, merkt schnell, wie vielschichtig dieses Werk gedeutet werden kann.

Zärtliche Gesten in der Natur

Der Großteil der Frankfurter Ausstellung ist, dem Titel entsprechend, Darstellungen inniger Liebe gewidmet, die – anders als in früheren Epochen – nun weniger durch furios agierende Götter und Helden, sondern vielmehr durch einfache Menschen verkörpert wird. Da werden Küsse und zärtliche Blicke getauscht, Körper sinken in schierer Verzückung dahin, und zuweilen gibt es auch frivole Andeutungen, etwa wenn eine küssende Porzellandame beherzt eine Dudelsackflöte ihres Kusspartners ergreift.

Die meisten der dargestellten Szenen spielen in der freien Natur, denn Adel und König versuchten zu jener Zeit, ein privateres, ländlich geprägtes Leben zu führen. Beliebt waren daher sogenannte Schäferstücke, die das Landleben idealisierten, mit Figuren, die im Gewand von Hirten und Schäfer(innen) poussieren.

Solch idyllisch anmutendes Treiben zeigen bevorzugt auch die berühmten Biskuitporzellan-Skulpturen aus dem französischen Sèvres, die mit ihren schneeweißen Oberflächen eine vornehme Eleganz ausstrahlen, während die bunt glasierten, blütenumrankten Statuetten aus den Porzellanmanufakturen in Meißen oder Höchst durch Farbenpracht bestechen. Beim Anblick der unglaublich fein gearbeiteten Details verflüchtigt sich der vorschnelle Eindruck von Oberflächlichkeit und Kitsch im Nu.

Gefährliche Liebschaften

noch bis zum 28. März 2016 im Liebieghaus, Frankfurt

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Der Katalog zur Ausstellung ist im Hirmer Verlag erschienen und kostet 34,90 Euro, im Buchhandel 45 Euro.