Kinder erklären Kunst

Johann über Gerhard Richters "Lesende"

Johann Dulguun, 6, schnitzt gerne und mag es, Streiche zu spielen. Außerdem kann er Mongolisch sprechen.
Johann über Gerhard Richters "Lesende"

Johann mit einer Reproduktion von Gerhard Richters "Lesende", 1994, 72 x 102 cm

Also, als Erstes sehe ich eine Zeitung. Die Zeitung wird von einer Frau gehalten und gelesen. Bei uns liest mein Papa Zeitung – manchmal morgens und abends. Mama liest Bücher. Wenn Papa Zeitung liest, erzählt er immer laut, was gerade los ist auf der Welt.

Ich finde Bücher vorlesen besser als Zeitung vorlesen, aber noch lieber spiele ich mit Playmobil – am liebsten mit der Piratenburg. Davon habe ich ganz viel! Vorlesen tut mir Papa meistens abends vor dem Schlafengehen. Der liest mir voll coole Geschichten vor – zum Beispiel "Michel aus Lönneberga".

Ich mag an Michel, dass er immer so lustige Streiche macht. Ich mache auch gerne Streiche! Dann schnappe ich mir zum Beispiel heimlich Süßigkeiten und verstecke sie in meinem Zimmer, denn ich weiß genau, wo meine Eltern die Süßigkeiten aufbewahren: im Küchenschrank. Und da komme ich sogar schon ohne Stuhl ran. Am besten ist, wenn ich Smarties finde, denn die liebe ich!

Johann über Gerhard Richters "Lesende"

Gerhard Richter: "Lesende", 1994, Öl auf Leinwand, 72 x 102 cm

Wenn Michel bei einem Streich erwischt wird, muss er in den Schuppen und Männchen schnitzen. Das muss ich zum Glück nicht. Wir haben auch gar keinen Schuppen. Ich muss nur manchmal in mein Zimmer, wenn ich frech war. Aber eigentlich bin ich nicht frech. Erwachsene verstehen manchmal einfach nicht den Spaß. Schnitzen kann ich auch, aber Mama findet, dass das zu gefährlich ist. Dabei wünsche ich mir so sehr, dass Mama mir erlaubt zu schnitzen. Dann würde ich vielleicht auch Männchen schnitzen – oder Autos.

Carla über Édouard Manets »Frühstück im Grünen«
Carla, 5, macht gern allein Gymnastik und sammelt Pilze im Wald mit ihrer Oma.

Die Frau da auf dem Bild könnte auch eine Mutter sein. Sie sieht jedenfalls so alt aus wie meine Mutter. Eigentlich ist die Frau ganz hübsch. Wahrscheinlich ist sie da grade zu Hause in ihrer Wohnung. Meine Mama kommt aus der Mongolei. Da war ich schon mal, denn da wohnt die ganze Familie meiner Mama. Da kann man voll gut kämpfen im Spiel. Aber man muss aufpassen, dass man nicht ins Wasser fällt.

Kinder erklären Kunst
Die ganz Kleinen interpretieren die ganz großen Klassiker der Kunstgeschichte ... und die Kinder sind immer für eine Überraschung gut.

Ich kann auch Mongolisch. So spreche ich mit meiner Mama hier und meiner Familie da. Die sprechen alle gar kein Deutsch. Oma und Opa wohnen in einem schönen Holzhaus. Im Sommer ist es in der Mongolei ganz, ganz warm. Ich würde gerne bald wieder da hinfahren. Die Frau auf dem Bild ist aber keine Mongolin. Das ist eine ganz normale deutsche Mutter.

Gerhard Richter

Das fotorealistische Porträt "Lesende" von 1994 zeigt Richters Schülerin und spätere Ehefrau Sabine Moritz. In seinem Bild bezieht sich der Künstler auf Jan Vermeers Gemälde "Briefleserin am offenen Fenster" von 1657, das sich in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden befindet und ebenfalls eine junge, lesende Frau im Profil zeigt.

Gerhard Richter gilt heute als einer der gefragtesten und bekanntesten deutschen Künstler. Neben seinen fotorealistischen Gemälden, mit denen er bekannt wurde, umfasst sein vielgestaltiges Œuvre auch monochrome und abstrakte Bilder, Druckgraphik und Skulpturen.

 

Gerhard Richter fotografiert von Lothar Wolleh, 1970
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