Jugendstil als Epoche und Bewegung

Nietzsche und Nudismus

Zwischen Euphorie und Angst, Aufbruchsstimmung und Gesellschaftskritik – die Ausstellung "Jugendstil – die große Utopie" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe präsentiert den Jugendstil als Gegenbewegung mit sozialer Sprengkraft.
Nudistischer Bogenschütze aus einer Künstlerkolonie

Die Ausstellung zeigt den Jugendstil auch als Gegenbewegung zur neuen Konsumkultur, welche durch die verstärkte Industrialisierung um sich griff. "Ein Bogenschütze" aus der "Naturmenschenkolonie" bei Zürich

Bahnbrechende Neuerungen brachten um 1900 die Welt ins wanken. Die Einführung der Fließbandarbeit hatte eine ungeahnte Produktivität zur Folge, schuf aber auch neue und prekäre Arbeitsbedingungen. Die Wissenschaft beschäftigte sich mit Röntgenstrahlung und der Elektrifizierung des Alltags, und für die deshalb zwischen Euphorie und Nervosität schwankende Gefühlswelt versprach die aufkommende Psychoanalyse Abhilfe. Dass der Jugendstil, der heute so sehr mit Glanz und Luxus dieser goldenen Epoche verbunden ist, in seinen Ursprüngen auch eine Gegenbewegung mit radikalen Ideen und subversiver Sprengkraft war, daran möchte die Ausstellung "Jugendstil – die große Utopie" erinnern.

Betritt man den Ausstellungssaal, findet man die vielschichtige Epoche auch tatsächlich zum technologisch-gesellschaftlichen Laboratorium verdichtet. Exponate wie das "Hygienische Lichtbad Solar", ein skurriles medizinisches Gerät, welches um 1911 Heilung durch elektrisches Licht versprach, zeigen auf der einen Seite den großen Technikglauben der Epoche. Direkt daneben, als krasser Gegenentwurf: die großformatige Fotografie eines splitternackten Feldarbeiters, Symbolfigur für die radikale Künstlerkolonie des Monte Verità, wo man mit Nudismus und vegetarischer Lebensweise zurück zum natürlichen Ursprung gelangen wollte. Peter Behrens und die Darmstädter Künstlerkolonie, welche aber, von Nietzsches Einsiedler Zarathustra inspiriert, eher dem opulent-monumentalen Leben frönten.

Kleidungsstücke wie aus Science-Fiction-Filmen

Die Bewegung der Lebensreformer beeinflusste nun auch den Jugendstil: vor Allem die englische Arts & Crafts Bewegung um William Morris stellte sich mit traditioneller Handarbeit der industriellen Produktion entgegen und arbeite mit eleganten Möbeln für die Entschleunigung der Welt. Faszinierend ist auch die avantgardistische Mode der Zeit, die sich gegen den gesellschaftlichen Korsettzwang richtete: von japanischen Formen beeinflusste, fließende Stoffe sollten der Frau mehr Bewegungsfreiheit bringen. Heute wirken die Kleider beinahe wie Kostüme aus modernen Science-Fiction-Filmen.

Viele, teils widersprüchliche Einzelphänomene werden in der Ausstellung so zu einem großen Bild verbunden; Zahlreiche Videoprojektionen zeitgenössischer Filmaufnahmen zucken zwischen den Vitrinen und schaffen es damit, die nervöse Stimmung einer Epoche einzufangen.

Den intensivsten Moment der Ausstellung erzeugt ein Videoloop, der Frauen und Kinder an den Fließbändern einer Süßwarenfabrik zeigt. Den luxuriösen Tapisserien der englischen Arts & Crafts-Bewegung gegenübergestellt, zeigen diese Objekte ein etwas ernüchterndes Bild des Jugendstils als Elitenprojekt, welches die eigenen Ansprüche von Sozialreform und Utopie nur begrenzt umsetzen konnte. Aber auch das ist schließlich ein Blick hinter das goldene Ornament der Zeit.

Jugendstil – die große Utopie

Termin: bis 7. Februar 2016 im MKG Hamburg
http://www.mkg-hamburg.de/

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