Frauenbilder von Klimt, Schiele und Kokoschka

Die neuen Frauen des alten Wiens

Selbstständig, fetischhaft und queer – wenn die Frauenbilder von Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Egon Schiele doch noch die Klischees sprengen, in denen sie sonst haften.
Die neuen Frauen des alten Wiens

Egon Schiele: "Die Umarmung (Liebespaar II)", 1917, Öl auf Leinwand 100 x 170 cm

Malerisch waren sie die Avantgarde ihrer Zeit, die Maler in Wien um 1900. Ihr Frauenbild aber blieb im Vergleich dazu recht konservativ. Heilige oder Hure, Gesellschaftsdame oder Prostituierte, die Frauen als duldsame Reflektionsflächen der männlichen Lüste und Ängste – Klimt, Kokoschka und Schiele waren da nicht sonderlich variantenreich, wie eine Ausstellung im Unteren Belvedere zeigt. Erstmals werden hier die Frauen-Bilder der großen Wiener Drei parallel zueinander ausgestellt, man glaubt es kaum.

Liebe mit Abgrund
Wally war seine treue Begleiterin in dunklen Tagen – trotzdem verließ Egon Schiele sie, um eine Bürgerstochter zu heiraten. Die traurigschöne Geschichte einer Liebe und die Rolle von Wally Neuzil im Werk des Expressionisten

Erstmals bekommen die Porträtierten sogar eine eigene Stimme. In den Wandtexten erzählen die Damen in Ich-Form von ihrer Geschichte. Nicht jede natürlich – und leider nicht immer sehr ausführlich. So hätte man etwa gerne gewusst, warum gerade Hermine Gallias Porträt von 1903/04 heute aus dem fernen London herangeschafft werden muss – es ist das einzige Klimt-Porträt in einem Londoner Museum. Das Bild konnte von der Familie vor den Nazis nach Australien gerettet werden und wurde 1976 an die National Gallery verkauft (nachdem der zuvor gefragte Direktor des australischen Nationalmuseums kein Interesse gezeigt hatte... Shit happens!). Doch davon schweigt die ganz in weiß gewandete Gasglühlampen-Produzenten-Gattin leider.

Überhaupt fällt das Spannendste angesichts der Fülle, der von den Kuratoren Alfred Weidinger und Jane Kallir zusammengetragenen Leihgaben und hauseigenen Exponaten, unter die Wahrnehmungsschwelle. Wer waren die Frauen, die Klimt, Kokoschka, Schiele aus ihren Stereotypen holen konnten oder diese künstlerisch verstärkten?

Die neuen Frauen des alten Wiens

Gustav Klimt: "Hermine Gallia", 1903/04

Man muss sich vergegenwärtigen: Der Mode-Schriftsteller seiner Zeit in Gender-Fragen war der blutjunge Otto Weininger, der sich mit 23 Jahren 1903 das Leben nahm. Kurz zuvor war "Geschlecht und Charakter" veröffentlicht worden, in dem es unter anderem hieß, dass das Weib keine Seele hätte. Weininger war misogyn, antisemitisch und esoterisch. In Freuds Wien war mag bereits klar gewesen sein, dass er Angst vor Frauen und Angst vor seinem eigenen Jüdischsein hatte.

Bei Kokoschka sieht man diese Sicht auf Frauen am ehesten zum Bild werden. Die Frau als schamlose Verführerin oder angebetete Göttin – das ist unangenehm spürbar bei ihm, auf die Spitze getrieben in seinem Alma-Mahler-Wahn. Doch eine Kopie der Puppe, die er nach den Maßen der Femme Fatale, die ihn verlassen hatte, anfertigen ließ, ist diesmal nicht bei der Ausstellung dabei. Dafür wenig anziehende Bilder von Paaren, bei denen der Mann als "Sklave" bezeichnet wird und die Frauen ihm die kalte Schulter zeigen. Überhaupt hat er den Frauen von allen Dreien am wenigsten Positives zugesprochen, geschweige denn ihnen zumindest die Gnade des Reizes, der Schönheit oder gar Eleganz geschenkt.

Am besten in der Gender-Frage schlägt sich Schiele

Das kann man Klimt nicht vorwerfen, das lohnte ihm auch die Geschichte – seine Frauen-Porträts sind heute noch Kunstmarkt-Stars. Manchen mögen sie schon wieder zu "schön" sein. Feministisch sollte man die Eingliederung der Frau in Dekor und Ornament lieber nicht deuten. Doch Klimt schätzte nicht nur die Schönheit der Frauen, was man aus unzähligen Anekdoten von Techtelmechtel mit Modellen und unehelichen Kindern weiß (die erstgeborenen Jungen wurden übrigens alle Gustav genannt, dafür zahlte der Malerfürst immerhin auch so etwas wie Alimente). Doch die Frau, die der faunische Schwerenöter zu seiner offiziellen Gefährtin auserkoren hatte, war ein anderes Kaliber. Emilie Flöge war selbstständig als Modedesignerin und bekam weder von Klimt, mit dem sie fast täglich in Oper, Theater oder Konzerte ging, noch von irgendwem anderen Kinder. War sie eine Art lesbische Walkerin, wie manche munkeln? In dem verschollenen, vielleicht auf Schloss Immendorf verbrannten Bild "Freundinnen" könnte Emilie mit einer Geliebten dargestellt gewesen sein. In ihrem großen Klimt-Porträt stützt sie selbstbewusst die Hand in die Hüfte. Das Bild bekam allerdings keinen Ausgang aus dem Wien Museum ins Belvedere.

Klimt/Schiele/Kokoschka und die Frauen

Die Ausstellung läuft bis zum 28. Februar 2016 im Belvedere in Wien.

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