Kinder erklären Kunst

Helena über Diego Velázquez' "Las Meninas"

Helena, 7, fragt sich, warum der Maler auf dem Bild sie mustert und findet modische Gemeinsamkeiten mit der spanischen Königstochter.
Helena über Diego Velázquez' "Las Meninas"

Helena mit einer Reproduktion von Diego Velázquez' "Las Meninas", 1656, Öl auf Leinwand, 318 x 276 cm

Oh, das ist ein tolles Bild! Da sind vier Mädchen in wunderschönen Ballkleidern drauf! Das Mädchen in der Mitte mit dem hellen Kleid und den blonden Haaren finde ich am schönsten. Ich finde, dass es ein ganz bisschen aussieht wie mein Kleid. Nur mein Kleid steht an den Seiten nicht so ab, sondern geht einfach gerade runter.

Ich frage mich, wo diese Mädchen sind. Vielleicht in einer Kirche? Ich gehe mit meinen Eltern oft in die Kirche. Ich mag den Gottesdienst in unserer Kirche, vor allem den Kindergottesdienst. Da hören wir dann Geschichten von Jesus und singen Lieder. Ein paar kann ich ganz auswendig. Mein Papa erzählt mir zu Hause oft Geschichten über das alte Rom – die höre ich sehr gern. Ich mag besonders die Geschichte von Kleopatra, die sich absichtlich von einer Giftschlange beißen ließ, um zu sterben.

Helena über Diego Velázquez' "Las Meninas"

Diego Velázquez: "Las Meninas", 1656, Öl auf Leinwand, Prado, Madrid

Ich glaube, dass das Mädchen in der Mitte auf dem Bild Geburtstag hat. Das Mädchen mit der großen silbernen Schmetterlingshaarspange gibt ihr ein Geschenk. Was genau, kann ich leider nicht erkennen, nur dass es rot ist – vielleicht eine Blume?

Unten rechts vor den anderen Geburtstagsgästen liegt ein Hund und schläft. Wir haben zu Hause eine Katze, die Pauli heißt. Ich mag Katzen lieber als Hunde. Wieso? Weiß ich auch nicht so genau. Es ist einfach so. Ich sehe gerade, dass da auch ein Junge auf dem Bild ist, ganz außen am Rand. Er tritt den Hund! Das ist fies, das darf er nicht. Hoffentlich lässt der Hund sich das nicht gefallen. Im Notfall könnte der Hund auch weglaufen, denn die Kirchentür ganz hinten steht offen.

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Da geht es nach draußen und über die Treppe auf den Kirchturm, von dem aus man bestimmt eine tolle Aussicht hat. Außer den Mädchen ist da auch noch ein Mann im Raum. Er ist Maler, denn er hält Pinsel und ein Farbbrett in der Hand. Den Mann erkennt man nur am Bart, denn seine Haare sind lang.

Mein Papa hatte auch mal lange Haare – als er so alt war wie ich –, aber heute hat er kurze Haare. Ich finde es ein bisschen komisch, dass der Maler mich ganz direkt anguckt und nicht die Mädchen im Bild. Es kommt mir fast so vor, als würde er mich malen – dabei bin ich ja hier in dieser Welt.

Diego Velázquez

Diego Velázquez war einer wichtigsten Porträtmaler des Barock. Er war Maler am Hof des spanischen Königs Philipp IV. und porträtierte zahlreiche Mitglieder der Königsfamilie. Sein berühmtestes Werk "Las Meninas" ("Das Hoffräulein“) ist eines der meistdiskutierten der Kunstgeschichte. "Die Meninas sind das sichtbare Bild des unsichtbaren Denkens von Velázquez“, hat René Magritte einmal gesagt. Seine Vieldeutigkeit inspirierte später Künstler wie Picasso zu eigenen Variationen von "Las Meninas" und Oscar Wilde schrieb das Märchen "The Birthday of the Infanta". Bis heute gilt "Las Meninas" als Metabild und als Reflexion darüber, was ein Bild aussagen kann.

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