Kinder erklären Kunst

Hanna über Franz Marcs »Kühe, gelb-rot-grün«

Hanna, 5, spielt Fußball und weiß, dass nachts alle Farben dunkler aussehen als am Tag. Ähnlich wie in Franz Marcs Farbsymbolik interpretiert die angehende Kunstexpertin, warum die expressiven Farben der Kühe so gewählt sind.
Hanna über Franz Marcs »Kühe, gelb-rot-grün«

Hanna mit einer Reproduktion von Franz Marcs "Kühe, gelb-rot-grün" von 1912

Kühe können eigentlich gar nicht springen! Kühe stehen auf der Weide herum oder im Stall, und ab und zu machen sie mal "Muh". Die Kuh auf dem Bild sieht sehr glücklich aus. Sie freut sich vielleicht so doll, weil sie endlich mal auf die Weide durfte – immer nur im Stall herumzustehen muss ziemlich langweilig sein. Ich gehe auch gern raus. Wenn ich mich ganz doll freue, springe ich auch in die Luft – oder ich spiele Fußball. Fußball ist mein Lieblingssport. Ich spiele sogar im Verein mit Jungs und Mädchen zusammen. Nur ein Tor habe ich noch nie geschossen, aber vielleicht klappt das ja irgendwann noch einmal.

Feodor über »Die schlechten Ärzte» von James Ensor
Feodor, 6, zweifelt daran, dass man mit streitenden Geistern vernünftig reden kann und ist sich sicher, dass das Skelett in der Ecke einen Regenschirm bei sich trägt.

Die Kuh freut sich vielleicht auch so doll, weil sie nicht alleine ist auf der Weide. Da ist auch noch ihre Baby-Kuh, und ganz hinten ist die Vater-Kuh. Der Vater hat eine merkwürdige Farbe: Dunkelgrün! Vielleicht wurde er angemalt, oder er hat zu viel Spinat gegessen. Die Baby-Kuh ist braun, und braune Kühe gibt es. Die habe ich sogar schon mal gesehen. Die Mama-Kuh ist gelb. Gelbe Kühe gibt es eigentlich nicht, aber vielleicht ist die Mama-Kuh eigentlich schwarzweiß und sieht nur so gelb aus, weil sie in der Sonne steht. Aber weiter hinten, da wo Papa Kuh steht, da ist der Himmel schwarz. Da muss schon Nacht sein. Vielleicht ist Papa Kuh so grün, weil nachts sich alle Farben verdunkeln und gar nicht mehr so leuchtend aussehen wie am Tag.

Grün ist übrigens meine Lieblingsfarbe! Deswegen finde ich Papa Kuh am schönsten. Ich war nur einmal in meinem Leben nachts draußen, und das war an Silvester. Das war aufregend und unheimlich, denn überall hat es geknallt. Ich hatte richtig Angst vor dem Lärm und vor dem Rauch. Mama und Papa haben auch Feuerwerk angezündet, das war zum Glück nicht so laut und sah auch noch sehr schön aus.

Hanna über Franz Marcs »Kühe, gelb-rot-grün«

Franz Marc: "Kühe, gelb-rot-grün", 1912,  Lenbachhaus München

Wenn wir im Kindergarten "Vater, Mutter, Kind" spielen, bin ich am liebsten das Baby. Wir spielen das immer in der Kinderwohnung, wenn die nicht schon besetzt ist. Da gibt es eine Küche und Schränke und Tische und Stühle und Geschirr. Ich liebe Babys, weil die so süß sind und so krabbelig. Dann kann ich einfach herumkrabbeln und alles anfassen, und die anderen müssen sagen: "Vorsichtig, Hanna!", "Pass auf, Hanna!", "Nein, nicht anfassen, Hanna!" Das mach ich dann aber extra, und das ist lustig!

Franz Marc: "Kühe, gelb-rot-grün", 1912

Franz Marc, eigentlich Franz Moritz Wilhelm Marc, war einer der bekanntesten deutschen Expressionisten. Er gründete unter anderem mit Wassily Kandinsky die Künstlergemeinschaft "Der Blaue Reiter". Als Künstler- sowie Redaktiongemeinschaft verfasste die Gruppe einen eigenen Almanach und zahlreiche kunsttheoretische Schriften. Eine erste Ausstellung fand im Dezember 1911 in München statt. Der folgende Auszug aus einem Brief Franz Marcs an den Künstler und Malerkollegen August Macke vom 12. Dezember 1910 zeigt wie sehr sich Marc mit der Farbenlehre Johann Wolfgang von Goethes und Wilhelm von Bezolds auseinandersetzte. Ebenso die Farbensymbolik Philipp Otto Runges, inspirierte ihn zu dem expressiven Farbrausch seiner Bilder.

"Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal und schwer und stets die Farbe, die von den anderen beiden bekämpft und überwunden werden muß! Mischst Du z. B. das ernste, geistige Blau mit Rot, dann steigerst Du das Blau bis zur unerträglichen Trauer, und das versöhnende Gelb, die Komplementärfarbe zu Violett, wird unerläßlich. (…) Mischst Du Rot und Gelb zu Orange, so gibst Du dem passiven und weiblichen Gelb eine megärenhafte, sinnliche Gewalt, daß das kühle, geistige Blau wiederum unerläßlich wird, der Mann, und zwar stellt sich das Blau sofort und automatisch neben Orange, die Farben lieben sich. Blau und Orange, ein durchaus festlicher Klang. Mischst Du nun aber Blau und Gelb zu Grün, so weckst Du Rot, die Materie, die Erde, zum Leben."

In diesem regen Briefverkehr mit Macke schilderte er ausführlich seine Erkenntnisse und die Absicht, sich daraus seine eigene Farblehre zu schaffen. Franz Marc verwendete diverse Techniken wie Ölfarben, Gouachen, Bleistift, Aquarell und schuf Holzschnitte. Seine bevorzugten Motive waren die Tiere als Sinnbild von Ursprünglichkeit und Reinheit, da sie für ihn die Idee der Schöpfung verkörpern und im Einklang mit der Natur leben. Der Farbeinsatz in seinen Werken ist nicht nur expressiv, sondern auch symbolisch im Sinne von Marcs eigenen Farbgesetzen.

 

Kinder erklären Kunst
Die ganz Kleinen interpretieren die ganz großen Klassiker der Kunstgeschichte ... und die Kinder sind immer für eine Überraschung gut.