Die Kunst des Wilden Westens

Künstler auf Grizzly-Jagd

Abenteuerlustige Künstler drangen Anfang des 19. Jahrhunderts tief in den Wilden Westen Amerikas vor. Eine Ausstellung im Madrider Thyssen Museum zeigt, wie ihre Darstellungen den Mythos eines wilden und paradiesischen Landes und seiner Ureinwohner verbreiteten.
Charles Wismar, The Lost Trail

Charles Wismar: "The Lost Trail", ca. 1856, Öl auf Leinwand, 49 x 77 cm

Der Schweizer Künstler Karl Bodmer (1809 bis 1893) war gerade erst 23 Jahre alt, als Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied ihn auf das größte Abenteuer seines Lebens mitnahm. Wir schreiben das Jahr 1832. Der adelige Naturforscher aus rheinischem Fürstenhaus wollte den Wilden Westen erkunden und die Indianerkulturen am Oberen Missouri erforschen. Fotokameras zum Rumreisen gab es damals noch nicht. Deshalb verpflichtete der Prinz den jungen Maler, der ihm zuvor durch seine Landschaftsdarstellungen auffiel. Er sollte seine Forschungen zu dokumentieren.

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Strecken Teaser

Eineinhalb Monate dauerte die Überfahrt von Rotterdam nach Boston. Auf der beschwerlichen Reise von der Ostküste nach Indiana erkrankte zu Wied an Cholera. Dennoch setzen sie die Reise fort und erreichen im April 1833 in St. Louis den Dampfer der American Fur Company, der sie den Missouri hoch in die Indianergebiete bringt.

Sie überleben Unwetter, Angriffe von Grizzlybären und Indianern. Meist sind die Begegnungen mit letzteren aber friedlich. Bodmer hält alles in seinen Skizzen und Aquarellen fest. Der Künstler ist fasziniert von der Weite der Prärie und der Unberührtheit der Natur. Doch sind es vor allem die fast ausgerotteten Indianerstämme der Omaha, Ponca, Blackfoot und Mandanen, die ihn in den Bann ziehen.

Anfangs waren auch sie ihm unheimlich und exotisch. Doch schnell legt er die Sichtweise der weißen Siedler ab, die sich von den Indianern bedroht fühlen und lernt ihre naturverbundene Lebensweise schätzen. In fast 400 Skizzen und Aquarellen hält Bodmer ihre Rituale und Bräuche fest. Er verewigt ihre Tänze, Trachten und begleitet sie auf der Bison-Jagd.

Trotz der harten Lebensbedingungen möchte Bodmer am liebsten in Amerika bleiben. Im Winter 1834 erkrankt der Prinz jedoch bei Temperaturen von bis zu –50 Grad Celsius an Skorbut und entgeht nur knapp dem Tod. Nach über zwei Jahren kehren sie schließlich zurück nach Europa. 1839 und 1842 veröffentlicht zu Wied seine ethnografischen Bände "Reise in das innere Nord-America in den Jahren 1832 bis 1834" mit den Illustrationen Bodmers.

"Hände, die noch nie durch die Berührung mit Geld verunreinigt wurden."

Zeitgleich mit Bodmer besuchte auch der amerikanische Maler George Catlin (1796 bis 1872) die Indianerstämme im immer noch wilden Westen. Catlin war einer der wenigen Künstler, der das Volk der Mandanen in seiner Blütezeit besuchte und ihre einzigartige Kultur in Bildern und Skizzen dokumentieren konnte.

Der aus Pennsylvania stammende Catlin, der 1834 die Armee bei der ersten Kontaktaufnahme mit den Comanchen begleiten durfte, schrieb später über sein Verhältnis mit den Indianern: "Ich habe große Mühen, Schwierigkeiten und Gefahren auf mich genommen, sie zu besuchen, durfte aber viele angenehme Erfahrungen machen. Als ich mit ihnen unterwegs war, habe ich ihre freundlichen Hände geschüttelt, die noch nie durch die Berührung mit Geld verunreinigt wurden. Ich wurde immer freundlich in ihre Wigwams aufgenommen und konnte stets unversehrt in ihrem Gebiet reisen."

Catlin war nicht der einzige Künstler, der die Indianer für ihre Würde, Naturverbundenheit und ihre Kriegerherzen bewunderte. Die meisten waren sich auch ihrer Verantwortung bewusst, die Erinnerung an die vor seinen Augen aussterbenden Indianerstämme für die Nachwelt erhalten zu müssen. Vor allem Catlins Werke und Indianerporträts gelten heute als einzigartige Darstellungen des "wahren" indianischen Lebens, bevor der Einfluss des weißen Mannes die Kultur der Einheimischen zerstörte. Film und Literatur taten das ihre, ein verfälschtes, mystisches und nicht selten auch bedrohliches Bild von Amerikas Ureinwohner zu malen.

Die Neue Welt als Garten Eden

"Ohne die Werke von Künstlern wie Bodmer oder Catlin, die sich im Schlepptau der Armee, von Eisenbahngesellschaften oder Minenunternehmen unter harten und gefährlichen Bedingungen in den Wilden Westen zu den Indianerstämmen durchkämpften, würde wir heute nur wenig von den Indianern wissen", versichert Miguel Ángel Blanco. Der Kurator hat in der aktuellen Ausstellung "Illusion des Wilden Westens" im Madrider Thyssen-Museum 200 Gemälde, Fotografien, Skulpturen, aber auch Filmplakate, indianische und von den Künstlern gesammelte Gebrauchsgegenstände zusammengetragen, die bis heute unsere Wahrnehmung der indianischen Kulturen und des "wilden Westens" prägen.

Wie die Ausstellung zeigt, waren es aber vor allem Landschaftsmaler wie der aus Solingen stammende Albert Bierstadt oder Thomas Hill, die in ihren romantisierenden Bildern den Mythos des wilden, gefährlichen und zugleich paradiesischen Westens, dem "gelobten Land", generierten. Amerika war damals noch eine junge Nation. Auf der Suche nach Identität bedienten sich viele Künstler nicht selten der Schönheit, Unberührtheit und Größe des amerikanischen Westens, um ihn als einen Garten Eden der Neuen Welt zu verklären.

Ihre Gemälde, aber auch die fantastischen, in der Madrider Exposition ausgestellten Landschaftsbilder, die Fotografen wie William Henry Jackson oder Carleton E. Watkins Ende des 19. Jahrhunderts in den White Mountains, von den Niagara-Fällen oder dem Yosemite Valley machten, ließen nicht nur einen frühen Tourismus entstehen, sondern auch die Gründung der heutigen Nationalparks.

Illusion des wilden Westens

noch bis zum 7. Februar 2016 im Madrider Thyssen-Museum

Landschaftsmalerei gilt in den USA bis heute noch als Zeugnis nationaler Identität. Vielleicht ließ Barack Obama auch deshalb Thomas Hills "View oft the Yosemite Valley" (1865), das derzeit im Madrider Thyssen-Museum zu sehen ist, nach seiner Wahl zum US-Präsidenten bei traditionellen Gala-Essen nach seiner Vereidigung im Speisesaal des Weißen Hauses aufhängen.