Kinder erklären Kunst

Loulou über Henri Rousseaus "La Noce"

Loulou, 6, durchschaut Intrigen und kennt sich mit komplizierten Familienkonstellationen, bösen Stiefmüttern und bissigen Hunden aus.
Loulou über Henri Rousseaus "La Noce"

Loulou mit einer Reproduktion von Henri Rousseaus "La Noce", um 1905, 163 x 114 cm

Also, die zwei Leute mit den helleren Haaren links und rechts von der Braut, die waren mal ein Liebespaar! Die Frau ist die Stiefmutter der Braut – die böse Stiefmutter. Sie hat die Braut immer ganz fies behandelt. Das sieht man, weil sie so fies guckt.

Der Mann mit den hellen Haaren ist der Vater der Braut. Dem tut das ein bisschen leid, dass seine Exfrau so böse ist. Der Bräutigam steht ganz links außen und hat einen lustigen Schnurrbart. Er steht nicht direkt neben seiner Braut, weil sich da der Vater der Braut reingedrängt hat.

Loulou über Henri Rousseaus "La Noce"

Henri Rousseau: "La Noce", um 1905, 163 x 114 cm

Hinter der Braut steht ein altes Ehepaar, das irgendwie traurig guckt. Das sind die Tante und der Onkel von der Braut. Die sind schon ganz lange verheiratet und haben schon oft gestritten. Die zwei alten Leute vorne in Blau und Braun sind die Eltern vom Bräutigam. Die sind schon ein bisschen älter als die Familie der Braut. Der Vater sitzt auf einem Baumstumpf. Das ist okay, denn er ist alt.

Warum ausgerechnet die alte Mutter knien muss, verstehe ich nicht, denn alte Leute können das nicht mehr so gut. Wahrscheinlich hat die böse Stiefmutter das so eingefädelt. Ganz vorne hockt ein schwarzer Hund ohne Augen. Das ist der Hund der Stiefmutter. Der hat die Braut schon mal ganz doll gebissen – so doll, dass es geblutet hat. Und trotzdem hat die Stiefmutter ihn mit zur Hochzeit gebracht. Voll unmöglich!

Das Brautpaar hat nicht in der Kirche geheiratet. Das wollte der Bräutigam nicht. Er fühlt sich im Wald wohler. Das hat die Braut aber sehr traurig gemacht, denn sie wollte sehr gern in der Kirche heiraten. Wenigstens hat sie ein weißes Brautkleid bekommen mit einem ganz langen Schleier. So würde ich auch heiraten. Obwohl – der Kragen ist mir ein bisschen zu hoch und die Ärmel zu bauschig.

Matteo über Jonathan Meese
Matteo, 6, kennt sich unter Wasser bestens aus und entschlüsselt für uns die geheimen Botschaften, die Jonathan Meese im Bild versteckt hat

Ich finde Brautkleider schöner, bei denen die Schultern und die Arme frei sind. Wenn ich mal heirate, würde ich auch lieber in einer Kirche heiraten als im Wald. Ich war schon mal auf einer Hochzeit. Da haben Olli und Marie-Claire geheiratet, und alle waren lila angezogen. Und das Verrückte daran ist, dass das nicht geplant war, sondern Zufall!

Kinder erklären Kunst
Die ganz Kleinen interpretieren die ganz großen Klassiker der Kunstgeschichte ... und die Kinder sind immer für eine Überraschung gut.

Henri Rousseau

Henri Rousseau gilt als einer der Wegbereiter des Surrealismus. Er wird den Stilrichtungen des Postimpressionismus und der Naiven Kunst zugeordnet. Seine Bilder erzählen Geschichten, die sich zwischen Realität und Traum befinden. In seinen Werken spielt er mit surrealen Größenverhältnissen und Perspektiven – in "La Noce" ist der Hund ist riesig, die Braut scheint zu schweben. Seinen Durchbruch als Künstler erlebte er recht spät mit seiner Serie „Dschungelbilder“(1891-1910). Rousseau war Autodidakt und bis zu seinem 35. Lebensjahr als Zollbeamter beschäftigt – daher war er auch als „Le Douanier“ (der Zöllner) bekannt.