Schwarzes Quadrat von Malewitsch

Black Power

Damals Skandal, heute ein Meilenstein der Kunstgeschichte: 1915 zeigte Kasimir Malewitsch sein schwarzes Quadrat erstmals der Öffentlichkeit. Zum Jubiläum gratuliert die Fondation Beyeler mit zwei Ausstellungen.
Black Power

Wie die Ikone im Herrgottswinkel: Kasimir Malewitschs schwarzes Quadrat auf der "letzten Futuristischen Ausstellung 0.10" in St. Petersburg, 1915

Für Kasimir Malewitsch war das "Schwarze Quadrat auf weißem Grund" schlicht "die ungerahmte Ikone meiner Zeit". Die Besucher der Ausstellung, in der er sie zum ersten Mal zeigte, empfanden sie als Skandal: In den Ausstellungsräumen, die eine Petrograder Dame 1915 in ihrer Wohnung zur Verfügung stellte, hing das Quadrat im Herrgottswinkel unter der Decke, wo sonst eine Ikone Volksreligiosität und Traditionsverbundenheit signalisierte. Nackter und empörender ging es kaum noch.

Malewitsch sprach von Suprematismus und meinte einen metaphysischen Bildersturm, der alles hinwegfegte, was die gegenständliche Welt zeigte, und bei null begann. Das drückt angeblich die Zahl im Titel "Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei 0,10" aus, den der Maler ­­ersann, wobei zehn die ursprüngliche Teilnehmerzahl bezeichnete. Im ­Rückblick war der Auftritt von sieben Künstlerinnen und sieben Künstlern eine der Geburtsstunden der abstrakten Kunst, in der die Oktoberrevolution von 1917 bereits spürbar wurde.

Schwarzer Kreis aus toten Fliegen

Die Fondation Beyeler macht nun nicht den Fehler, die historische Schau rekonstruieren zu wollen. Von den über 150 Werken ist ohnehin nur noch ein Drittel vorhanden, und einige sind so fragil, dass sie nicht reisen dürfen. Das Schwarze Quadrat gehört dazu. Es wird durch die dritte Fassung von 1929 vertreten. Kurator Matthew Drutt zeigt vielmehr den Blick des Historikers auf den revolutionären Moment; freundlich, sachlich werden Klassiker gewürdigt. Werke von zwölf Teilnehmenden aus allein 19 russischen Museen hat er zusammenbekommen. Im Zentrum stehen die beiden Titanen Malewitsch und Wladimir Tatlin, aber auch Künstlerinnen wie Ljubow Popowa haben einen starken Auftritt.

Auf der Suche nach 0,10 & Black Sun
noch bis zum 10. Januar 2016
in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel

Gleichwohl soll es nicht historisch bleiben, sondern die Kraft deutlich werden, die von dieser Revolution ausging. Eine zweite Ausstellung, "Black Sun", mit abstrakter Kunst, die unter Malewitschs Einfluss entstand, bildet das Gegenstück zu dessen idealistischer Haltung. Manchmal ist der Bezug locker, etwa wenn Jenny Holzer auf ihren jüngsten Bildern mit rechteckigen Farbflächen Textstellen aus einst geheimen Papieren der US-Regierung abdeckt. Dann wieder überrascht die Konfrontation, wenn Damien Hirst einen schwarzen Kreis aus toten Fliegen klebt. Die Minimal Art erhält einen Ehrenplatz. Die Ausstellung zeigt den Reichtum der gegenstandslosen Kunst, eine Malewitsch-Hommage – eine These muss sie dazu nicht haben.