Vergessenes Gemälde von Jean-Léon Gérôme

Grosser Auftritt für einen Vergessenen

In den Depots des Frankfurter Städel-Museums machte Felix Krämer, Sammlungsleiter der Kunst der Moderne, eine beglückende Entdeckung: Ein unbekanntes Gemälde entpuppte sich als Werk des französischen Historienmalers Jean Léon Gérôme
Entdeckung:Gemälde des französischen Historienmalers identifiziert

Trouvaille aus dem Städel-Depot: "Der Heilige Hieronymus", 1847, 69 x 93 cm

Die Szene hat etwas Anrührendes: Ein alter Mann mit langem weißem Bart, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, schläft tief – er hat es sich an der Flanke eines gewaltigen männlichen Löwen bequem gemacht, die rechte Hand ruht auf einer Pranke des Raubieres, das ebenfalls völlig entspannt ruht. Der Heiligenschein um das Haupt des Greises macht indes klar, dass es sich eine besondere Symbiose handelt: Es ist der Heilige Hieronymus, der einst einem hinkenden Löwen einen Dorn aus der Tatze gezogen hatte, der daraufhin sein Haustier (und in der Ikonografie sein Erkennungszeichen) wurde.

1935 ein ungeliebtes Geschenk

Der französische Historienmaler Jean-Léon Gérôme (1824 bis 1904) hatte es gemalt. Auf Seite 234 des "Catalogue raisonné" des amerikanischen Orientalisten Gerald M. Ackerman steht unter der Nummer 237 zu dem Gemälde "Der Heilige Hieronymus" kurz und bündig "lost" – verloren. Ein letztes Mal war es 1882 in London in der Öffentlichkeit aufgetaucht.

Jetzt, nach über 120 Jahren, tritt das Frankfurter Städel-Museum mit der Nachricht an die Öffentlichkeit, dass der verschollene Hieronymus seit 1935 in den Depots des Hauses ruht. Der Frankfurter Bankier Otto Hauck hatte es 1935 dem Haus geschenkt. Nun hatte zu der Zeit längst die Moderne in die Kunstgeschichte Einzug gehalten – Impressionismus, Kubismus, Fauves waren gefragt, der oft schwülstige Akademismus der Salonmaler war nicht mehr gefragt. Der Hieronymus verschwand, wie viele solcher Gemälde, ohne Umweg über die Schauräume im Depot – nur mit einer Eingangsnummer versehen, nicht inventarisiert oder näher bezeichnet.

Öffentliche Präsentation ab November

Weil das Städel im Februar 2012 mit einem neuen Anbau wiedereröffnet wird, wurden unterdessen die Bestände neu und sorgfältig gesichtet. Felix Krämer, Sammlungsleiter der Kunst der Moderne, erkannte dabei die Signatur von Gerôme auf dem Hieronymus-Bild, das jetzt restauriert und konserviert wird und ab dem 17. November im Rahmen der Neupräsentation der Sammlung erstmals wieder öffentlich zu sehen ist. Kein schlechter Zeitpunkt: Jean-Léon Gerôme ist durch die große Retrospektive im Pariser Musée d’Orsay im vergangenen Winter ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.

klassizismus-teaser-neu
Die zentralen Merkmale und künstlerischen Umbrüche der Epoche im Überblick. Unser Schnellkurs zu Malerei und Architektur des Klassiszismus mit den wichtigsten Kunstwerken und Künstlern