Felix Krämer über Ernst Ludwig Kirchner

»Das war Missbrauch!«

Wegen seiner provozierenden Darstellungen junger Mädchen ist der Brücke-Maler Ernst Ludwig Kirchner postum unter dem Verdacht des Kindesmissbrauchs geraten. Felix Krämer, Kurator der Kirchner-Retrospektive im Frankfurter Städel-Museum, sprach mit art über die Vorwürfe.
"Das war Missbrauch!":Felix Krämer über Ernst Ludwig Kirchner

Felix Krämer, Kurator der Kirchner-Retrospektive (links) und Ernst Ludwig Kirchner:
"Artistin; Marcella", 1910, Öl auf Leinwand, 101 x 76 cm

Herr Krämer, war Kirchner pädophil?

Felix Krämer: Ob Kirchner ein sexuelles In­teresse an Kindern hatte, weiß ich nicht. Es kann durchaus sein, dass er die freizügige Darstellung von Mädchen als Mittel der Provokation eingesetzt hat. Bei dem "Marcella"-Bild von 1909/10 zum Beispiel ist der Bezug zu Edvard Munchs 14 Jahre früher entstandenen Bild "Pubertät" ziemlich evident. Wir wissen ja, dass die Brücke-Künstler ihre Vorbilder grundsätzlich an Radikalität übertreffen wollten. Deshalb hat Kirchner vielleicht ein noch jüngeres Modell gewählt.

Die Mädchen sind teilweise geschminkt und in entblößten Posen zu sehen. Würden Sie von Kindesmissbrauch sprechen?

Absolut. Das war Missbrauch! Vielleicht kein körperlicher, das kann ich nicht belegen, obwohl es dafür Indikatoren gibt. Aber Kinder mit gespreizten Beinen zu zeichnen oder sie überhaupt in diesen Zusammenhang zu bringen, das ist nach heutigen Definitionen eindeutig als Missbrauch zu bewerten. Fränzi war acht Jahre alt, als sie Brücke-Modell wurde.

Wie steht es mit Kirchners Tagebucheintragungen, die etwa Erich Heckel als "geilen Sachsen" bezeichnen, der ein 16-jähriges Mädchen "abgevögelt" habe?

In der Literatur ist dieses Zitat auf Fränzi bezo­gen worden, auch wenn sie in der Quelle nicht namentlich genannt wird. Andererseits: Wenn man sich den Kontext anschaut, sieht man, dass Kirchner in dem entsprechenden Eintrag ganz vehement mit Heckel abrechnet, den er zu diesem Zeitpunkt fast hasst. Es gibt einfach dieses Grundproblem, dass Kirchner einen sehr relativen Wahrheitsbegriff hat. Wahrheit ist für ihn, was er gerade fühlt.

Wie steht es mit dem Titel des verschollenen Bildes "Fränzi mit Liebhaber"? Lässt der nicht auf eine sexuelle Beziehung schließen?

Natürlich. Manchmal wird so getan, als gäbe es für Missbrauchsvermutungen keine Grundlage. Sicher ist ein Bildtitel kein eindeutiger Beleg dafür, dass es ein körperlich-sexuelles Verhältnis zwischen Kirchner, Heckel oder wem auch immer und diesen Kindern gegeben hat. Es kann sein, dass Kirchner mit dem Titel etwas suggerieren wollte, was gar nicht stattgefunden hat. Genauso kritisch muss ich aber das Zitat von Kirchner hinterfragen, Fränzi habe später erklärt, die Brücke-Jahre seien ihr die liebste Zeit gewesen. Das wird oft als Gegenbeweis für einen Missbrauch angeführt. Das ist aber Kirchner und nicht Fränzi, der das erzählt.

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Welche Hinweise haben Sie noch gefunden?

Wir haben die Werke, wir haben Fotos der Ateliers, wir wissen, dass die Ofenkacheln und Wandbehänge kopulierende Paare zeigen, dass die Möbel und Skulpturen Frauen mit Riesenbrüsten darstellen. Wir wissen, dass häufig mehrere Personen anwesend waren, und es wird zumindest suggeriert, dass es dort auch zum Sex kam. Man kann also ohne Zweifel sa­­gen, dass die Umgebung nicht kindgerecht war. Auch damals wurde das nicht anders gesehen.

Für die Ausstellung im Städel haben Sie auf drastische Motive verzichtet?

Ich wollte keine begehrlichen Blicke auf ein kindliches Geschlecht.

Die Werke, die Sie zeigen, sind unverdächtig?

Nur bedingt: Eine Darstellung wie "Artistin" erscheint auf den ersten Blick ganz harmlos. Doch wenn man genauer schaut, fallen einem zahlreiche Anspielungen auf. Angefangen bei der Muschikatze im Vordergrund, über die Beinhaltung bis hin zum Kopf des Kindes, der in Bezug gesetzt wird zu Alkoholflaschen. Das hat doch mit einem Kind nichts zu tun! Oder nehmen wir die Pastellzeichnung "Fränzi vor geschnitztem Stuhl". Der Stuhl zeigt eine nackte Frau. Oder "Marcella" vor diesen Vorhängen, auf denen kopulierende Paare abgebildet waren. Was uns bei der Ausstellungsvorbereitung auch irritiert hat, ist die Skulptur "Mutter und Kind". Beide sind nackt. Die Füße des Mädchens sind nur grob ausgearbeitet. Beim Geschlecht des Kindes aber gibt es einen feinen Schlitz, und wenn man genau hinsieht, stellt man fest, dass die Vulva innen rot ausgemalt ist. Warum interessiert es den Künstler, das Geschlecht bei einem Kind auszumalen, wenn er auf andere Körperteile wenig Sorgfalt verwendet?

Glauben Sie, dass das Thema Missbrauch im Kontext mit Brücke-Malern bisher nicht richtig wahrgenommen oder eher verdrängt wurde?

Letzteres. Die Tatsachen sind ja schon lange vor unserer Kirchner-Retrospektive bekannt gewesen. Es gibt Veröffentlichungen zu dem Thema, doch in Ausstellungen wurde es nicht entsprechend berücksichtigt. Man hatte immer Angst, am Lack zu kratzen und die Faszination für den Künstler zu mindern.

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