Kinder erklären Kunst

Feodor über »Die schlechten Ärzte» von James Ensor

Feodor, 6, zweifelt daran, dass man mit streitenden Geistern vernünftig reden kann und ist sich sicher, dass das Skelett in der Ecke einen Regenschirm bei sich trägt.
Feodor über »Die schlechten Ärzte» von James Ensor

Feodor mit einer Reproduktion von James Ensor: "Die schlechten Ärzte", 1892

Ganz oben ist eine Uhr. Die Uhr wird von einem Geist mit einem schwarzen Gesicht festgehalten, der von draußen durchs Fenster in den Raum guckt. Neben dem schwarzen Geist steht noch ein gelber Geist, der ein ganz komisches Gesicht macht – vielleicht hat er Schmerzen. Der gelbe Geist hält ein Gewehr in der Hand, mit dem er den Hut von einem Mann im Zimmer abschießt. Ich glaube, da kommt schwarzes Wasser raus. Durch die Tür kommt ein Skelett mit einem Regenschirm. Wahrscheinlich will es sich vor dem Wasserpistolenangriff der Fenstergeister schützen. Der Schirm geht zum Glück bis übers Gesicht vom Skelett, sodass es das schwarze Wasser nicht in die Augen kriegt.

Vor dem Skelett ist eine kleine, dicke Frau – das ist eine Diebin! Sie zieht dem Mann, dem der Hut abgeschossen wird, Geldscheine aus der Manteltasche. Der Mann merkt das nicht, weil er ja grade nass gespritzt wird. Wenn man eine Wasserschlacht macht, kann man an gar nichts anderes denken. Ich glaube, dass die Männer mit den schwarzen Mänteln Zauberer sind. Das sieht man an den langen Hüten. Sie streiten darüber, wer besser zaubern kann. Dabei haben sie sich beide in einer langen Eisenkette verhakt. Die Eisenkette fesselt auch den Mann mit dem roten Bart, der ein spitzes Messer in der Hand hält. Ich weiß nicht, ob er den rechten Zauberer beschützen oder bedrohen will, aber freundlich sieht er nicht aus. Aus seinem Bart kriechen Würmer – igitt! Der muss sich mal waschen! Die Eisenkette geht bis zu einem Ball, den der Clown mit der weißen Zipfelmütze auf dem Sofa auf dem Schoß hält.

Kalle über das »Bildnis der Tänzerin Anita Berber» von Otto Dix
Kalle, 5, kennt sich mit Falten aus und glaubt, dass die Dame ihren Text vergessen hat. Unser Kunstexperte, der gerne mit mehr Farben malt, als nur Rot, vermutet, dass Erwachsenentheater nicht so witzig ist wie das Kasperletheater

Irgendwie streiten da alle auf dem Bild, und man kann gar nicht genau sagen, wer angefangen hat und wer recht hat. Auf dem Boden liegen Waffen herum, Messer und Sägen und Korkenzieher, die sich zum Glück noch niemand geschnappt hat. Wenn ich da dabei wäre, würde ich versuchen, dass sich alle wieder vertragen. Aber vielleicht wäre das auch unmöglich, denn mit Geistern kann man nicht so reden wie mit Menschen. Geister sind ziemlich doof, denn sie können nichts anderes, als Angst machen. Zum Glück leben Geister aber nur in Geisterbahnen. Ich war noch nie in einer Geisterbahn, aber so stelle ich es mir da drin vor. Unten links in die Ecke hat jemand Buchstaben in den Fußboden geritzt. Das war bestimmt der Obergeist.

James Ensor und »Die schlechten Ärzte»

Der belgische Künstler James Ensor war Maler, Zeichner und vor allem ein ausgezeichneter Druckgraphiker. Seine Werke sind ebenso realistisch wie abgründig. Ensors Vorliebe für das Dunkle und Groteske, das Seltsame und manchmal auch Burleske steht in Verbindung mit dem Souvenirgeschäft seiner Familie im belgischen Küstenstädtchen Ostende. Es ist ein Geschäft, das für ihn schon als Kind etwas Unheimliches barg, aber in seinem Künstlerdasein fruchtete. In diesem “unentwirrbaren Durcheinander verschiedenster Dinge“ zeigte sich eine Welt voller bunter Waren: die schillernden Lichtreflexe der Muscheln, das chinesische Porzellan, prachtvolle Spitze, Papageien und Affen. Ein Ort wo sich Waffen mit der ausgestopften Tierwelt abwechselten. Der Symbolist schöpfte aus diesem merkwürdigen Fundus, der für ihn vor allem ein Motiv barg: die Maske - als “Maler der Masken“ wurde James Ensor zu einem maßgeblichen Vorreiter für die deutschen Expressionisten, Paul Klee und die Surrealisten.

Die Bildidee der "schlechten Ärzte“ existiert in der Druckgraphik wie auch als malerische Übersetzung. In hellen und schrillen Farben bietet sich dem Betrachter eine grausame Operationsszene dar: blutige Messer, Bohrer, Sägen, ein Bandwurm oder Gedärm. Und die rücksichtlosen Ärzte scheren sich hier weder um den Patienten noch um den Sensenmann, der die Szene etwas abseits beobachtet, sondern sind nur auf ihren Vorteil bedacht. Eine wilde Zusammenschau des Scheinheiligen, Hässlichen und Bösartigen.

 

Kinder erklären Kunst
Die ganz Kleinen interpretieren die ganz großen Klassiker der Kunstgeschichte ... und die Kinder sind immer für eine Überraschung gut.