Jean-Honoré Fragonard in Paris

Sturm der Liebe

Hart an der Kitschgrenze bewegt sich eine Ausstellung, die Jean-Honoré Fragonard, Meister des französischen Rokoko, auf seine amourösen und freizügigen Darstellungen reduziert. Unser Autor Heinz Peter Schwerfel hat sich die Ausstellung angeschaut: zusammen mit vielen meist älteren Besuchern. Dem Publikumserfolg schadet die thematische Einschränkung nämlich nicht.

Jean-Honoré Fragonard, der sich selbst gerne Frago abkürzte, war einer der erfolgreichsten Künstler seiner Epoche, des nicht umsonst wegen seiner freizügigen Belanglosigkeit als dekadent verschrienen französischen Rokoko. In den Jahrzehnten vor Ausbruch der französischen Revolution, als der Adel in seinen Schlössern feierte und auf der Straße das Volk hungerte, konzentrierte der 1732 im südfranzösischen Grasse geborene Schüler von Francois Boucher sein unbestrittenes malerisches Talent vor allem auf ein Thema: die frivole Darstellung amouröser Anzüglichkeiten.

12149
Strecken Teaser

Ob Frago in Stichen Kurzgeschichten von Jean de la Fontaine bebilderte oder das angebliche Liebesleben antiker Gottheiten von Jupiter bis Diana festhielt – immer baden schöne Körper, egal ob von Mann oder Frau, attraktiv und unbekleidet im hellen Licht der südfranzösischen Sonne. Die Farbpalette reicht von lichtem Grün bis zu hautzartem Rosa der Dessous und Dekolletés. Fragonard war ein Meister der dynamischen Komposition, alles schwebt, alles ist in Bewegung, wenn etwa leichtbekleidete junge Mädchen durch "Knaller (Les Petards)" in spasmischem, auf Orgasmus anspielenden Gekreische aus dem Tiefschlaf gerissen werden. Doch im Gegensatz zu befreundeten Zeitgenossen wie Pierre-Antoine Baudouin oder Jean-Baptiste Pater vermied er explizite Darstellungen des Geschlechtsaktes. Er beschränkte sich auf das Kochen der Sinne im Augenblick kurz davor, etwa in seinem bekanntesten Bild "Le Verrou" (1777-78), wenn der Liebhaber schnell noch die Tür verriegelt, ehe er sich auf die wild Begehrte stürzt.

Seit Mitte September zeigt das kleine, dem französischen Senat gehörige Museum im Pariser Jardin du Luxembourg eine Ausstellung ausschließlich mit liebesspielenden Werken Fragonards, und die – meist älteren – Besucher stehen trotz deftiger Eintrittspreise Schlange. Wie ist dieser Überraschungserfolg zu erklären? Weil in der schmalen Schau Landschaften, Porträts, Genre-Malerei Fragonards ausgespart bleiben? Wegen der Leihgaben aus Boston, Washington, Toledo, dem New Yorker Metropolitan Museum oder den reichen Beständen des Louvre? Wegen des dekorativen Charmes der Farbspiele Fragonards, dessen erste Auftragsarbeiten, vermutlich vermittelt durch seinen Lehrer Boucher, vor allem der Verschönerung von Schlafzimmern und Boudoirs reicher Adliger dienten? Wegen der anzüglichen Freizügigkeit einer Epoche, in der die Reichen der Libertinage frönten und die Regenten ihre Geliebten ostentativ im Versailles-Palast unterbrachten? Oder weil in heutigen Zeiten oberflächliche Ablenkung von düsteren politischen Themen von Migration bis Klimawandel hochwillkommen ist?

Liebesgeplänkel statt Unschuld vom Lande

Die Ausstellung beginnt in zwei Sälen mit einem knappen Dutzend Ölgemälden aus den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts, zum Teil gemalt während Fragonards erstem Italienaufenthalt. Da spielt beispielsweise eine junge Schönheit vom Lande "Blinde Kuh", spinkst unter ihrer Augenbinde hervor und scheint dem Betrachter regelrecht in die Arme zu stolpern. Eine von Fragonards typischen Galanterien, meist Szenen vermeintlicher ländlicher Unschuld, in denen er das klassische Genre der Pastorale, weg von Bibel und Mythologie, spielerisch in eine neue thematische Richtung lenkt – das Liebesgeplänkel.

11667
Bild & Text Teaser

"Der verliebte Fragonard" lautet der ziemlich marktschreierische Titel einer offen auf Publikumserfolg schielenden Schau, die nicht davor zurückschreckt, mit Parfüm-Nächten – Fragonards Geburtsort Grasse ist die Welthauptstadt des Parfüms – zu trommeln. Doch leider hat sie nach den ersten beiden Sälen ihr Pulver erst einmal verschossen, denn das Thema ist viel zu eng gefasst. Kleinformatig, mit vielen Papierarbeiten und ohne thematische Dehnung geht es immer hart an der Kitschgrenze weiter. Tiefpunkt unter den kleinen Ölbildern ist "La jeune fille et les petits chiens" (1770), auf dem eine barbusige Blondine zwei Hundewelpen an die nackt Brust drückt, ehe mit "Le Verrou" (1779) endlich das berühmte Meisterwerk folgt und den moralischen Kurswechsel der damaligen Zeit einläutet. Dank des 1782 erscheinenden, äußerst erfolgreichen Romans "Les liaisons dangéreuses" von Pierre Choderlos de Laclos kommt die Libertinage zugunsten einer neuen Moral offiziell aus der Mode. Schlagartig wird Fragonards Palette düster und dramatisch – die Leichtigkeit der Liebe weicht dem Ernst heroischer Beziehungstreue. Um 1790 hört Fragonard ganz auf zu malen. Nur aus Altersgründen?

Fragonard Amoureux

noch bis zum 24. Januar im Musée du Luxembourg, Paris